Spielfilm im Nationalsozialismus

Screening National Socialism: Ideology and Everyday Life in German Cinema 1933-1945

Filme prägen Menschen und spiegeln Geschichte. Dies gilt heute wie gestern und ebenso für Demokratien wie für Diktaturen. Auch im „Dritten Reich“ war das Kino ein Ort der Vermittlung, Verarbeitung und Reflexion von Weltbildern und Gefühlen. Kein zweites Massenmedium war von 1933 bis 1945 so beliebt und wurde so intensiv rezipiert wie der Spielfilm. Auf der Leinwand versuchte das NS-Regime, seine Politik und Ideologie in die Köpfe und Herzen der „Volksgenossen“ zu pflanzen. Zugleich musste die Filmindustrie die Erwartungen und Träume des Publikums berücksichtigen, sodass Spielfilm im Nationalsozialismus viel mehr ist als Ausdruck von offensichtlicher Propaganda. Spielfilme bieten als komplexe zeithistorische Quelle einen tiefen Einblick in die Dynamik der Diktatur, weil ideologische Manipulation auf die Ambivalenzen individueller Rezeption stieß und Prozesse gesellschaftlicher Aushandlung und kultureller Aneignung eng miteinander verknüpft waren.

 

Trotz der Erkenntnispotenziale des Mediums Spielfilm für die Kultur- und Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus hat die Geschichtswissenschaft diese ergiebige zeithistorische Quelle bisher weitgehend unbeachtet gelassen. Hier setzt das von der Leibniz-Gemeinschaft im Programm „Kooperative Exzellenz“ geförderte Forschungsprojekt „Screening National Socialism: Ideology and Everyday Life in German Cinema 1933-1945“ (SCREENS) an, das unter Gesamtleitung des IfZ (Projektleiter: Johannes Hürter) und in Partnerschaft mit dem Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa in Leipzig (GWZO) im Juni 2025 seine Arbeit aufgenommen hat. Das Projekt kooperiert international und interdisziplinär mit zahlreichen weiteren Partnern aus Geschichtswissenschaft, Filmwissenschaft und Sprachwissenschaft. Zentral ist die privilegierte Zusammenarbeit, die das IfZ mit der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung (FWMS) vereinbart hat (siehe: Forschungsprojekt über NS-„Vorbehaltsfilme“ gestartet). Die FWMS unterstützt das SCREENS-Projekt mit ihrem reichhaltigen Bestand an NS-Spielfilmen und Dokumenten. Weitere wichtige institutionelle Kooperationspartner sind u.a. das Bundesarchiv, das Deutsches Filminstitut & Filmmuseum (DFF), die Deutsche Kinemathek und das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS). Mit seinen vielfältigen Kooperationen und Forschungen zielt das Projekt auf eine integrative Filmgeschichte des Nationalsozialismus, in der Spielfilme als Seismografen der Politik, Gesellschaft und Kultur der NS-Diktatur analysiert und damit für die Zeitgeschichtsforschung neu erschlossen werden.

Am IfZ, Forschungsabteilung München, entstehen drei Dissertationen über Kindheits- und Familienentwürfe im NS-Kino, über die Darstellung von „Gefühlen“ und Privatheit im Genre Melodram sowie über Religion und Glauben im NS-Spielfilm. Außerdem wird als IfZ-Eigenleistung eine Studie über die sogenannten Vorbehaltsfilme erarbeitet. Ein weiteres Dissertationsprojekt über das Kino im Protektorat Böhmen und Mähren wird am GZWO durchgeführt. Neben diesen größeren Projekten sind weitere Forschungsbeiträge geplant, am IfZ von Bernhard Gotto, Ingo Loose und Yuliya von Saal.

