Enttäuschung im 20. Jahrhundert. Utopieverlust — Verweigerung — Neuverhandlung

Die Leibniz Graduate School „Enttäuschung im 20. Jahrhundert. Utopieverlust – Verweigerung – Neuverhandlung“ führte zwischen 2012 und 2015 das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und das Historische Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München in einem innovativen zeithistorischen Verbundprojekt zusammen. Sein erfolgreicher Abschluss belegt den wissenschaftlichen Mehrwert einer systematischen Kooperation von universitärer und außeruniversitärer Forschung. Unter der Leitung von Andreas Wirsching und Margit Szöllösi-Janze bot die Graduate School exzellente Rahmenbedingungen, um mit einer komplexen Untersuchungsperspektive geschichtswissenschaftliches Neuland zu betreten.

Mit dem Konzept der Enttäuschung stellte die Graduate School die für die Zeitgeschichte zwar konstitutive, aber kaum systematisch untersuchte Spannung zwischen pluralisierten Erwartungshorizonten und komplexen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen ins Zentrum. Fünf Dissertationen und eine Habilitationsschrift entstanden, die individuelle und kollektive Erfahrungen von Enttäuschung, ihre Wirkung und Bewältigung exemplarisch erforschten. Die Studien fragen danach, welche Muster individueller oder kollektiver Enttäuschung sich in einer gegebenen historischen Konstellation aufbauten und auf die zeitgenössischen Deutungs- und Zuschreibungsmuster in Politik, Gesellschaft und Kultur rückwirkten. Sie eröffnen neue Zugänge zur Analyse politischer, soziokultureller, kommunikativer und emotionaler Dissonanzen in modernen Massengesellschaften.

Die Ergebnisse der Studien zeigen, dass Enttäuschung eine eigenständige Kategorie historischer Erfahrung darstellt. Sie unterstreichen nachdrücklich, dass kollektive Erwartungen und der Umgang mit Enttäuschungen – bereits erfahrenen oder zukünftig antizipierten – während des gesamten 20. Jahrhunderts die politische Kultur maßgeblich bestimmten. Damit richtet sich der zeithistorische Blick darauf, wie Individuen und Kollektive Enttäuschungen emotional bewältigen, ihre Erwartungshaltungen modifizieren, ihre Ziele anpassen oder neue Wege beschreiten.

 

Erwartungen so hoch wie die Häuser selbst
Enttäuschung in der Demokratie: Bundesrepublik Deutschland in den 1960er bis 1980er Jahren
Engagement, Erwartung und Enttäuschung bei britischen NGO-Aktivisten
Erwartungs- und Erfahrungsräume deutscher Juden 1914-1938
Marinegeschichte als Enttäuschungsgeschichte. Enttäuschung – Planung – Experten und die deutsche Marine 1871-1928
Osteuropäischer Reformsozialismus und westdeutsche Linke



© Institut für Zeitgeschichte
Content