Besatzungsnarrative: Deutsche Propaganda und populäre Erzählungen im besetzten Frankreich 1940–44

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (IfZ):  Dr. des. Manuel Mork
Projektinhalt:

Für ein politisches Regime, das den Anspruch auf totale Kontrolle über die politische Kommunikation einer Gesellschaft erhebt, stellt das private Gespräch ein fundamentales Problem dar. Dies galt auch für die deutsche Militärbesatzung in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs. Gleich mehrere Institutionen beteiligten sich hier zwischen 1940 und 1944 an der Aufgabe, ein deutsches Informationsmonopol zu etablieren und in der Zivilbevölkerung das weltanschauliche Fundament für eine möglichst widerstandsfreie Besatzungsherrschaft zu legen. Doch selbstverständlich blieb der Einfluss, den die deutschen Behörden auf das politische Alltagsgespräch ausüben konnten, begrenzt.  
Wie dachten die Franzosen über die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg? Welche Erzählungen kursierten über die Deutschen in der Zivilbevölkerung und wie reagierten die Besatzungsbehörden auf derartige Geschichten? Hatten bestimmte Motive der deutschen Propaganda Erfolg bei den Franzosen? Das „Dritte Reich“ als Bollwerk gegen den Bolschewismus? Die Wehrmacht als unbesiegbares Heer? Oder blieb die Sphäre der informellen Kommunikation durch verbale Subversion geprägt und konstituierte auf diese Weise eine Art „Gegenöffentlichkeit“ (Ute Daniel)?

Die angestrebte Studie möchte diesen und verwandten Fragen nachgehen und dadurch die politische Alltagskommunikation der französischen Bevölkerung als Gegenstand staatlicher Kontrollversuche und als Medium zivilgesellschaftlicher Subversion greifbar machen.

Zunächst soll deshalb gefragt werden, welches Bild der Besatzung, ihrer Soldaten und des „Dritten Reichs“ die Deutschen über Pressezensur und so genannte „Aktivpropaganda“ – d.h. Broschüren, Druckschriften und Plakate – in der Bevölkerung erzeugen wollten. Die Bestände der Propagandaabteilung des Militärbefehlshabers, die in Frankreich und Deutschland verteilt liegen, sind im Hinblick auf diese beiden Arten der Propaganda bisher nicht untersucht worden. Allerdings möchte die Studie, inspiriert durch Ansätze aus der Kulturgeschichte und historischen Diskursanalyse, traditionelle Vorstellungen einer absoluten Diskurshoheit offizieller Organe hinterfragen. So soll in einem zweiten Schritt und unter Hinzunahme von Egodokumenten der Frage nachgegangen werden, welche Erzählungen rundum die Besatzungsherrschaft in der Zivilbevölkerung kursierten. Bestimmte Erzähltypen scheinen dabei von besonderer Bedeutung gewesen zu sein: das Gerücht, die Weissagung, der Witz und die historische Analogie. Dabei darf die Frage nicht außer Acht gelassen werden, inwiefern eine bestimmte Erzählung lediglich eine persönliche, milieuspezifische oder aber eine allgemein verbreitete Haltung zum Ausdruck brachte – detaillierte Untersuchungen auf Département-Ebene versprechen hier genauere Erkenntnisse zu liefern. In einem dritten Schritt soll dann untersucht werden, wie die Besatzungsbehörden versuchten, direkt auf das Kommunikationsverhalten der Franzosen Einfluss zu nehmen: über die semantische Abwertung gewisser Kommunikationsformen, die Leugnung bestimmter Geschichten, die juristische Sanktionierung gewisser Äußerungen und die Kontrolle und Regulierung des innerfranzösischen Postverkehrs. So soll auch über die Kontrollversuche „von oben“ letztlich ein Zugang zur grundlegenden Frage der Studie geschaffen werden: Wie wurde die deutsche Besatzungsherrschaft in der französischen Bevölkerung während des Zweiten Weltkriegs diskutiert?




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