Die Funktionäre des Deutschen Fußball-Bundes während und nach der NS-Zeit. Biographische und kollektivbiographische Analysen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (IfZ):  Dr. Pascal Trees
Projektinhalt:

Fußballverbände und -vereine zeigten an ihrer Vergangenheit während des NS-Regimes lange kein Interesse. Dies gilt insbesondere für den Deutschen Fußball-Bund, obwohl bereits auf dem Verbandsjubiläum von 1975 der damalige Festredner Walter Jens eine entsprechende Aufarbeitung angemahnt hatte: Erst als ein Vierteljahrhundert später Bundespräsident Johannes Rau mit Blick auf die zum  hundertsten DFB-Geburtstag herausgegebene Festschrift mehr Gründlichkeit im Umgang mit der NS-Zeit einforderte und fast gleichzeitig eine äußerst kritische „politische Geschichte“ des Deutschen Fußball-Bundes erschien, entstand ein Momentum, das seither ungebrochen ist: Der DFB betraute den Historiker Nils Havemann mit einer wissenschaftlichen Studie, die 2005 unter dem Titel „Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Kommerz und Politik“ erschien und – bei einigem Widerspruch – große Resonanz fand.

Das Institut für Zeitgeschichte München–Berlin knüpft hier an und sucht einen kollektivbiografischen Zugang zu dem Funktionärskorps, das den DFB in den ersten Nachkriegsjahrzehnten geführt und geprägt hat: Wie lässt sich dieses in sozio-kultureller und generationeller Hinsicht beschreiben, ohne in eine wenig erhellende „Nazi-Zählerei“ zu verfallen? Welche personellen Verbindungen und Netzwerke spielten unter den Funktionären eine Rolle? Besondere Aufmerksamkeit verdienen Kontinuitäten und Brüche im Übergang von der NS-Zeit zu den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten: Wer kehrte nicht mehr in verantwortliche Positionen zurück, wer kam neu hinzu, wer engagierte sich kontinuierlich über zeithistorische Brüche hinweg, und wie veränderten sich die sport- und gesellschaftspolitischen Stellungnahmen der Funktionäre?

Um zu repräsentativen Ergebnissen zu gelangen, wird die bisher verfügbare, sehr auf Spitzenfunktionäre des DFB (Verbandspräsidenten, Generalsekretäre) fokussierte Datengrundlage deutlich erweitert: Die Studie bezieht bisher wenig(er) bekannte Vorstandsmitglieder, die Vorsitzenden der zahlreichen DFB-Ausschüsse und deren langjährige Mitglieder mit ein, schließlich auch Funktionäre, denen besondere, im Lichte ihrer Aktivitäten bis 1945 problematisch erscheinende Ehrungen durch den Verband zuteil wurden.

Auf diesem Wege erhält das vorherrschende Bild einer zwar unterschiedlich intensiven, aber eher amorphen „NS-Verstrickung“ der zentralen DFB-Akteure mehr Tiefenschärfe: Sie können unter gesellschaftshistorischen Perspektiven als Teil der deutschen Gesamtgesellschaft in den Blick genommen werden, in der sie spezifische, in der biographischen Perspektive auszumachende Muster im Umgang mit bzw. im Sprechen über die NS-Vergangenheit entwickelten. Eine solche gesellschaftshistorisch erweiterte Perspektive bietet die Möglichkeit, die Erkenntnisse über den DFB und seine Funktionäre mit den Ergebnissen anderer Projekte zur Aufarbeitung der NS-Zeit – in Ministerien, Parlamenten, Institutionen, Verbänden, der Wirtschaft etc. – abzugleichen und in einen breiteren, komparativen Rahmen zu stellen. Konkret: Was war am DFB und seinen Funktionären im „Dritten Reich“ und der Nachkriegszeit im Vergleich zu anderen Funktionseliten allgemein typisch, und was machte die Spezifik von Organisation und Funktionären aus?

In diesem Rahmen wird in einer zweiten Projektphase eine Darstellung erarbeitet, die sich an grundlegenden zeit- und sporthistorischen Fragestellungen und an den Standards vieler geschichtswissenschaftlicher Projekte zur Aufarbeitung der NS-Zeit orientiert. Ziel ist eine monographische Darstellung des verantwortlichen DFB-Personals, die kollektivbiographische Analysen ebenso enthält wie besonders prägnante Einzelbiographien und eine weite interessierte Öffentlichkeit ins Auge fasst.

Die Studie wird in Kooperation zwischen dem Institut für Zeitgeschichte München–Berlin und der Kulturstiftung des Deutschen Fußball-Bundes durchgeführt und ist auf eine Dauer von zwei Jahren angelegt.




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