21.07.2017

Kolloquium zur Polizeigeschichte



Tagungstelegramm zur Gemeinsamen Konferenz von IfZ und Bayerischem Hauptstaatsarchiv

 

Das Kolloquium zur Polizeigeschichte fand anlässlich des Bochumer Historikertags 1990 erstmalig statt. Interessierte Polizeihistoriker/innen, Sozialwissenschaftler/innen und gelegentlich auch Polizist/innen treffen sich seither einmal jährlich im In- oder Ausland, um aktuelle Ansätze und Entwicklungen einer sozial-, kultur- und alltagsgeschichtlich orientierten Polizeiforschung zu diskutieren. Das Kolloquium ist offen für alle polizeigeschichtlich Interessierten, und es lädt besonders jüngere Wissenschaftler/innen ein, ihre Forschungen vorzustellen.


Das 27. Kolloquium zur Polizeigeschichte wurde vom Institut für Zeitgeschichte gemeinsam mit dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv veranstaltet und fand vom 6. bis zum 8. Juli in beiden Institutionen in München statt. Am ersten Tag beschäftigten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem Spannungsfeld von Polizei, Archiven und historischer Forschung. Archivare haben Forschungsinteressen mit schutzwürdigen Belangen Betroffener und mit der bisweilen skeptischen Vorsicht der Sicherheitsorgane in Einklang zu bringen, und sie müssen dafür sorgen, dass einschlägige Unterlagen übernommen, aufbereitet, konserviert und zugänglich gemacht werden. Historikerinnen und Historiker fragen nach Kriterien und Lücken der Überlieferungsbildung, erstreben ungehinderten Aktenzugang und erwarten eine zuverlässige Erschließung. Exemplarisch wurden polizeigeschichtlich relevante Archivbestände des 19. und 20. Jahrhunderts sowie deren Quellenwert und Erschließung vorgestellt, verbunden mit Fragen der Aktenaussonderung bei Polizeibehörden und der Überlieferungsbildung im Bereich öffentliche/innere Sicherheit und Ordnung. 

 

Am zweiten Kolloquiumstag stand das Themenfeld "Polizei und 'NS-Belastung' - Auswirkungen der NS-Vergangenheit in den Nachkriegspolizeien in Deutschland und Europa" im Fokus. Im Zuge zahlreicher Aufarbeitungsprojekte von Bundes- und Landesbehörden werden seit einigen Jahren die Nachwirkungen der nationalsozialistischen Polizeipraxis und ihrer Protagonisten in der Zeit nach 1945 intensiv erforscht. Im Anschluss daran fragte die Tagung nach "NS-Belastungen" im weit gefasstem Sinn in den Polizeien in Deutschland, aber auch in dessen Nachbarländern. Neben personellen (Dis-)Kontinuitäten und Netzwerken wurden Nachwirkungen im konzeptionellen Denken und im praktischen Handeln von Polizei- und Geheimdienstorganisationen im Kontext des Kalten Krieges untersucht. Der Blick richtete sich zunächst exemplarisch auf die Länder Baden, Bayern und Nordrhein-Westfalen, anschließend auf die drei großen Sicherheitsbehörden des Bundes: BGS, BKA und BND. Im dritten Schritt erweiterte sich die Perspektive vergleichend auf West- und Südeuropa, speziell auf Belgien, die Niederlande und Italien.


Die am letzten Tag stattfindende thematisch offene dritte Sektion bot Beiträge zur polizeilichen "Führungsaufsicht", zur Wahrnehmung des Rechtsradikalismus der 1970er und 1980er Jahre in der bundesdeutschen Polizei, zur Computereinführung in zentralen Sicherheitsbehörden West- und Ostdeutschlands, zur Mitwirkung der polnischen Polizei bei der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg und zu einem spektakulären Kriminalfall in Australien im späten 19. Jahrhundert.

 

Das Tagungsprogramm kann hier eingesehen werden.




© Institut für Zeitgeschichte