„Ich schätze ihn persönlich sehr hoch, als wirklichen Staatsmann“

Faulhabers Tagebuch aus dem Jahr 1937 geht online: Der NS-Staat verschärft den Kampf gegen die katholische Kirche, doch der Kardinal zählt weiter auf Hitlers „guten Willen“

München/Münster, 20. November 2019. – Die Tagebücher des früheren Erzbischofs von München und Freising, Michael Kardinal von Faulhaber, die seit 2015 in einer Online-Edition zugänglich gemacht werden, sind um einen weiteren Jahrgang ergänzt worden: Auf der Seite www.faulhaber-edition.de hat das Forscherteam des Instituts für Zeitgeschichte München−Berlin und des Seminars für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Universität Münster nun den Jahrgang 1937 freigeschaltet.

Das spannende Tagebuch 1937 zeigt einen emotional zerrissenen Faulhaber. Nach seiner mehrstündigen Unterredung mit Hitler Anfang November 1936 auf dem Obersalzberg keimte beim Münchner Oberhirten die Zuversicht auf, durch regelmäßigen und persönlichen Kontakt mit dem Staatsoberhaupt Differenzen im Verhältnis von Staat und katholischer Kirche in Zukunft gütlich beilegen zu können. Dem Wunsch Hitlers, in Absprache mit seinen Bischofskollegen ein Rundschreiben gegen den Bolschewismus zu verfassen, kam er nach. Auch hatte ihn Hitlers Rede zum Jahrestag der Machtübernahme „tief ergriffen“.

Doch der NS-Staat forcierte den Kampf gegen den Katholizismus. Die Nationalsozialisten attackierten die Ordensschulen und schufen die Bekenntnisschule ab. Sie schränkten die Verbreitung bischöflicher Verlautbarungen ein, erließen Kanzelverbote und verhafteten offen regimekritische Priester wie den Jesuitenpater Rupert Mayer. Die Sittlichkeitsprozesse machten selbst „gute Katholiken schwankend“, wie Faulhaber erfuhr, und es erfolgten „Sterilisierungen am laufenden Band“. Am 27. Februar vertraute er seinem Tagebuch an: „Ein Tag trauriger als der andere“ und „der Kopf so schwer und was man sieht, es ist alles umsonst.“ Trotzdem gab er sich weiterhin davon überzeugt, dass Hitler „gutgläubig“ sei und „keine Vernichtung der Kirche“ wolle. Umso belastender musste er den Auftrag von Papst Pius XI. empfinden, ein Rundschreiben zu entwerfen, in dem vor allem die anti-kirchliche Politik des NS-Staates scharf attackiert werden sollte. Aus Faulhabers Entwurf ging die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ hervor, die am 21. März 1937 auf den Kanzeln im Deutschen Reich verlesen wurde.

Das Editionsprojekt

Michael Kardinal Faulhaber hat seit seiner Zeit als Bischof von Speyer Tagebuch geführt und darin seine Begegnungen mit Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten festgehalten. Diese Quelle wird im Projekt „Kritische Online-Edition der Tagebücher von Michael Kardinal von Faulhaber (1911-1952)“ wissenschaftlich aufbereitet und im Internet unter www.faulhaber-edition.de veröffentlicht. Bisher sind die Jahrgänge 1911-1919, 1933-1936 und 1945-1946 vollständig abrufbar. Die Einträge müssen dafür zunächst aus der Kurzschrift Gabelsberger übertragen werden, die heute nur noch wenige Experten entziffern können.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das auf zwölf Jahre angelegte Vorhaben seit dem 1. Januar 2014. Im Projekt arbeiten Historikerinnen und Historiker, Theologen und ein Informatiker interdisziplinär zusammen. Geleitet wird es von dem Historiker Prof. Andreas Wirsching vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und dem Kirchenhistoriker Prof. Hubert Wolf von der Universität Münster. Kooperationspartner ist das Erzbischöfliche Archiv München, in dem die Tagebücher verwahrt werden. Die Edition wird insbesondere neue Beiträge zum Verhältnis von Religion und Politik und zum Umgang der katholischen Kirche mit totalitären Ideologien ermöglichen. Gleiches gilt für innovative Forschungen zur Theologie- und Kulturgeschichte, etwa mit Blick auf personelle Netzwerke, Frömmigkeitsformen, Kriegsdeutungen, Emotionen und Geschlechterrollen im Katholizismus oder die Beziehungen zu anderen Glaubensgemeinschaften.

Fotomotiv zum kostenfreien Download:
Michael von Faulhaber um 1936.
Bildnachweis: Erzbischöfliches Archiv München



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