Karl Blessing (1900-1971). Eine Biographie.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (IfZ):  PD Dr. Stefan Grüner
Projektinhalt:

Als langjähriger Präsident der Bundesbank gehörte Karl Blessing zu den Funktionseliten, die die finanz- und wirtschaftspolitische Entwicklung der Bundesrepublik maßgeblich mitgestaltet haben. Zugleich steht seine Biographie für den Lebensweg eines Vertreters der höheren Beamtenschaft der Weimarer Republik, deren Karriereverläufe über zwei oder sogar drei Systembrüche hinweg zumal für den Finanzsektor noch kaum erforscht sind. Milieubezogene Mentalitäten, Selbstverständnis und Wertehorizonte, gesellschaftliche und politische Weltbilder harren im Falle Blessings ebenso der systematischen Durchdringung wie persönliche Netzwerke oder professionelle Grundorientierungen zwischen Weimarer Demokratie, NS-Staat und Bundesrepublik.
Dies gilt umso mehr, als Blessings Karriereweg in mehrfacher Hinsicht von Grenzgängertum und zumindest zeitweiser Ambiguität gekennzeichnet war. Seit 1920 in der Reichsbank tätig, profilierte er sich früh als Experte in internationalen Finanz- und Reparationsfragen und konnte seine Karriere im Umkreis von Hjalmar Schacht zunächst über das Jahr 1933 hinaus vorantreiben. Noch als relativ junger Mann wurde er 1937 in das Direktorium der Reichsbank berufen und bewegte sich beruflich bis 1945 zwischen öffentlichem Bankwesen, Kriegs- und Privatwirtschaft. Dabei stand verschiedenen Tätigkeiten Blessings im Dienst des NS-Staates die Tatsache gegenüber, dass der Bankier offenbar auch lose Kontakte zum Widerstand um Helmuth James Graf von Moltke und Carl Goerdeler pflegte.
Diese Tatsache ebenso wie die erworbene Expertise im Bereich von Währungspolitik, Außenwirtschaft und internationalem Zahlungsverkehr sowie bald gute Kontakte zum wirtschaftspolitischen Führungspersonal der jungen Bundesrepublik machten Blessing zu einem bevorzugten Kandidaten für das Amt des ersten Bundesbankpräsidenten. Zwischen 1958 und 1969 zeigte er sich binnenpolitisch als Anhänger einer Politik der Preisstabilität, international als Verfechter der Währungsordnung des Gold-Devisen-Standards, auf dessen monetär disziplinierendes Potenzial er baute. Übermäßige Inflation, so Blessing, gefährdete den sozialen Frieden und behinderte nachhaltiges Wachstum, das als Ziel nur anzustreben war, wenn seine Umsetzung nicht zu Lasten der Preisentwicklung ging. Von diesen Grundüberzeugungen aus, die auch aus Erfahrungen der Zwischenkriegszeit geschöpft waren, stellte er sich wiederholt gegen Positionen, die von Kabinettsmitgliedern und Wissenschaftlern, Industrievertretern oder Gewerkschaften vertreten wurden. Es wird daher unter anderem offenzulegen sein, welche Rolle der Bundesbank unter der Leitung Blessings in der Phase des ökonomischen Booms zufiel, welche Zentralbank- und Demokratiekonzepte dabei wirksam wurden und wie sich in dieser Hinsicht das Verhältnis von Kontinuität und Wandel gestaltete.




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