Institut für Zeitgeschichte erforscht die Geschichte von Airbus

Forschungsprojekt über die Konzernentwicklung von der NS-Zeit bis zur europäischen Gegenwart

München (23.4.2019). Das Institut für Zeitgeschichte München−Berlin (IfZ) erstellt im Auftrag von Airbus eine Machbarkeitsstudie zur Geschichte des Unternehmens. Die Studie dient dazu, die zentralen Fragen und Aspekte für detailliertere Forschungsprojekte vorzubereiten. Im Mittelpunkt steht dabei die Entwicklung deutscher wie europäischer Vorläuferfirmen des Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzerns von Anfang der 1930er Jahre bis ins Jahr 2000. Die zunächst auf zwölf Monate angelegte Untersuchung wird von Airbus finanziert und erfolgt in völliger wissenschaftlicher Unabhängigkeit.

Mit der Machbarkeitsstudie werden die Historiker des IfZ zunächst Forschungsstand und Quellenlage prüfen, um daraus das Design für eine weiterführende Hauptstudie zu entwickeln. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Rolle der privaten deutschen Flugzeugindustrie in der NS-Zeit und während des Zweiten Weltkriegs, darunter insbesondere die Traditionsfirmen Heinkel, Dornier und Messerschmitt sowie Focke-Wulf, Siebel, Weserflug und Hamburger Flugzeugbau. „Wir werden vor allem das wirtschaftliche und politische Agieren dieser Unternehmen in der Zeit des Nationalsozialismus untersuchen“, erklärt der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Prof. Dr. Andreas Wirsching. Zudem sollen die Verflechtungen und der Technologieaustausch mit ausländischen Luftfahrtunternehmen in von NS-Deutschland besetzten oder kontrollierten Teilen Europas betrachtet werden. Ebenso im Fokus steht die Ausbeutung von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern durch die Unternehmen. Andreas Wirsching: „Eine Frage der Studie ist der Zusammenhang zwischen der Entwicklung deutscher privater Flugzeughersteller, dem technisch-industriellen Modernisierungsschub sowie dem Rüstungsboom während des NS-Regimes.“

Der zweite Teil der Machbarkeitsstudie wird die Entwicklung der späteren Airbus-Unternehmen von den ausgehenden 1940er Jahren bis zur Jahrtausendwende untersuchen. Welche Kontinuitäten und welche Brüche – personeller, mentaler und technisch-wissenschaftlicher Art – lassen sich über die Zäsur von 1945 hinweg ausmachen? Wie veränderten sich Selbst- und Staatsverständnis von Unternehmern und Ingenieuren seit Anfang der 1950er Jahre und wie weit zurück reichten tradierte Prägungen? Im ersten Jahrzehnt nach Kriegsende blieb in der Bundesrepublik zunächst die Entwicklung und Forschung im Bereich der Luftfahrt unterbrochen, so dass die Flugzeughersteller zum Teil ins Ausland auswichen. Dies änderte sich ab Mitte der 1950er Jahre vor dem Hintergrund des Kalten Krieges: Nun erfolgte in der Bundesrepublik der europäisch eingebettete (Wieder-)Aufbau einer zivilen und militärischen Luft- und Raumfahrt. „In dieser Phase interessiert uns insbesondere die Bedeutung der Bundes- und Landesregierungen für die Förderung dieser technologischen Schlüsselindustrien“, erläutert Andreas Wirsching. Darüber hinaus wird die Machbarkeitsstudie auf die verschiedenen Fusionierungsprozesse der beteiligten Unternehmen eingehen und die Entstehung und den Fortgang des 1969/70 unter deutsch-französischer Ägide begonnenen Airbus-Programms in den Blick nehmen. Hier interessiert die Forscherinnen und Forscher insbesondere die europäische Dimension und die länderübergreifende industriepolitische Kooperation.

Das Institut für Zeitgeschichte München−Berlin ist eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung. Sie wurde 1949 gegründet, um die nationalsozialistische Diktatur wissenschaftlich zu erforschen. Das Arbeitsspektrum des IfZ umfasst heute die gesamte deutsche Zeitgeschichte vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart im globalen Kontext. Das IfZ wird vom Bund und den Ländern finanziert und ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Zum Institut gehören Forschungsabteilungen in München und Berlin, eine Aktenedition im Auswärtigen Amt, die Dokumentation Obersalzberg und das Zentrum für Holocaust-Studien.



© Institut für Zeitgeschichte