Teilprojekte am IfZ

Kindheiten im Kino. Neue Bilder zum jungen Menschen im NS-Spielfilm. (Bearbeiter: Tizian Bartling

Das Promotionsprojekt geht der Frage nach, wie in (ausgewählten) NS-Spielfilmen Kinder und Jugendliche, ihre Lebenswelten und Familien dargestellt werden. Das zu untersuchende Filmsample umfasst dabei nicht nur explizite Jugendfilme, sondern auch Produktionen, die auf ein erwachsenes Publikum zielten, aber junge Neben- und Hauptrollen aufwiesen. Die Filmanalysen richten den Blick auf die verschiedenen Facetten kindheits-, familien- und gemeinschaftsbezogener Aspekte der NS-Ideologie: Wie werden Kindheit und Jugend, wie Erziehung und Vergemeinschaftung, wie die Rollenbilder und Beziehungen innerhalb der Familien und der Gesellschaft dargestellt? Wie ist das Verhältnis traditioneller und progressiver Auffassungen, und welche Entwicklungen sind im zeitlichen Verlauf der Diktatur zu erkennen? Die bewegten Bilder des Spielfilms waren auch immer Körperbilder, an denen gezeigt werden kann, wie Jugend als erste Generation eines „Neuen Menschen“ nach dem Rassenideal des Nationalsozialismus stilisiert und modelliert wurde.

Das Projekt fragt nicht allein nach der ideologischen und politischen Nähe des Filmschaffens, sondern auch danach, welche Freiheiten und individuellen Entfaltungen der (Film-)Jugend in einer von Autorität und Gemeinschaft geprägten Ordnung zu- und abgesprochen wurden. Um die Wirkung der untersuchten Inhalte auf ihre jungen Zuschauer nachzuvollziehen, nähert sich das Projekt außerdem der Rezeptionsgeschichte an. Es erkundet dabei das Kino als sozialen Raum der Jugend, ihrer Prägungen und Aushandlungen.

Das Melodram. Gefühle, Privatheit und Glück in der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“. (Bearbeiterin: Sophia Munoz Ott

Das Promotionsprojekt befasst sich mit einem der populärsten Genres des NS-Kinos – dem Melodram. Im Melodram steht die Aushandlung innerer Konflikte im Vordergrund. Die Filmfiguren befinden sich im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Normen und ihren eigenen Vorstellungen von (individuellem) Glück. Sichtbar wird dies insbesondere durch die filmische Inszenierung von Gefühlswelten und Emotionen.

Interessanterweise werden diese Aushandlungsprozesse innerhalb der Filme nicht immer im Sinne der gesellschaftspolitischen Erwartungen des Nationalsozialismus aufgelöst. Dies fügt sich in die neuere Forschung zur „NS-Volksgemeinschaft“ ein, die herausgestellt hat, dass deren Mitgliedern ein (gewisser) Freiraum sowie Möglichkeiten individueller Entfaltung zugestanden wurden. Das Melodram fungierte innerhalb der scheinbar stark regulierten und kontrollierten „NS-Volksgemeinschaft“ somit als mediales Aushandlungsfeld individueller Wünsche, Träume und Sehnsüchte, die sich teils mit nationalsozialistischen Ideen verbinden ließen, teils aber auch mit ihnen konfligierten. Da es sich beim Melodram um ein Genre handelt, das sich insbesondere an Frauen richtet, beziehen sich diese Aushandlungen vor allem auf geschlechterspezifische Rollenbilder.

Ziel des Projekts ist es herauszuarbeiten, welche Lebensentwürfe und sozialen Konstellationen im NS-Melodram dargestellt und zur Diskussion gestellt werden. Diese sollen in den historischen Kontext der NS-Gesellschaftsgeschichte eingeordnet und mithilfe von Ansätzen der Geschlechter- und Emotionsgeschichte analysiert werden. In die Analyse werden genretypisch besonders bedeutsame filmische Gestaltungsmittel wie Szenenbild und Kostüm einbezogen. Sie greifen die Persönlichkeit sowie die inneren Gefühlswelten der Figuren auf und unterstützen damit das Narrativ des Films.

Alter und neuer Glauben. Religion im NS-Spielfilm. (Bearbeiterin: Maylin Amann

Das Promotionsprojekt widmet sich dem Verhältnis von Religion und Nationalsozialismus im komplexen Zeichensystem des fiktionalen Films und untersucht „Gläubigkeit“ als Faktor der NS-Herrschaft. Mit der Analyse, wie Religion und Glauben im Massenmedium Spielfilm thematisiert wurden, sollen übergreifende Erkenntnisse zur Bedeutung und Inszenierung von „Glauben“ im Nationalsozialismus gewonnen werden. 

