Lehrveranstaltungen im Wintersemester 2026/2027

IfZ-Oberseminar: Neue Forschungen zur Zeitgeschichte

Prof. Dr. Isabel Heinemann, PD Dr. Ariane Leendertz, PD Dr. Thomas Schlemmer

LMU München
Zeit: in der Regel Donnerstag von 17:00 s.t. bis 20:00 Uhr, vierzehntägig, Beginn: 15. Oktober 2026, Ende: 2. Februar 2027 (Dienstag)
Ort: IfZ München, Seminarraum

Das Oberseminar bietet ein Forum zur Diskussion laufender Forschungsarbeiten (Master, Disser-tationen) und zur gemeinsamen Lektüre vorab bereitgestellter Texte (z. B. „Klassiker“ der Zeit-geschichte oder auch Theorietexte, je nach den Bedürfnissen der Teilnehmenden). Ergänzt wird das Programm durch Vorträge externer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu aktuellen Themen der deutschen, internationalen und jüngsten Zeitgeschichte. Das Oberseminar steht allen fort-geschrittenen Studierenden mit Interesse an zeithistorischen Forschungen offen.

Prof. Dr. Isabel Heinemann

LMU München
Vorlesung: Geteilte Geschichte: Gesellschaftsgeschichte Deutschlands nach 1945
Zeit: Donnerstags, 10-12.00 Uhr

Seit langem existiert das Forschungsparadigma einer verflochtenen, integralen, aufeinander bezogene Geschichte beider deutscher Staaten. Doch auf der Ebene der Metanarrative wird weiterhin zumeist die Bundesrepublik als „Regelfall“ und die DDR als „Abweichung“ betrachtet. Kontroversen um „den Osten“ als „Erfindung des Westens“ (Dirk Oschmann) oder die Forderung, die Alltagsgeschichte der DDR endlich „positiv“ zu erzählen (Katja Hoyer) haben gezeigt, welcher Nachholbedarf dabei besteht, die vielfach als hegemonial wahrgenommene Diskursposition „des Westens“ gegenüber der des „Ostens“ durch eine andere Art der Geschichtsschreibung zu ersetzen. 

Doch bereits jetzt füllen die Forschungen zu BRD und DDR Bibliotheken. Daher möchte die Vorlesung einen Überblick geben und Orientierungswissen bereitstellen, um informiert über die geteilte(n) Geschichte(n) beider deutscher Staaten nachzudenken und wählt hierzu einen gesellschaftshistorischen Zugang. Beginnend mit der Situation am Ende des Zweiten Weltkrieges verfolgen wir die verflochtenen Parallelgeschichten beider Staaten über den Mauerfall hinaus bis zur „Wiedervereinigungsgesellschaft“ am Ende des 20. Jahrhunderts. 

Zur Einführung: Gunilla Budde, So fern, so nah. Die beiden deutschen Gesellschaften (1949–1989), Stuttgart 2023.

 

Prof. Dr. Dierk Hoffmann

Universität Potsdam
Oberseminar: Die langen Schatten der Vergangenheit. Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit in der Bonner Republik 1945/49-1990
Zeit: Freitags, 14-16 Uhr

Mit dem Untergang des NS-Regimes 1945 verschwanden die immer schon vorhandenen rechtsradikalen, antisemitischen und rassistischen Einstellungen in Deutschland nicht von der Bildfläche. Das Seminar untersucht an ausgewählten Beispielen die Entwicklung von Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit in der Bonner Republik zwischen 1945 und 1990. Dabei geht es um Akteure, Organisationen und Praxis rechtsradikaler Einstellungen.

Dr. David Irion

Ludwig-Maximilians-Universität München
Übung: Probleme der Zeitgeschichte nach 1945
Zeit: Donnerstags 16.00 bis 18.00 Uhr

Die Übung ist auf die Verflechtungen der deutsch-deutschen Geschichte fokussiert. Sie gibt einen Überblick zur Geschichte der Bundesrepublik und der DDR in ihren europäischen und internationalen Bezügen. Behandelt werden zentrale politik- und gesellschaftsgeschichtliche Themen. Die Übung führt in die Arbeit mit historischen Quellen ein und gibt erste Einblicke in zeithistorische Forschungsfragen.

