Gerüchte im Nationalsozialismus zwischen staatlicher Kontrolle und Kommunikation ‚von unten‘: Kommunikative Wirklichkeitskonstruktionen, ihre Kontexte und Deutungen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (IfZ):   Felix Berge
Projektinhalt:

Wie entstanden Gerüchte als kollektives Produkt einer informellen Kommunikationspraktik im totalitären System des Nationalsozialismus? Wie verhielten sich vermeintlich unlenkbare Gerüchte innerhalb der Bevölkerung und die restriktive, staatlich verordnete Informationskontrolle mit- und vor allem zueinander während des Kriegsverlaufs? Wie wirkten Kontexte und die Deutungsmacht eines Gerüchtes als Wirklichkeitsmodell an der Heimatfront und wie nutzten Menschen Gerüchte als Austausch und Wissenserwerb?

Obwohl sie ein vielschichtiges Erkenntnispotential eröffnet, stellt die explizit kulturgeschichtliche Auseinandersetzung mit Kommunikationspraktiken wie Gerüchten in den Kriegsjahren 1939 bis 1945 nach wie vor ein Desiderat in der NS-Forschung dar. Dabei bietet informelle Kommunikation ‚von unten‘ – auch durch Erkenntnisse der Praxistheorie, Raumforschung oder Translocality- und Medienforschung – als Ausgangsüberlegung einen innovativen Zugang zur Kommunikations- und Sozialgeschichte von Nationalsozialismus und Volksgemeinschaft. Als performative Konstruktion sind Gerüchte ein Produkt des „Sagbaren“ und Resultat eines unbefriedigten Informationsbedürfnisses oder einer „unentscheidbaren“ Situation. Dabei können sie als sinnhafte Wirklichkeitskonstruktion parallel zur Realität der NS-Propaganda existieren und sich der staatlichen Kontrolle entziehen. Durch eine methodisch reflektierte und interdisziplinäre Analyse der Trias von Gesellschaft – Kommunikation – Gerücht kann das wie von Wissenserwerb und Informationstransfer in der Kommunikationspraktik Rückschlüsse auf Akteure, ihre Agency und die Rezeptionswirkung von Gerüchten im Nationalsozialismus generieren.

In dem Forschungsprojekt zur deutschen Kriegsgesellschaft soll das kleinteilige, mikrohistorische Phänomen Gerücht eng an die gesamtgesellschaftliche, makrohistorische Befragung geknüpft werden – zum Beispiel im Zusammenhang von Geschlechterbildern oder in der Reaktion des Staates, der die „Gerüchtemacherei“ nicht nur bekämpfte, sondern auch situativ als nützlich identifizieren konnte. Gerade das totalitäre Kontrollstreben des nationalsozialistischen Staates schaffte gute und dezidierte Rahmenbedingungen für Gerüchte. Welchen Einfluss hatten dabei Zäsuren wie Stalingrad, das der deutschen Bevölkerung erstmals vor Augen führten, dass die von Soldaten auf Heimaturlaub verbreiten Gerüchte über eine Niederlage wahr sein konnten? Wie wurden Gerüchte über Bahnhöfe und das Eisenbahnnetzwerk als Zirkulationspunkte kommuniziert und translokal exportiert, wie verliefen Kommunikationskanäle innerhalb von NSDAP oder den Kirchen? Auf welche Weise konnte der totalitäre NS-Staat von Gerüchten profitieren? Welchen Einfluss hatten Gerüchte im Luftkrieg auf Sicherheitsdispositive und Bevölkerungsschutz? Wie wirkte die Kommunikationspraktik im Kontext der sogenannten Endphaseverbrechen als nach innen gerichtete Gewalt?

Die Quellenperspektive des Projektes ergibt zum einen aus der Rückspiegelung von Gerüchten in formeller Kommunikation, wie in den Polizei- und SD-Berichten sowie Gerichtsverfahren oder auf Organisationsebene in Parteidokumenten und kirchlich-gebundener Kommunikation. Zum anderen generiert die private Sphäre direktere Bezüge zu Gerüchten, so vor allem in Ego-Dokumenten und persönlicher Korrespondenz (Tagebücher, Briefe) nachvollziehbar. Die Lokalpresse spielt in der Untersuchung von Gerüchten eine ebenso wichtige Rolle.

 


 

How did rumors emerge – as a product of collective communication – under the specific conditions of the totalitarian system? To what extent did rumors, as a form of fluid and barely controllable communication, relate to the restricted information supply of the Nazi dictatorship and, furthermore, how did these spheres interact with each other? Which contexts influenced rumors as a constructed reality on the home front andhow did people refer to them as a mechanism of knowledge acquisition?

Although a history of rumors under National Socialism offers a multi-layered perspective on questions about communication and the social and cultural history of the Third Reich and German wartime society, detailed studies of these remain a historiographical lacuna. The totalitarian regime of the Third Reich and the “Volksgemeinschaft,” however, constitute a specific framework and context for rumors. As a mode of gathering, constructing, and communicating knowledge “from below,” rumors have to be analyzed as a performative construction and a product of a vague or undecidable situation or a not clearly defined event. They influenced behavior, and therefore must be understood as an alternative reality, which could question the state-driven information supply, but also existed besides it. An interdisciplinary study of rumors – including practice theory, new approaches of spatial history, and translocality or media studies – posits new questions and conclusions about actors, their agency, and modes of reception as well as public opinion within the “Volksgemeinschaft” between 1939 and 1945. Therefore, this study shifts questions towards how knowledge was acquired and towards modes of communication within and through rumors.

This project about German wartime society aims to tie the micro-historical phenomenon of rumor closely to macro-historical dimensions of the German home front society. For example, it will focus on questions of gender or the reactions of the totalitarian state, which not only sanctioned the so-called “rumor-monger,” but also identified and adopted specific rumors for its own purposes.  Which influence did caesuras – like Stalingrad, which demonstrated that rumors about a defeat, spread by soldiers on home leave, could, in fact, be true – have on rumors and on society’s morale? How were rumors spread through train stations and the railroad system as points of circulation and translocal communication? Which informal information channels existed within the NSDAP or the churches? How did the totalitarian system use certain rumors under parameters of its own policy of controlled and restricted information supply? To what extent did rumors disseminate information and knowledge about safety infrastructure and civil protection during the aerial warfare? How did rumor dynamics escalate during the so-called “Endphaseverbechen,” campaigns of repression and terror directed against civilians and forced laborers in the final stages of the war?

The sources of this project includethe reflection of rumors in formal communication, such as police and SD reports, court cases as well as perspectives in Nazi Party documents and confessionally bounded communication within the church on an organizational level on the one hand. On the other hand, the private sphere generated more direct insights, mainly through ego documents and personal correspondence (diaries, letters). The study of local press will be equally important for references to rumors.




© Institut für Zeitgeschichte