24.07.2015

Wie wird aus Aktion Geschichte?



Tagungstelegramm: Von der Bewegung in die Archive und in die Geschichtsbücher


Bei der Entstehung von kollektiven Gedächtnissen spielen Archive eine wichtige Rolle. Denn die dort aufbewahrten Materialien haben eine wesentlich höhere Chance, von Wissenschaft oder Medien ausgewertet und interpretiert zu werden - und damit Eingang in unser Geschichtsbild zu finden. Dies gilt auch für die vielen Facetten der Neuen Frauenbewegung. Allerdings werden deren Zeugnisse und Dokumente oft gar nicht oder eher zufällig überliefert. Das IfZ-Archiv, das sich seit zehn Jahren in der gezielten Sicherung solcher Unterlagen engagiert, lud daher am 16. Juli Kolleginnen und Kollegen aus Archiv und Wissenschaft sowie Aktivistinnen und Aktivisten zu einer ganztägigen Veranstaltung ein, bei der eruiert werden sollte, wie Archive, Wissenschaft und Fraueninitiativen noch besser kooperieren können, um die Frauenbewegung in all ihren Facetten erforschbar zu machen und so Teil des kulturellen Gedächtnisses werden zu lassen. Dabei bot das IfZ erstmals auch eine Kinderbetreuung für die Beteiligten an.

 

 

Am Vormittag diskutierten rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in engagierter Runde zur Überlieferungssituation von Unterlagen zur Neuen Deutschen Frauenbewegung. Vertreten waren Einrichtungen aus ganz Deutschland, darunter u.a. das Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel, das Archiv für alternatives Schrifttum in Duisburg, das Frauenforschungs-, -bildungs- und -informationszentrum Berlin, das Bonner Haus der Frauengeschichte, das Archiv der Münchner Arbeiterbewegung, die staatlichen Archive Bayerns, das Münchner Stadtarchiv, das Forum Homosexualität München, die Frauenakademie München, musica femina München sowie die Frauengeschichtswerkstatt Memmingen. Vertreterinnen der historischen Forschung kamen von der Universität der Bundeswehr München, der Universität zu Köln und der Universität Leipzig. Die Vertreterinnen und Vertreter der unterschiedlichen Archive berichteten aus ihrem Arbeitsalltag und loteten aus, wie große und kleinere Archive noch stärker kooperieren könnten. Die Wissenschaftlerinnen konkretisierten ihre Bedürfnisse an die Auffindbarkeit und Zugänglichkeit von Archivbeständen und die Verfügbarkeit von digitalisierten Quellen für die Lehre. Die Aktivistinnen und Aktivisten konnten konkrete Fragen zur langfristigen Aufbewahrung ihrer Unterlagen stellen und erhielten Informationen zu Beratungsangeboten und Übernahmepraxis der Archive.

 

Das Fachgespräch wurde durch eine öffentliche Podiumsdiskussion am Nachmittag ergänzt, die trotz hochsommerlicher Temperaturen erfreulichen Zuspruch fand. Knapp 60 Besucherinnen und Besucher diskutierten mit der Archivarin Ute Elbracht (IfZ), der Geschäftsführerin der Frauenakademie München Birgit Erbe, der Didaktikerin Verena Espach (LMU) und der Sprachwissenschaftlerin Christine Ott (Universität Würzburg) sowie mit der Historikerin Elisabeth Zellmer (TUM). Im Mittelpunkt stand dabei auch die Frage, wie eine angemessene Berücksichtigung der Neuen Frauenbewegung bei der archivischen Überlieferungsbildung, in der universitären Forschung sowie in Lehrplänen und Schulbüchern gefördert werden kann. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Zweiten Stellvertretenden Direktorin des IfZ Elke Seefried. Vor allem die fundierten Ausführungen von Espach und Ott zum Entstehungsprozess von Lehrplänen und schulischen Medien sowie zu den zeitlichen Restriktionen im Schulalltag bereicherten die Diskussion, dämpften aber auch die Erwartungen hinsichtlich der tatsächlichen Einflussmöglichkeiten bei der breitenwirksamen Vermittlung von Geschichtsbildern.

 

Nach einer kurzen feierlichen Übergabe des kürzlich von Ute Elbracht fertiggestellten Findbuches zum Bestand der Frauenakademie München (FAM) an Vertreterinnen derselben lud das IfZ-Archiv schließlich zu einem kleinen "Markt der Möglichkeiten". Zahlreiche Initiatiativen, Archive und Forschungsprojekte präsentierten ihre Arbeit und nutzten im Ausklang der Veranstaltung die Möglichkeiten zum Gespräch mit den Besucherinnen und Besuchern.




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