Mit dem tragischen Ende der „heiteren Spiele“ von 1972 veränderte auch der diesem Großereignis vorangegangene Bau-Boom sein Gesicht. Deutlich wurden neue Herausforderungen an den Wohn- und Sozialraum der Landeshauptstadt. Der Sozialdemokrat Georg Kronawitter begann seine erste Amtszeit als Oberbürgermeister in eben diesem Jahr und stellte die Themen soziale Gerechtigkeit, bezahlbare Mieten und – erstaunlich früh – Umweltschutz in den Mittelpunkt seiner Politik. In den beiden folgenden Wahlperioden, sowohl mit der Wahl des CSU-Kandidaten Erich Kiesls 1978 als auch der Wiederwahl Kronawitters 1984, änderten sich die Herausforderungen und Ansprüche an die bayerische Metropole binnen weniger Jahre.
Für die Stadtstruktur bedeutete dies neben dem ab 1975 prägenden Stadtentwicklungsplan und einer immer weiter polyzentrisch ausgerichteten Planung auch große Umwälzungen im sozialen Gefüge der Stadt. Die Stadtverwaltung hatte neben planerischen Herausforderungen auch dem gesellschaftlichen Wandel zu begegnen. Eine immer diverse Stadtgesellschaft, sich weiter individualisierende Lebensentwürfe, aber auch neue soziale Bewegungen und Teilhabeforderungen sowie basisdemokratische Vorstellungen von Partizipation veränderten das Zusammenspiel aus Kommunalpolitik und Zivilgesellschaft. Als besonders brisant erwiesen sich die Schattenseiten von Wachstum und Verdichtung, die sich in überdurchschnittlich hohen Mieten und Wohnraumknappheit zeigten.
Die veränderten Ansprüche an Wohn- und Stadtraum, aber auch an Infrastruktur und Kulturangebote hatten nicht zuletzt mit der wachsenden Migration und der Pluralisierung einer Stadtgesellschaft zu tun, die insbesondere an ihren Rändern immer weiter ausfranste. Die Folgen dieser Entwicklung bekamen vor allem marginalisierte Gruppen deutlich zu spüren, die sich jedoch nicht in ihr Schicksal fügen wollten, sondern politische Teilhabe einforderten und die Stadt mitgestalten wollten. Wie Stadtpolitik und Stadtverwaltung auf diese Herausforderungen reagierten, welche Konzepte sie entwickelten und wie erfolgreich sie waren, ist eine zentrale Frage dieser Studie. Als Sonden dienen dabei die Kategorien Migration, Generation und Geschlecht. Ziel dieses intersektionalen Ansatzes ist es, marginalisierte Gruppen und ihre Forderungen zu identifizieren, prekäre Lebensbedingungen sichtbar zu machen und die – mehr oder weniger erfolgreichen – Problemlösungsstrategien der Münchner Stadtpolitik unter unterschiedlichen politischen Vorzeichen herauszuarbeiten. Damals wie heute war bezahlbarer Wohnraum ein beherrschendes Thema; darüber hinaus soll untersucht werden, wie sich Partizipations- und Autonomiebestrebungen manifestierten und wie ihnen die Stadtverwaltung begegnete – unter sozialdemokratischer Führung ebenso wie unter christlich-sozialer. In den Blick kommen dabei die Gründung des Münchner Ausländerbeirats und des Münchner Mietervereins, verschiedene Bürgerinitiativen oder Aktionsgruppen aus der Subkultur, aber auch andere Zusammenschlüsse, welche die Stimmen (marginalisierter) Gruppen bündeln und hörbar machen sollten.