Erinnerungen an eine charismatische Forscherpersönlichkeit

Festkolloquium zum 100. Geburtstag von Martin Broszat (1926−1989)

Vor 100 Jahren wurde Martin Broszat geboren. 17 Jahre lang – von 1972 bis zu seinem Tod im Jahr 1989 – war der umtriebige Historiker Direktor des Instituts für Zeitgeschichte. Ein wissenschaftliches Festkolloquium am IfZ spürte zu Broszats rundem Geburtstag seinem Werk und seinem Wirken nach.

Geboren am 14. August 1926 in Leipzig, studierte Broszat in seiner Heimatstadt und später in Köln Geschichte und promovierte dort 1952 bei Theodor Schieder über Die antisemitische Bewegung im Wilhelminischen Deutschland. Schon 1955 wurde der junge Historiker Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte, übernahm 1972 schließlich dessen Leitung und lehrte als Honorarprofessor unter anderem an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die „Ära Broszat“ gilt in der Institutsgeschichte als besonders produktive Phase. Ihm sei es wichtig gewesen, so die amtierende Direktorin Isabel Heinemann in ihrer Einführung, „die wissenschaftliche Analyse weiter- und möglichst zur Präzision zu treiben, rastlos, ideenreich, diskussionsbereit – auch wenn es mal kontrovers wurde.“ 

Entlang von zwei Panels diskutierten langjährige Weggefährten, akademische Freunde des Hauses und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des IfZ über Broszats Bedeutung für die NS- und Holocaust-Forschung und fragten nach seiner Wirkungsgeschichte für die heutige Geschichtswissenschaft. Isabel Heinemann schlug dafür in ihrer Einführung vier analytische Schneisen: So war Broszat der erste deutsche Zeithistoriker, der eine Untersuchung der deutschen Besatzungspolitik in Polen vorlegte und damit Pionierarbeit leistete. In seinem Werk „Der Staat Hitlers“ entwickelte er seinen strukturalistischen Zugriff auf das nationalsozialistische Regim. Mit dem Forschungsprojekt „Bayern im Nationalsozialismus“ ebnete er den Weg für eine Sozial- und Alltagsgeschichte der NS-Diktatur. Für ein kontroverses Echo schließlich sorgte seine Forderung nach einer Historisierung des Nationalsozialismus, die in den berühmt gewordenen Briefwechsel mit Saul Friedländer in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte mündete. Hier vor allem, so Isabel Heinemann, offenbarten sich erklärungsbedürftige Blindstellen und auffällige Empathiedefizite in Broszats Denken insbesondere gegenüber jüdischen Historikern, die nur schwer mit seinem radikalen Gestus der nüchternen, faktenbasierten Wissenschaft in Einklang zu bringen seien. Sie verwies deshalb auch auf das aktuell von der Forschungsstelle Zeitgeschichte in Hamburg bearbeitete Projekt „NS-Aufarbeitung im Zeichen ‚nüchterner‘ Sachlichkeit? Wissenschaftliche Praxis und Wissensproduktion am Institut für Zeitgeschichte (1949–1989)“, in dem Klaus Große Kracht und Niklas Lehnhard-Schramm der Geschichte des IfZ von seiner Gründung bis zum Ende der Ära Broszat  nachgehen.

Genug Stoff also für zwei Podien, auf denen zunächst Dieter Pohl (Universität Klagenfurt), Ulrich Herbert (Universität Freiburg) und René Schlott (TU Berlin/ZZF) eine historiografische Analyse von Martin Broszats Forschungen im Kontext der NS- und Holocaustforschung unternahmen (Moderation: Magnus Brechtken). In der zweiten Runde fragten Neil Gregor (University of Southampton), Annemone Christians-Bernsee (NS-Dokumentationszentrum Köln) und Felix Berge (Universität der Bundeswehr München) nach den aktuellen Perspektiven von Martin Broszats Ansätzen für die gegenwärtige Forschung (Moderation: Martina Steber). 

Alle Beiträge werden im kommenden Jahr in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte als Teil eines „VfZ Podiums“ nachzulesen sein.



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