Demokratische Kultur und NS-Vergangenheit

Politik, Personal, Prägungen in Bayern 1945-1975

Wie sind Bayerns Ministerien und Behörden nach 1945 mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit umgegangen – welche Brüche und Kontinuitäten prägten den demokratischen Neuanfang? Dies erforscht das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in seinem Projekt "Demokratische Kultur und NS-Vergangenheit. Politik, Personal, Prägungen in Bayern 1945-1975". In Gang gesetzt wurde das Projekt durch einen einstimmigen Beschluss aller Fraktionen des Bayerischen Landtags, finanziert wird es durch den Freistaat Bayern. Der Landtagsbeschluss garantiert die Freiheit und Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Arbeit sowie einen uneingeschränkten Aktenzugang und einen ergebnisoffenen Forschungsauftrag. Eine Kommission namhafter Zeit- und Landeshistorikerinnen und -historiker berät und begleitet das Vorhaben. Sie besteht aus Helmut Flachenecker (Würzburg), Sabine Freitag (Bamberg), Ferdinand Kramer (München), Bernhard Löffler (Regensburg), Joachim Scholtyseck (Bonn), Georg Seiderer (Erlangen) und Margit Szöllösi-Janze (München).

Spezifika des Projekts

Inhaltlich schließt das Projekt an das seit einigen Jahren stark gestiegene Interesse am Umgang der obersten Bundes- und Landesbehörden mit NS-Belastungen an. Doch beschränkt es sich nicht, wie dies meistens der Fall ist, auf eine Institution: Erstmals wird stattdessen der personelle und funktionale Gesamtzusammenhang einer Landesregierung von der Ministeriumsspitze bis hinunter auf die Vollzugsebene in den Blick genommen. Für einen solchen Ansatz bietet sich Bayern als Untersuchungsfeld an, denn als einziges großes Flächenland behielt der Freistaat sein Territorium nahezu unverändert und konnte zudem an eine gewachsene historische Identität anknüpfen. Hand in Hand damit ging ein hohes Maß administrativer Kontinuität. Obwohl die Staatsregierung während der NS-Diktatur Kompetenzen eingebüßt hatte, stand 1945 ein ausdifferenzierter behördlicher Apparat und ein Stamm bayerischer Staatsbeamter für den demokratischen Neuaufbau zur Verfügung. Doch viele von ihnen hatten Wie etablierte sich trotz personeller, mentaler und institutioneller Kontinuitäten zur NS-Diktatur eine demokratische Regierungs- und Verwaltungspraxis?

Analysiert werden erstens Karriereverläufe, individuelle Prägungen und Personalpolitik. Zweitens geht es um Verwaltungspraxis, Leitideen und Handlungsroutinen. Drittens wird untersucht, wie die unterschiedlichen Akteursgruppen ihre Vergangenheit(en) deuteten und welche internen und öffentlichen Auseinandersetzungen sich damit verbanden. Dieser Ansatz verschränkt die Perspektiven auf Akteure, Handeln und Wahrnehmungen systematisch. Dadurch wird es möglich, den Begriff der "NS-Belastung" neu zu fassen und von seiner unbefriedigenden Bindung an formale Kriterien wie Mitgliedschaft in NS-Organisationen zu lösen. Der Untersuchungszeitraum ermöglicht es, längerfristige Entwicklungen in den Blick zu nehmen und den Umgang mit der NS-Vergangenheit demokratiegeschichtlich zu rahmen. Auf diese Weise wird es möglich, das Verständnis von „Demokratie“ und von „NS-Belastung“ gleichermaßen zu historisieren und die entsprechenden Wandlungsprozesse aufeinander zu beziehen. Während der Schwerpunkt auf langfristigen Wandlungsprozessen der politischen Kultur nach 1945 liegt, umfasst die Analyse je nach Handlungsfeld und Personensample nicht nur die Jahre der NS-Herrschaft, sondern auch die für die politische und habituelle Sozialisation vieler Akteure formative Phase der Weimarer Republik. Die Auswahl der näher untersuchten Handlungsfelder konzentriert sich auf Gebiete, die in die Kompetenz der Bundesländer fielen.

Eine ausführlichere Einführung in das Projekt ist im April 2017 in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte erschienen. Den Text finden Sie hier.

Welche Bereiche werden untersucht?

Im Oktober 2016 begann die erste Projektphase mit Studien, die wichtige Institutionen als Handlungsorte in den Blick nehmen: die Staatskanzlei, das Finanzministerium, Landeskriminalamt und Verfassungsschutz sowie das öffentliche Gesundheitswesen. Auf eigener finanzieller Grundlage, aber inhaltlich und organisatorisch in den Forschungsverbund integriert entstehen zwei weitere Arbeiten über das Justizministerium und das Bayerische Statistische Landesamt. Im April 2020 hat die zweite Projektphase begonnen. Sie legt den Akzent stärker auf Politikfelder, die einen zentralen Stellenwert für die Demokratisierung nach 1945 hatten: die Schulpolitik des Kultusministeriums, die Polizeiausbildung und den Umgang mit ehemaligen NS-Vermögen. Ressortübergreifend wird außerdem die Rolle der Frauen in der bayerischen Ministerialverwaltung untersucht.

Zum Projektteam gehören Anna Corsten, Sophie Friedl, Bernhard Gotto, Valentin Grundler, Haydée Mareike Haass, Jürgen Kilian, Sabrina Laue, Felix Lieb, Elisabeth Perzl, Rick Tazelaar und Ana Lena Werner.

Neueste Aktivitäten

Am 24./25. September 2020 veranstaltete das Projekt in Kooperation mit Therese Garstenauer von der Universität einen Workshop über „Lustration - Bürokratische Eigenlogik und politische Regimewechsel im 20. Jahrhundert“. Den Tagungsbericht können Sie hier nachlesen.

Einen weiteren Workshop über das Thema „Wozu Länder? Praktiken der Sinnstiftung im föderalen Mehrebenensystem“ organisiert das Projektteam vom 17.-19.3.2021. Die Veranstaltung findet online statt; den call for paper finden Sie hier.


Bildnachweis:

Bild 1: Hugo Jaeger, IfZ-BA-00022378
Bild 2: Bayerische Staatsbibliothek München/Bildarchiv
Titelbild: Bearbeitung von Entnazifizierungsvorgängen und Vorbereitung von Spruchkammerverfahren in Nürnberg 1947, bpk / Hanns Hubmann