Dr. Sven Keller und Dr. Sebastian Peters

Universität Augsburg
Übung: Nationalsozialismus ausstellen am Täterort – Die Dokumentation Obersalzberg

Wie lässt sich die Geschichte des Nationalsozialismus heute ausstellen? Die Übung nähert sich dieser Frage am Beispiel des Täterorts Obersalzberg und der dort 2023 neu eröffneten Dauerausstellung an. Der Obersalzberg war von 1933 bis 1945 faktisch zweiter Regierungssitz des NS-Staats, Bühne für die Inszenierung Hitlers als volksnaher „Führer“ und Ort zahlreicher Entscheidungen über Massenverbrechen. Im Rahmen des Kurses werden die Potentiale der Geschichtsvermittlung am authentischen Ort, aber auch die damit verbundenen Schwierigkeiten thematisiert. Wie kann beispielsweise der Umgang mit ideologisch aufgeladenen Objekten oder Propagandabildern aussehen? Welche Herausforderung bringt seriöse Geschichtsvermittlung und Erinnerungsarbeit in einem stark touristisch geprägten Umfeld mit sich? Daran anschließend steht vor allem die Praxis im Fokus: Eine zweitägige Exkursion zur Dokumentation Obersalzberg beleuchtet verschiedene Komponenten des Ausstellungsmachens, ebenso wie die Vermittlungsarbeit vor Ort.

PD Dr. Malte König

Freie Universität Berlin
Seminar: Theorie, Methode und Geschichte der Geschichtswissenschaft
Zeit: Donnerstags, 18-20 Uhr, erste Sitzung am 15. Oktober 2026

Das Seminar ergänzt die Ringvorlesung „Theorie, Methode und Geschichte der Geschichtswissenschaft“. Es führt in die Praxis des wissenschaftlichen Arbeitens ein. Im Mittelpunkt stehen die grundlegenden Fertigkeiten, die Sie benötigen, um erfolgreich Geschichte zu studieren: das Auffinden, gezielte Lesen und Zitieren von geeigneter Forschungsliteratur, der Umgang mit Quellen, das Entwickeln einer wissenschaftlichen Fragestellung sowie die Konzeption einer Hausarbeit (die den Modulabschluss bildet).

Dr. René Küpper

Karlsuniversität Prag
Blockseminar: Deutsche und Tschechen – nahe und ferne Nachbarn (von der Habsburgermonarchie bis zur europäischen Union)
Zeit: 08.10.-07.12.2026

Bis Deutsche und Tschechen Partner in der Europäischen Union wurden, mussten sie einen langen Weg zurücklegen. Dabei waren sie in verschiedenen Zeiten und Konstellationen ferne und nahe Nachbarn zugleich – zum einen als Bewohner angrenzender Staatswesen, zum anderen bis 1945/47 auch in den Dörfern und Städten der böhmischen Länder. Gerade in letzterem Fall kam es zu oft widersprüchlichen Formen des Zusammenlebens: Pflegten viele Menschen beider Nationen ein konfliktfreies und partnerschaftliches Verhältnis, fochten gleichzeitig die Nationalbewegungen heftige Kämpfe aus. Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie im Jahr 1918 fanden sich die einstmals politisch dominierenden Deutschen als Minderheit in der nun gegründeten Tschechoslowakei wieder, während ihre tschechischen Nachbarn mit den Slowaken die offizielle Staatsnation bildeten. Im Zweiten Weltkrieg waren die böhmischen Länder in den „Reichsgau Sudetenland“ und das „Protektorat Böhmen und Mähren“ geteilt, das Zusammenleben war nun geprägt von NS-Herrschaft und Terror. Nach der Vertreibung und Zwangsaussiedlung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei betrachteten sich Tschechen und Deutsche vorwiegend aus der Ferne. Während des Ost-West-Konfliktes war die Tschechoslowakei mit gleich zwei deutschen Staaten konfrontiert: der „brüderlich“ befreundeten DDR und der „imperialistischen“ BRD. Nach 1989/90 entwickelten Tschechen und Deutsche trotz aller kontroversen Diskussionen über die gemeinsame Geschichte ein partnerschaftliches Miteinander, das sich heute durch zunehmende wirtschaftliche und gesellschaftliche Verflechtung auszeichnet. In letzter Zeit werden aber auch unterschiedliche Vorstellungen deutlich, wie den globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu begegnen sei. Im Blockseminar werden die verschiedenen Stationen dieser vielfältigen nahen und fernen Nachbarschaften analysiert.

