Stabwechsel

Andreas Wirsching geht nach 14 erfolgreichen Jahren in den Ruhestand, Isabel Heinemann übernimmt

Mit einem Festakt im Münchner Haupthaus hat das Institut für Zeitgeschichte München−Berlin (IfZ) seinen langjährigen Direktor Andreas Wirsching gewürdigt und Isabel Heinemann als neue Direktorin willkommen geheißen. 

2011 hat Andreas Wirsching die Leitung des IfZ von Horst Möller übernommen. Seine Amtszeit sei eine „fortwährende Erfolgsgeschichte“ gewesen, so der stellvertretende Direktor Magnus Brechtken. Unter Wirschings Leitung verdoppelten sich Haushalt und Personal, die Zahl der Publikationen verdreifachte sich, die der Promovierenden vervierfachte sich. Hinzu kamen Neugründungen wie das Berliner Kolleg Kalter Krieg und das Zentrum für Holocaust-Studien, die Bettina Böhm, Generalsekretärin der Leibniz-Gemeinschaft, als Beispiele für eine „exzellente Dynamik“ nannte.

Dass das IfZ unter Wirschings Ägide so erfolgreich war, führte Kiran Klaus Patel (LMU), der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats, unter anderem darauf zurück, dass Andreas Wirsching als Schachspieler selbst „dreidimensionales Schach“ beherrsche, also komplexe dynamische Situationen überblicke. Dass das nicht nur für sein Management gilt, sondern ebenso für seine Forschung, machte neben Patel auch Hélène Miard-Delacroix (Sorbonne, Paris) deutlich. Gemeinsam mit Wirsching gibt sie die Akten zur Auswärtigen Politik heraus. In ihrer persönlich gehaltenen Ansprache zeichnete sie Wirschings akademischen Werdegang nach: angefangen vom Studenten, der sich intensiv mit der Literatur zur Französischen Revolution auseinandersetzte, bis zu seiner Habilitation Vom Weltkrieg zum Bürgerkrieg? Politischer Extremismus in Deutschland und Frankreich 1918–1933/39. Berlin und Paris im Vergleich, die ihn zum Zeithistoriker und Experten der Weimarer Republik gemacht hat. 

Ausgezeichnete Vermittlungsarbeit

Wirschings Wirken würdigten zudem die Betriebsratsvorsitzende Ute Elbracht als Stellvertreterin der Belegschaft, LMU-Vizepräsidentin Francesca Biagini und Johannes Eberle vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst. Letzterer lobte besonders die Vermittlungsarbeit des IfZ, unter anderem mit Blick auf die kürzlich mit einem bedeutenden europäischen Preis ausgezeichnete Dokumentation Obersalzberg.

Andreas Wirsching selbst hob in seiner Rede die Leistungen seines Vorgängers Horst Möller hervor, an die er habe anknüpfen und so neues Wachstum generieren können. In Anlehnung an das Konjunkturmodell von Nikolai Kondratjew leitete er für das IfZ das Muster ab, dass frühere Kompetenzen mit späteren neuen Impulsen Innovationen hervorbringen: „Die Geschichte des IfZ ist gekennzeichnet durch eine immer neu zu bestimmende Mischung aus Wandel, Kontinuität und Innovation.“

Isabel Heinemanns Zukunftsvision: Zeitgeschichte Deutschlands als transnationale Gesellschaftsgeschichte

Bessere Voraussetzungen als am IfZ könne man sich für zeithistorische Forschung nicht wünschen, sagte die neue Direktorin Isabel Heinemann. Sie kündigte an, aufbauend auf den großen Stärken des IfZ in Forschung, Publikation, Edition und Transfer die Analyse der Zeitgeschichte Deutschlands im 20. und 21. Jahrhundert als transnationale Gesellschaftsgeschichte voranzutreiben. Ein solcher Ansatz ermögliche, Deutschland in seinen europäischen wie transatlantischen und internationalen Verflechtungen zu untersuchen, aber auch die Erforschung von DDR und Bundesrepublik noch besser zusammenzuspannen und transepochale Perspektiven einzubeziehen. 

Dazu möchte sie die klassische Sozialgeschichte um die Dimensionen Wissen, Gewalt, Raum und Intersektionalität erweitern und dabei soziale Kategorien wie Klasse, Ethnie, Alter, körperliche Beeinträchtigungen und Geschlecht miteinbeziehen. Zudem skizzierte sie Gewaltgeschichte und Resilienzstrukturen der Demokratie als neue transepochale Forschungsfelder. Neben dieser thematischen Weitung will sie auf der praktischen Ebene in ihrer Amtszeit eine umfassende Digitalisierungs- und Transferstrategie vorantreiben.

Musikalisch umrahmt wurden die Feierlichkeiten vom Jazzduo Stefanie Schlesinger (Gesang) und Wolfgang Lackerschmid (Vibrafon), dessen Repertoire von Lennon über Mozart bis hin zu Texten von Brecht und Schiller reichte und auf beeindruckende Weise Jazz, Klassik und Literatur zu einem poetischen Ganzen verband. 



© Institut für Zeitgeschichte
Content