Das Genre des religiösen Spielfilms gab es in der NS-Zeit nicht. Meist wurden religiöse Inhalte in Form von Ritualen, Symbolen, Architektur, Kunst und Musik thematisiert. Auch in Sprache und Habitus finden sich oft religiöse Anklänge. Insbesondere in Historien- und Propagandafilmen wurde die Verbindung von Christentum, Hochkultur und Volksgemeinschaft propagiert und im Kinosaal gemeinsam „erlebt“. Einerseits wurden gezielt christlich-konservative Haltungen gezeigt und mit der NS-Ideologie verbunden, um kirchennahen Bevölkerungsteilen die Integration in den Nationalsozialismus zu erleichtern. Andererseits wurde der Nationalsozialismus aber auch als Religionsersatz propagiert, indem der „Glauben“ an „Führer, Volk und Vaterland“ absolut gesetzt und die christliche Religion und ihre Institutionen in Frage gestellt wurden. 

Das Projekt wird an exemplarischen Filmproduktionen im Detail aufzeigen, wie, mit welcher Bedeutung und zu welchem Zweck religiöse Themen, Motive und Assoziationen im NS-Spielfilm eingesetzt wurden. 

Filmerbe unter Vorbehalt. Politische Spielfilme der NS-Diktatur – Geschichte, Quellenwert, Gegenwart. (Bearbeiter: Johannes Hürter

Anders als in den übrigen Teilprojekten stehen in diesem Projekt dezidierte Propagandafilme im Mittelpunkt. Die Untersuchung geht von jenen 44 Spielfilmen aus, die von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung als Vorbehaltsfilme eingestuft wurden und nur mit wissenschaftlicher Begleitung gezeigt werden dürfen. Neben dem berüchtigtsten NS-Spielfilm „Jud Süß“ (1941) und einer Handvoll weiterer bekannter Filme finden sich überwiegend bisher unbeachtete Filme auf der Liste. Sie bieten einen repräsentativen Querschnitt durch die politisch besonders aufgeladenen Spielfilme der NS-Diktatur. Was erzählen sie uns über den Nationalsozialismus – und wie soll künftig mit diesem „Giftschrank“ des NS-Kinos umgegangen werden? Um diese Fragen zu beantworten, müssen die Vorbehaltsfilme mit den zahlreichen anderen Spielfilmen verglichen werden, die vom Regime als „staatspolitisch wertvoll“ bewertet wurden oder ohne dieses zeitgenössische Prädikat eindeutig politische Inhalte aufweisen. Kontrastierend dazu werden die 27 Filme einbezogen, die 1933 bis 1945 von der NS-Zensur verboten wurden. Dabei ist zu fragen, was die Filmpolitik an diesen Filmen störte und was das über die nationalsozialistische Propaganda vermittelt. Ziel der Studie ist eine Gesamtgeschichte des explizit politischen NS-Spielfilms, die den aktuellen Diskussionen über den Umgang mit dem „braunen Filmerbe“ eine neue wissenschaftliche Grundlage gibt.

Teilprojekt am GWZO:

Germanisierung mit Hilfe des Kinos? Filme in den annektierten Gebieten Polens und im Protektorat Böhmen und Mähren 1939-1945. (Bearbeiter: Pascal Klassert) Im Promotionsprojekt wird mit Methoden und Fragestellungen aus Geschichts- und Filmwissenschaft die Rolle des Spielfilms sowie des Kulturfilms in den eingegliederten polnischen Gebieten und im Protektorat Böhmen und Mähren vor dem Hintergrund der Germanisierungspolitik untersucht. Dabei richtet sich der Fokus anhand ausgewählter Regionen und Städte vor allem auf drei Aspekte: das Kinoleben in den Städten, die Parteifilmarbeit der Gaufilmstellen auf dem Land sowie die sogenannte filmische Betreuung deutscher Bevölkerungsgruppen in den Umsiedlungslagern. Wie veränderte sich in der Besatzungszeit das Kino und der Kinobesuch? Welche Haltungen gegenüber den deutschen Besatzern manifestierten sich in den Reaktionen der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen auf das Kino? Wie ist die Kino- und die Parteifilmpolitik im Kontext der unterschiedlichen Germanisierungsziele einzuordnen? Welche Bedeutung hatten Filmvorführungen in den Umsiedlungslagern und damit in der nationalsozialistischen Umsiedlungspolitik? Anhand von Ego-Dokumenten soll auch die Rezeptionsebene der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in den annektierten polnischen und tschechischen Gebieten berücksichtigt werden, um so einen Einblick in den Besatzungsalltag zu gewähren.

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