Stefan Leicht, M.A. (gemeinsam mit Martin Munke M.A.)

Technische Universität Dresden
Seminar: Klemperers Tagebücher digital – Analysieren, Visualisieren und Kuratieren
Zeit: Montag, 14:50-16:20 Uhr, Datum: 12.10.2026 – 01.02.2027

Das Tagebuch von Victor Klemperer, das er von 1918 bis 1959 durchgängig führte, ist für den Zeitraum 1933 bis 1945 eines der umfangreichsten Zeugnisse zur Verfolgung im Nationalsozialismus und zum Holocaust. Seine Tagebücher bieten vielfältige Zugänge zur digitalen Aufarbeitung, ethischen Reflexion und digitalen Darstellung von Zeugnissen zur Shoah. 

Im Seminar werden die Tagebücher mit verschiedenen Methoden der Digital Humanities analysiert, um am Ende, wenn möglich, in ein städtisches Projekt zur Erinnerungsarbeit in Dresden einzufließen. Das Seminar folgt dabei dem chronologischen Vorgehen bei einem digitalen Erschließungsprojekt. Nach einer Einführung in die historische Thematik und der ethischen Reflexion über den digitalen Umgang mit Quellen aus der Zeit des Holocaust, wird u.a. mit Handschriftentexterkennung gearbeitet. Anschließend werden Methoden wie Text-Mining, Named Entity Recognition, Stilometrie, sowie Sentiments- und Emotionsanalyse auf die Tagebücher angewendet. Nach dem Fokus auf die Erschließung und Analyse stehen die Visualisierungs- und Publikationsmöglichkeiten bis hin zur digitalen Ausstellung im Vordergrund. Abschließend werden Möglichkeiten der Umsetzung eines RAG-Chatbots erprobt.

Quelle und einführende Literatur:

  • Klemperer Online. Tagebücher 1918–1959, De Gruyter Brill 2019 (Datenbank, Zugang über SLUB-Login)
  • Arvi Sepp, Topographie des Alltags: Eine Kulturwissenschaftliche Lektüre von Victor Klemperers Tagebüchern 1933-1945, Wilhelm Fink 2016
  • Todd Presner: Ethics of the Algorithm. Digital Humanities and Holocaust Memory, 2024 (E-Book, freier Zugang)
  • Tim Cole/Alberto Giordano/Anne Kelly Knowles (Hgg.): Geographies of the Holocaust, Indiana UP 2014

Dr. Christian Rau

Universität Potsdam
Seminar: Anpassen, Arrangieren, Aufbegehren: Alltag in der DDR unter Erich Honecker (1971-1989)
Datum: 16.10.26, 23.10.26, 30.10.26, 6.11.26, 13.11.26, 20.11.26, 27.11.26, 4.12.26, 11.12.26, 18.12.26, 8.1.27, 15.1.27, 22.1.27, 29.1.27, 5.2.27

Konsolidierung, Utopieverlust, Stagnation, Erosion, Niedergang, Ende – mit diesen und ähnlichen Begriffen wird die DDR unter Erich Honecker (1971–1989) zumeist charakterisiert. Wachsender Wohlstand, Zwänge, Repression, Nischen, aber auch neue Freiräume und informelle Netzwerke bestimmten das Alltagsleben der Ostdeutschen in den rund 20 Jahren vor dem Fall der Mauer. Das Seminar beleuchtet diese Ambivalenzen, fragt nach Konformität und Nonkonformität in der DDR, erinnerungskulturellen Implikationen und vermittelt zentrale Konzepte der zeitgeschichtlichen Erforschung der DDR-Gesellschaft.



© Institut für Zeitgeschichte
Content