Aufarbeitung der Geschichte des Bundesverkehrsministeriums (BVM) und des Ministeriums für Verkehrswesen (MfV) der DDR hinsichtlich Kontinuitäten und Transformationen zur Zeit des Nationalsozialismus

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (IfZ):  PD Dr. Bernd Kreuzer,  Dr. des. Christian Packheiser
Projektinhalt:

Seit August 2017 erarbeitet das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) eine Projektskizze, die auf das Wirken des Reichsverkehrsministeriums im Herrschaftsgefüge des Nationalsozialismus und die Nachkriegsgeschichte der beiden deutschen Folgeministerien zielt. Prozesse der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland im Spannungsfeld aus gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Interessen werden ebenso untersucht, wie langfristige strukturelle Entwicklungen im Verkehrswesen.
Die Vorstudie ist erfolgreich abgeschlossen, so dass nun die Arbeiten an der Hauptstudie in die Wege geleitet werden können. Diese kombiniert gruppenbiografische Analysen mit der Betrachtung sachpolitischer Kontinuitäten und Brüche sowie behördenspezifischer Denk- und Funktionsweisen. Bewusst ergänzen die Teilprojekte die Karrierewege leitender Mitarbeiter jeweils um einen organisatorischen, politisch-administrativen, mentalitäts- und konzeptionsgeschichtlichen Überbau.

Ziel ist es, Aufarbeitungsforschung nicht nur anhand institutioneller Raster auszurichten, sondern sie übergreifend thematisch zu orientieren. Weiter geht es darum, Transformationen, Traditionslinien wie Brüche zwischen dem NS-Regime und den beiden nachfolgenden deutschen Verkehrsministerien umfassend zu erhellen. Aufgrund der Einbindung in die politisch konkurrierenden Blöcke des Westens und des Ostens sowie der partiellen ideologischen Aufladung des Sachgebiets versprechen Vergleiche zwischen dem Bundesverkehrsministerium und dem Ministerium für Verkehrswesen der DDR (MfV) hohen Erkenntnisgewinn. Hinter allem steht der Anspruch, das Verständnis für die Funktionsweisen von Diktaturen und der darin agierenden Behörden sowie für Demokratisierungsprozesse innerhalb der frühen Bundesrepublik zu erhöhen.

Folgende wissenschaftliche Ziele stehen im Mittelpunkt der geplanten Einzelstudien:

1. Das Reichsverkehrsministerium - eine Infrastrukturanalyse des Nationalsozialismus

Das Teilprojekt steht im Zentrum einer Infrastrukturanalyse des NS-Systems. Die ideologische Durchdringung des Ministeriums wird ebenso untersucht, wie dessen Rolle und Funktion innerhalb der NS-Herrschaftsstruktur. Quer zu diesem analytischen Überbau liegen Untersuchungsfelder, die sich an den Aufgabenbereichen des Ministeriums orientieren. Der Beginn des Zweiten Weltkrieges stellte hier eine wesentliche Zäsur dar.

2. Die „Organisation Todt“: Bau von Verkehrseinrichtungen für Krieg und Völkermord

Die Studie beleuchtet die wichtige infrastrukturelle Rolle der Organisation Todt (OT) innerhalb der NS-Diktatur. Während die Wurzeln der OT im Straßenbau der 30er Jahre lagen, stützte sie das NS-System im Krieg durch die Instandhaltung des Verkehrsnetzes und die Kooperation mit der Wehrmacht wie mit dem Reichsverkehrsministerium (RVM) bei Rüstungsaufgaben. Die Betrachtung supplementär gelagerter Aufgabenfelder dieser Dienststellen vervollständigt das Wissen um Funktion und Bedeutung des Verkehrswesens im nationalsozialistischen Regime.

3. Das leitende Personal des BVM nach dem Nationalsozialismus

Die Arbeit beleuchtet Brüche und Kontinuitäten des BVM gegenüber der Zeit des Nationalsozialismus auf verschiedenen Ebenen. Entlang personeller, struktureller und sachlicher Transformationen sowie anhand des normativen Wandels der Verwaltungskultur des BVM werden tragfähige Aussagen über Demokratisierungsprozesse innerhalb der Bundesrepublik erarbeitet.

4. Das Ministerium für Verkehrswesen der DDR zwischen Sozialismus, Antifaschismus und Altlasten des „Dritten Reiches“  

Diese Analyse untersucht am Beispiel des ostdeutschen Verkehrssektors, wie sich das SED-Regime zu seiner NS-Vergangenheit positionierte. Neben Personalpolitik, Binnenstrukturen und internen Arbeitsprozessen des MfV rücken der bewusste und unbewusste Umgang mit inhaltlichen Kontinuitäten und Brüchen sowie deren Einfluss auf diverse Sachgebiete in den Fokus. Es gilt, kollektive Prägungen und mentale Grundlagen individueller Selbstdeutung im Kontext konkreten Verwaltungshandelns und vor den rahmengebenden Faktoren der SED-Diktatur zu untersuchen. Hierzu zählt die Umsetzung sozialistischer Arbeitsmethoden auf dem Verkehrssektor ebenso wie Versuche dessen ideologischer Durchdringung durch gezielte Kaderpolitik.

5. Hans-Christoph Seebohm: Bundesverkehrsminister und revisionistischer Hardliner

Das Teilprojekt untersucht, wie Hans-Christoph Seebohm in seinen Funktionen als Bundesverkehrsminister, Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft und als stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Partei die Politik seines Ressorts zwischen 1949 und 1966 prägte. Ferner, inwiefern er dabei den Demokratisierungsprozess der Bundesrepublik beeinflusste. Die Analyse zielt neben Seebohms „ominöser Nähe“ zum NS-Regime und seinen revisionistischen Sonntagsreden auf dessen direkte Gestaltung der Personal- und Sachpolitik des Ministeriums.

 

Vorstudie: „Aufarbeitung der Geschichte des Bundesverkehrsministeriums (BVM) und des Ministeriums für Verkehrswesen (MfV) der DDR hinsichtlich Kontinuitäten und Transformationen zur Zeit des Nationalsozialismus“




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