Fortbildung an der Dokumentation Obersalzberg

Seit 2023 präsentiert die Dokumentation Obersalzberg, eine Abteilung des IfZ, im ehemaligen „Führersperrgebiet“ bei Berchtesgaden eine neue Dauerausstellung unter dem Leitmotiv „Idyll und Verbrechen“. Um die Arbeitsschwerpunkte und Herausforderungen der Dokumentation besser kennenzulernen, den Erfahrungsaustausch zwischen den Abteilungen zu fördern und Kooperationsmöglichkeiten auszuloten, organisierte das Zentrum für Holocaust-Studien im September eine Exkursion zum Obersalzberg. Auf dem Programm standen Führungen durch das Gelände und die Dauerausstellung, themenspezifische Workshops sowie eine Fahrt zum sogenannten Kehlsteinhaus. Von der Fortbildung berichtet unsere studentische Hilfskraft Julian Federl.

Pünktlich und vollzählig traf sich das Team des Zentrums für Holocaust-Studien am Münchner Hauptbahnhof, um gemeinsam zur Dokumentation Obersalzberg bei Berchtesgaden zu reisen. Die Kolleginnen und Kollegen vor Ort empfingen uns herzlich, und nach einem gemeinsamen Mittagessen und ersten Austausch starteten wir in den von Nadine Tauchner, Sven Keller, Albert Feiber und Sebastian Peters geführten Rundgang durch das ehemalige „Führersperrgebiet“. 

Die erste Station war das Grundstück des früheren Berghofs, Hitlers Residenz. Nadine Tauchner schilderte das zunehmende Problem des rechten Vandalismus vor Ort: beschmierte Infotafeln, eingeritzte Hakenkreuze und SS-Runen, angebohrte Bäume für freie Sicht ins Tal sowie Grabungen auf der Suche nach „Souvenirs“ oder einem Zugang zu den verschütteten Kellerräumen.

Weiter ging es zum Grundstück des einst ansässigen und von den Nationalsozialisten als Juden vertriebenen Arthur Eichengrün, vorbei am angrenzenden Türkenhof (ein Gasthof und Hotel, während des Nationalsozialismus unter anderem Standort des Sicherheitsdienstes, später ein zentraler Ort des fragwürdigen Nachkriegs-Hitler-Tourismus), am Gelände der ehemaligen SS-Kaserne und am Hügel von Hermann Görings einstiger Villa, wo heute das Hotel Kempinski steht. Der Rundgang machte anschaulich, welche Machtzentrale um den Berghof herum entstanden war, in der Hitler beinahe ein Viertel seiner Herrschaftszeit verbrachte. Von dort aus dirigierte er den NS-Staat, traf Verbündete und Komplizen, führte militärische Lagebesprechungen durch und erteilte Befehle.

Anschließend führten uns Sven Keller, Albert Feiber und Sebastian Peters durch die Dauerausstellung im Ausstellungsgebäude – fachkundig kuratiert und sowohl für Expert:innen als auch Laien zugänglich. Besonders beeindruckte der digitale Medientisch, der zeigte, wie durch propagandistische Inszenierung Hitlers am Obersalzberg das Bild vom „nahbaren Führer“ konstruiert wurde. Die Ausstellung, bei der Andrea Löw und Frank Bajohr beratend mitgewirkt hatten, bezieht auch den Holocaust in hohem Maße mit ein. Sie verortet den Verbrechens-Komplex nicht nur thematisch, sondern auch räumlich in das Zentrum des kreisförmig angelegten Rundgangs.

Am nächsten Morgen stand der letzte Teil der Ausstellung an: die (unfertige) Bunkeranlage. Unsere Kollegen von der Dokumentation Obersalzberg erzählten von Bau, Struktur, Zwangsarbeit, Nutzung, Bombardierung, den Graffiti amerikanischer und französischer Soldaten nach der Einnahme sowie einem Blindgängerfund.

Im Bildungszentrum stellten Nadine Tauchner und David Dorn anschließend ihren neu konzipierten Workshop zum jüdischen Leben und Antisemitismus vor. Der konstruktive Austausch mit den anwesenden Holocaustforscherinnen und -forschern lieferte wertvolles Feedback und neue Perspektiven für die Weiterentwicklung der Workshops.

Am Nachmittag folgten ein Gespräch am runden Tisch zum Austausch unserer Eindrücke und unserer offenen Fragen sowie eine Diskussion über die nächste Sonderausstellung, in der unter anderem Hitler-Karikaturen aus den 1990er Jahren zu sehen sein sollen. Im Zentrum steht dabei nicht die Bewertung individuellen Humors, sondern die Analyse konkreter Werke und ihrer Hintergründe – ein, wie wir fanden, kluger Ansatz, um Besucherinnen und Besuchern über den emotionalen Einstieg fundiert an die Geschichte des Obersalzbergs heranzuführen.

Zum Abschluss reichte die Zeit noch für einen Besuch des Kehlsteinhauses: die abenteuerliche Busfahrt die steile Kehlsteinstraße hinauf, der spürbare Massentourismus, der lange, spärlich belichtete Stollen, der vergoldete Aufzug und das ungewöhnlich anmutende Restaurant im "Eagle’s Nest." Im Kehlsteinhaus sind ebenfalls von der Dokumentation Obersalzberg kuratierte Informationstafeln ausgestellt, auf denen sich die Geschichte des Baus nachverfolgen lässt: In den Jahren 1937/38 unter härtesten Bedingungen errichtet, war es als extravagantes Teehaus für Adolf Hitler gedacht. Abseits der Öffentlichkeit diente es als politischer Repräsentationsort und sollte die Gäste und Diplomaten beeindrucken. 

Nach der Verabschiedung von den Kolleg:innen der Doku – in nur zwei Tagen hatten wir mehr gelernt, als vier Tage hätten füllen können – ging es zurück nach München. Erschöpft, aber reich an Eindrücken, endete unser Ausflug.

Wir danken unseren Kollegen für den warmherzigen Empfang und die wertvollen Einblicke in die Arbeit der Dokumentation Obersalzberg.

Julian Federl



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