Wer gestaltet die Stadt? Partizipation, Prekarität und Politik in München 1972 bis 1993

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (IfZ):   Julia Mertens
Projektinhalt:

Mit dem tragischen Ende der „heiteren Spiele“ von 1972 veränderte auch der diesem Großereignis vorangegangene Bau-Boom sein Gesicht. Deutlich wurden neue Herausforderungen an den Wohn- und Sozialraum der Landeshauptstadt. Der Sozialdemokrat Georg Kronawitter begann seine erste Amtszeit als Oberbürgermeister in eben diesem Jahr und stellte die Themen soziale Gerechtigkeit, bezahlbare Mieten und – erstaunlich früh – Umweltschutz in den Mittelpunkt seiner Politik. In den beiden folgenden Wahlperioden, sowohl mit der Wahl des CSU-Kandidaten Erich Kiesls 1978 als auch der Wiederwahl Kronawitters 1984, änderten sich die Herausforderungen und Ansprüche an die bayerische Metropole binnen weniger Jahre. 

Für die Stadtstruktur bedeutete dies neben dem ab 1975 prägenden Stadtentwicklungsplan und einer immer weiter polyzentrisch ausgerichteten Planung auch große Umwälzungen im sozialen Gefüge der Stadt. Die Stadtverwaltung hatte neben planerischen Herausforderungen auch dem gesellschaftlichen Wandel zu begegnen. Eine immer diverse Stadtgesellschaft, sich weiter individualisierende Lebensentwürfe, aber auch neue soziale Bewegungen und Teilhabeforderungen sowie basisdemokratische Vorstellungen von Partizipation veränderten das Zusammenspiel aus Kommunalpolitik und Zivilgesellschaft. Als besonders brisant erwiesen sich die Schattenseiten von Wachstum und Verdichtung, die sich in überdurchschnittlich hohen Mieten und Wohnraumknappheit zeigten. 

Die veränderten Ansprüche an Wohn- und Stadtraum, aber auch an Infrastruktur und Kulturangebote hatten nicht zuletzt mit der wachsenden Migration und der Pluralisierung einer Stadtgesellschaft zu tun, die insbesondere an ihren Rändern immer weiter ausfranste. Die Folgen dieser Entwicklung bekamen vor allem marginalisierte Gruppen deutlich zu spüren, die sich jedoch nicht in ihr Schicksal fügen wollten, sondern politische Teilhabe einforderten und die Stadt mitge­stal­ten wollten. Wie Stadtpolitik und Stadtverwaltung auf diese Herausforderungen re­agierten, wel­che Konzepte sie entwickelten und wie erfolgreich sie waren, ist eine zentrale Fra­ge dieser Stu­die. Als Sonden dienen dabei die Kategorien Migration, Generation und Ge­schlecht. Ziel die­ses intersektionalen Ansatzes ist es, marginalisierte Gruppen und ihre For­de­run­gen zu identifizieren, pre­­käre Le­bens­bedingungen sichtbar zu machen und die – mehr oder we­niger erfolgreichen – Prob­­lem­lö­sungs­strategien der Münchner Stadtpolitik unter unter­schied­­lichen politischen Vor­zei­chen her­aus­zuarbeiten. Damals wie heute war bezahlbarer Wohn­raum ein beherrschendes Thema; dar­über hinaus soll untersucht werden, wie sich Partizi­pa­tions- und Autonomie­be­stre­bun­gen ma­ni­fes­tierten und wie ihnen die Stadtverwaltung be­geg­ne­te – unter sozialdemokratischer Füh­­rung eben­so wie unter christlich-sozialer. In den Blick kom­­men dabei die Gründung des Münch­ner Aus­länderbeirats und des Münchner Mietervereins, verschiedene Bürgerinitiativen oder Aktionsgruppen aus der Subkultur, aber auch andere Zu­sam­­­menschlüs­se, welche die Stimmen (marginalisierter) Gruppen bündeln und hörbar machen soll­ten. 




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