Demokratien und ihr historisches Selbstverständnis

Demokratie ist ein historisches Phänomen und ein fortwährender Prozess: Sie wird stets neu gedacht, verhandelt und praktiziert. Dies in seiner Vielschichtigkeit und in seinen Ambivalenzen aufzuschlüsseln, ist das Ziel der historischen Demokratieforschung am Institut für Zeitgeschichte. Sie untersucht Entstehungsbedingungen und Veränderungsprozesse der Demokratie in Europa. Sie interessiert sich für institutionelle Strukturen, normative Diskurse und soziale Praxen, die sich mit dem Begriff der Demokratie verbanden, genauso wie für Motive und Perspektiven für Akteurinnen und Akteure, die ihr Handeln auf die Demokratie bezogen. Nicht zuletzt untersucht sie das historische Selbstverständnis, das Demokratien entwickelten, und die Wirkungen, die dieses zeitigte.

Das Forschungsprogramm umfasst drei Schwerpunkte:

Ein erster Schwerpunkt beschäftigt sich mit der Auseinandersetzung der bundesrepublikanischen Demokratie mit ihrer diktatorischen Vergangenheit. Welchen Einfluss hatten personelle, institutionelle und praxeologische Kontinuitäten auf die demokratische Entwicklung des bundesrepublikanischen Staates im Bund und in den Ländern? In welcher Form prägten die Auseinandersetzungen über die NS-Vergangenheit die politische Kultur der Bundesrepublik? Welche Bedeutung hatten internationale und transnationale Faktoren in den Demokratisierungsprozessen?

Ein zweiter Schwerpunkt fragt in internationaler Perspektive nach dem Zusammenhang von Demokratie und Geschlecht im 20. Jahrhundert. Die Demokratie basiert auf dem Versprechen staatsbürgerlicher und zivilgesellschaftlicher Gleichheit. Dies führte zu Auseinandersetzungen, wenn Gleichberechtigung bezogen auf die Kategorie des Geschlechts tatsächlich eingefordert wurde. Gleichermaßen wurden Demokratien von sich wandelnden Geschlechterordnungen geprägt. Welchen Einfluss hatten solche Modelle auf die Entwicklung der Demokratie in Europa?

Ein dritter Schwerpunkt adressiert zeithistorische Selbstwahrnehmungen und -deutungen in der modernen Demokratie im internationalen Vergleich. Denn die politischen Kulturen, die sich in Demokratien entfalteten, trugen erheblich zu ihrer Stabilität bei – und konnten sie umgekehrt erschüttern. Wie erlebten die Zeitgenossen „ihre“ Demokratie? Welche Konzepte und Begriffe strukturierten das Demokratieverständnis? Welche Erwartungen und Erfahrungen gingen mit demokratischer Teilhabe einher?

Die historische Demokratieforschung am Institut für Zeitgeschichte reflektiert die Vielfalt der Demokratie im 20. Jahrhundert. So leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Selbstverständigung demokratischer Gesellschaften im Europa der Gegenwart, in denen die Demokratie ein weiteres Mal infrage gestellt und angegriffen wird.

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