Informelle Kommunikation in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs (1940-44)

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (IfZ):   Manuel Mork
Projektinhalt:


Geplauder, Geschwätz, Gerüchte und Witze stellen eine Konstante menschlichen Zusammenlebens dar. In historischen Phasen, in denen auf offizielle Kommunikation kein Verlass war, erlangte informelle Kommunikation für den Einzelnen jedoch eine nochmals gesteigerte Bedeutung. So auch im besetzten Frankreich während des Zweiten Weltkriegs, wo die Bevölkerung der offiziellen Propaganda über einen landesweiten „Schwarzmarkt der Informationen“ (Jean-Marie Guillon) auswich. Die Behörden versuchten, Kommunikation zu bestimmten Themen mit drastischen Sanktionen zu unterbinden, sodass sich der Austausch zu brisanten Themen oftmals auf geschlossene Kreise, regelrechte „Geheimgesellschaften“ (Ibid.), beschränkte. Andererseits konnten Orte des notwendigen Zusammenkommens wie Bahnhöfe und Essenschlangen zu regen Foren des Austauschs werden. Doch ist es für den heutigen Betrachter überhaupt noch möglich, den Spuren solcher Alltagskommunikation nachzugehen?

Informelle Kommunikation lässt sich als die Vermittlung von Informationen außerhalb formeller Hierarchien auffassen. Anders als in vielen anderen historischen Gesellschaften hinterließ diese Form der Kommunikation in dem durch Deutschland besetzten Frankreich eine beachtliche Menge von schriftlichen Spuren: Zur Verfügung stehen neben zahllosen Ego-Dokumenten (Briefe, Tagebücher, Memoiren) zeitgenössische journalistische Veröffentlichungen und die offizielle Dokumentation der Regierungsbehörden – schließlich war das Alltagsgespräch zum Politikum geworden. Das Forschungsprojekt begegnet diesem Quellenkorpus, indem, erstens, eine enge zeitliche und geographische Eingrenzung vorgenommen und, zweitens, eine strikte Orientierung an analytischen Kategorien und dazugehörigen Forschungsfragen vorgenommen werden soll.
Ersteres bedeutet, dass sich die Betrachtung auf die spezifische gesellschaftliche Rezeption ausgewählter historischer Ereignisse an bestimmten Orten (z.B. einzelne Départements) beschränkt. Diese Herangehensweise folgt der Auffassung, dass nur über die personenbezogenen Abläufe des Austauschs auf der Mikroebene auch die realen Praktiken informeller Kommunikation nachvollzogen werden können.    
Mit Analysekategorien ist zweitens gemeint, dass die informelle Kommunikation in Frankreich zwischen 1940 und 1944 anhand von möglichst genauen Erkenntnisinteressen und Forschungsfragen analysiert werden soll – beispielsweise auf ihre Inhalte, Schauplätze oder Netzwerke hin. Da alltägliche Kommunikation ein von der Geschichtswissenschaft weitestgehend unbearbeitetes Feld darstellt, soll zur Ausrichtung dieser Zugriffsachsen auf Angebote aus der Soziologie und Kulturantrhopologie zurückgegriffen werden. Exemplarisch sind die folgenden Forschungsfragen vorstellbar: Welchen Typen und Stereotypen bediente man sich im alltäglichen Gespräch (Inhalte)? Inwiefern wurden politische Themen in der Öffentlichkeit besprochen (Schauplätze)? Kam ein Deutschland-freundlicher Franzose überhaupt mit einem Gegner des Vichy-Regimes ins Gespräch (Netzwerke)?

Solche und ähnliche Fragen markieren den Versuch, über die Rekonstruktion des alltäglichen Austauschs die Vorstellungswirklichkeiten der französischen Bevölkerung unter deutscher Besatzung nachzuvollziehen und diese nicht als bloße Empfänger massenmedialer Kommunikation wahrzunehmen. Insofern gilt es, längst vergessenen Stimmen noch einmal Gehör zu verschaffen.

 

English Version
Gossip and chitchat, rumours and jokes have always played a part in human coexistence. In historic times, in which official communication could not be trusted, informal communication gained an even greater importance for individuals. This is true for occupied France during the Second World War, where the population manoeuvred around official propaganda with the help of what might be described as a countrywide “black-market of information” (Jean-Marie Guillon). With drastic punishments, the authorities tried to supress the open debate of certain topics, which were hence often discussed only amongst confidants (“secret societies”, Ibid.). Then again, places of necessary encounter like train stations and food queues became arenas of concentrated exchange. But how, one might ask, is it possible for a historian to trace these forms of communication?

Informal communication may be defined as the transmission of information outside of formal hierarchies. In contrast to many other historic societies, this type of communication left behind a great number of traces in German-occupied France: countless personal documents (letters, diaries, memoirs), contemporary journalism and government documentation all include information on everyday exchanges – after all, informal communication had become a serious political issue. The research project will approach this body of sources by, first, limiting analysis to geographically and temporally confined situations and, second, orienting research towards strictly defined categories of analysis.

The former approach means restricting the scope of the study to specifically chosen historic moments at given places – such as the reactions to major historic events in a specific Département. The decision for such a tight perimeter leads back to the idea that the historic practice of everyday communication can only be reconstructed on the micro level of personal exchanges. Secondly, by means of clear categories of analysis, the study will try to encounter the sources with precise questions and scopes of research. Since informal communication is a topic that has been left largely unconsidered by historians, the fields of sociology and cultural anthropology can deliver valuable inspiration on which questions to pose. These might for instance include: which characters and stereotypes were evoked in daily conversation? To what extent were political topics discussed publicly? Did enemies and supporters of the Vichy regime even speak to each other?  

Questions like these aim at understanding how French citizens conceived of their reality under German occupation, by tracing back verbal and written exchanges. The ambition is hence to bring back long forgotten voices from the past.




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