Der Bund der Vertriebenen und das braune Erbe

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (IfZ):  Prof. Dr. Michael Schwartz
Projektinhalt:

Dieses Projekt untersuchte das Verhalten der dreizehn Angehörigen des Gründungspräsidiums des Bundes der Vertriebenen von 1958 während der NS-Diktatur. Dazu hat Michael Schwartz unter Mitarbeit von Michael Buddrus, Martin Holler und Alexander Post mithilfe umfassender Archivrecherche in Deutschland und Osteuropa die Biografien der späteren Vertriebenenfunktionäre durchleuchtet. Im Einzelnen handelt es sich dabei um folgende Personen: Hans Krüger, erster Präsident des BdV, die vier Vizepräsidenten Hellmut Gossing, Wenzel Jaksch , Dr. Karl Mocker und Erich Schellhaus sowie die Präsidiumsmitglieder Dr. Alfred Gille , Dr. Linus Kather, Dr. Dr. Heinz Langguth, Dr. Rudolf Lodgman von Auen, Reinhold Rehs, Dr. Josef Trischler, Dr. h.c. Otto Ulitz und Rudolf Wollner.


Wie die IfZ-Studie zeigt, müssen unter diesen 13 Funktionären volle zwei Drittel durch Mitgliedschaften in der NSDAP oder der SS als belastet eingestuft werden. Nur zwei BdV-Vertreter, nämlich der Katholik Linus Kather und der Sozialdemokrat Wenzel Jaksch, zeigten deutliche Reserve gegenüber dem NS-Regime oder behielten ihre grundsätzliche Gegnerschaft konsequent bei. Vergleicht man allein den Anteil der früheren NSDAP-Mitglieder unter den Vertriebenenfunktionären mit der Durchschnittsbevölkerung, die bei Kriegsende rund zehn Prozent Parteimitglieder aufwies, so muss der hohe Wert im BdV-Vorstand klar als überdurchschnittlich bezeichnet werden. Zwar finden sich unter den BdV-Funktionären keine sogenannten „alten Kämpfer“, die schon vor Hitlers Machtergreifung 1933 in die NSDAP eingetreten waren: Doch gerade die Vertreter der mittleren und jüngeren Generationen, die in den 1950er Jahren die Vertriebenenarbeit dominieren sollten, zeigten während des „Dritten Reichs“ eine grundlegende Loyalität und Affinität gegenüber den braunen Machthabern. Insbesondere nach dem deutschen Einmarsch in Polen ist bei mehreren späteren Verbandsfunktionären belegbar, dass sie aktiv und in wachsendem Maße an der NS-Herrschaftspraxis beteiligt waren. Dazu zählen zum einen Kriegseinsätze beispielsweise im Zuge der Partisanenbekämpfung (Schellhaus, Gossing, Wollner), zum anderen Führungspositionen in der Verwaltung der besetzten Gebiete (Gille, Langguth, Ulitz).


Dennoch konnten die Männer im Nachkriegsdeutschland hochrangige Funktionärsämter bekleiden und liefern ein Beispiel für die problematische Elitenkontinuität in der jungen Bundesrepublik. Das Institut für Zeitgeschichte legte mit seiner Untersuchung so auch einen wichtigen Forschungsbeitrag zur aktuellen Debatte über den Umgang von Bundesbehörden, Verbänden und Organisationen mit ihrer NS-Vergangenheit vor. Das fast 600 Seiten umfassende Gutachten war nach Medienberichten über die NS-Vergangenheit führender Vertriebenenfunktionäre vom BdV selbst angeregt und vom Bundesministerium des Innern gefördert worden. 2012 wurde das vom Wissenschaftlichen Beirat angenommene Manuskript druckfertig gemacht. Die Monografie ist unter dem Titel „Funktionäre mit Vergangenheit“ im November 2012 erschienen.




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