15.06.2016

Abschied vom Kalten Krieg?



Tagungstelegramm: Die Sozialdemokraten und der Nachrüstungsstreit (1977-1987)

Die Kontroverse um den NATO-Doppelbeschluss erschütterte die westdeutsche Gesellschaft in den frühen 1980er Jahren, und besonders intensiv stritten die Sozialdemokraten über die Nachrüstung und den Kurs der Partei im Kalten Krieg. Jan Hansen hat diese Auseinandersetzung in seinem Buch "Abschied vom Kalten Krieg?" untersucht, das soeben in der Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte erschienen ist. Seine Thesen diskutierte er am 2. Juni im Rahmen einer Buchpräsentation in der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung (Berlin) mit Karsten D. Voigt, dem ehemaligen außenpolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Das Gespräch moderierte Elke Seefried (Institut für Zeitgeschichte München - Berlin).

 

Jan Hansen betonte in einer Präsentation seiner Thesen, dass die frühen 1980er Jahre eine Zeit der tiefen Politisierung und Mobilisierung gewesen sei. Die SPD habe sich tief gespalten gezeigt: Auf der einen Seite stand Kanzler Helmut Schmidt, der am Doppelbeschluss festhalten und dennoch einer Verhandlungslösung zum Durchbruch verhelfen wollte. Auf der anderen Seite positionierte sich ein Flügel um Erhard Eppler, der sich immer enger an die Friedensbewegung band und aus Sorge vor dem drohenden Atomkrieg den Doppelbeschluss ablehnte. Ein Ort der Kritik an der Politik des Kanzlers sei aber auch die Parteibasis gewesen, die damit einen Selbstverständigungsdiskurs in der SPD in Gang gesetzt habe. Teile der SPD hätten sich damit Anfang der 1980er Jahre bereits vom Ordnungssystem des Kalten Krieges abgewendet und diesen für anachronistisch gehalten, lange bevor er tatsächlich an sein Ende gekommen sei.

 

Im Anschluss ordnete Karsten Voigt Hansens Buch als "vorzügliche" Analyse der damaligen Diskussionen ein. Er argumentierte, dass der ideologische Gegensatz weiter eine Rolle spielte: Die SPD sei sich der ideologischen Grenzen zu den sozialistischen Staaten bewusst gewesen. Doch habe für viele im Vordergrund gestanden, in der Verschärfung der internationalen Situation statt auf Rüstungskontrolle auf Kommunikation zu setzen. Das anschließende Gespräch thematisierte die Kontakte von Sozialdemokraten zu Protagonisten der beiden Supermächte USA und UdSSR, die unterschiedlichen Politikstile, die sich im Nachrüstungsstreit der SPD verbargen - ein parlamentarisches oder bewegungspolitisches Verständnis von Politik -, sowie die Zukunftswahrnehmung und Modernitätskritik, welche die Angst vor dem Atomkrieg spielte.

 

Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Berliner Kolleg Kalter Krieg, der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung und dem Verlag De Gruyter Oldenbourg statt.




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