Gesellschaft und Politik in Bayern 1949 - 1973

Abgeschlossenes Projekt

 

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (IfZ):  PD Dr. Thomas Schlemmer

 

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter:  PD Dr. Jaromír Dittmann-Balcar (ehemaliger IfZ-Mitarbeiter), Prof. Dr. Stefan Grüner (ehemaliger IfZ-Mitarbeiter), Prof. Dr. Dietmar Süß (ehemaliger IfZ-Mitarbeiter)

Projektinhalt:  

1996 wurde im Institut für Zeitgeschichte ein vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst gefördertes Projekt begonnen, das sich unter dem Leitthema "Gesellschaft und Politik in Bayern 1949-1973" mit der Gesellschaftsgeschichte der fünfziger, sechziger und frühen siebziger Jahre befasste. Anknüpfend an die Projekte zur Geschichte Bayerns in der NS-Zeit und zur Geschichte der amerikanischen Besatzungszone zwischen 1945 und 1949 wurde mit diesem Projekt der Versuch gemacht, die Interdependenz von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Sinne einer politischen Sozialgeschichte zu erfassen und am Beispiel überschaubarer Räume zu veranschaulichen. Zugleich wurden Frageraster und methodisches Instrumentarium jedoch so erweitert, dass sich Elemente der Alltags-, Erfahrungs- und Kulturgeschichte in den analytischen Rahmen des Projekts einbeziehen ließen.

Im Kern setzte sich das Bayern-Projekt, das von Hans Woller geleitet wurde, mit drei Problemkomplexen auseinander: Mit der Frage nach der politischen Steuerung und Steuerbarkeit des sozioökonomischen Strukturwandels der fünfziger und sechziger Jahre; mit der Frage nach den Auswirkungen dieser Veränderungsprozesse auf die Gesellschaft bzw. auf ausgewählte gesellschaftliche Gruppen und soziale Milieus. Dabei wurde nach den Gewinnern und Verlierern des sogenannten Wirtschaftswunders ebenso gefragt wie nach der Entwicklung geschlechter- oder schichtspezifischer Lebenschancen. Schließlich galt es zu untersuchen, wie sich im Zuge des Strukturwandels in Wirtschaft und Gesellschaft Mentalitäten und politische Einstellungen entwickelt haben, welchen Metamorphosen sie unterworfen waren, was sich halten konnte und was im Zuge des Wertewandels untergepflügt wurde.

Bayern wurde aus drei Gründen als Untersuchungsraum gewählt: Erstens verlief der Strukturwandel in den ausgedehnten ländlichen Regionen Bayerns besonders dramatisch; zweitens versuchte der bayerische Staat, energisch steuernd einzugreifen; drittens ließ sich hier besonders anschaulich zeigen, wie im Zuge des Strukturwandels langfristig stabile Regionalismen und innergesellschaftliche Trennungslinien mehr und mehr an Bedeutung verloren – eine Art Einschmelzung, die auch in anderen Bundesländern zu beobachten war und die dort wie auch in Bayern mit der Hegemonialisierung des politischen Systems durch eine Partei einherging.

Bayern stand zwar im Mittelpunkt des Projekts, das heißt aber nicht, dass auf einen übergeordneten Bezugsrahmen oder auf vergleichende Perspektiven verzichtet worden wäre, im Gegenteil: Wo immer es möglich war, wurde der Blick über Bayern hinaus gerichtet, denn erst der historische Vergleich ermöglicht sinnvolle Aussagen über Sonder- und Normalwege und lässt es zu, die scheinbare regionale Sonderentwicklung Bayerns in den westdeutschen Kontext einzuordnen.

Im Rahmen des Projekts entstanden vier Monografien. Stefan Grüner erarbeitete in seiner Studie über die Wirtschafts- und Strukturpolitik in Bayern den politisch-institutionellen Rahmen für das gesamte Projekt, Thomas Schlemmer untersuchte den Strukturwandel am Beispiel der Boom-Region Ingolstadt, Jaromír Dittmann-Balcar beschäftigte sich anhand von elf Landkreisen mit der gleichsam im Windschatten des sozioökonomischen Strukturwandels liegenden ländlichen Gesellschaft Bayerns, und Dietmar Süß erforschte die Geschichte der Arbeiterschaft und des sozialdemokratischen Milieus am Beispiel der alten Industrielandkreise Burglengenfeld und Sulzbach-Rosenberg in der Oberpfalz.

Um möglichst viele Facetten der sozialen, ökonomischen und politischen Prozesse beleuchten zu können, die nicht nur Bayern grundlegend verändert haben, wurden in Kooperation mit anderen Forschungseinrichtungen oder Kolleginnen und Kollegen, die über verwandte Themen arbeiten, drei Sammelbände erarbeitet. Der erste trägt den Titel „Die Erschließung des Landes“ und enthält Beiträge, die den forcierten Ausbau der Infrastruktur in den fünfziger, sechziger und frühen siebziger Jahren nachzeichnen. Der zweite Sammelband beschäftigt sich mit der Entwicklung ausgewählter gesellschaftlicher Gruppen unter den Bedingungen des Strukturwandels der fünfziger und sechziger Jahre. Der dritte Sammelband mit dem Titel „Bayern im Bund“ enthält dagegen vergleichend angelegte Studien, die sozioökonomische Veränderungsprozesse und politische Strategien im Freistaat mit der Entwicklung in anderen Bundesländern in Beziehung setzen oder kontrastieren.

Literaturhinweis: Thomas Schlemmer, Gesellschaft und Politik in Bayern 1949-1973. Ein neues Projekt des Instituts für Zeitgeschichte, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jg.46 (1998), Heft 2, S. 311-325.

 

 

Publikationen im Rahmen des Projekts:




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