Schule der Demokratie? Das Personal des bayerischen Kultusministeriums, seine NS-Vergangenheit und die Demokratisierung der bayerischen Bildungspolitik 1945–1975

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (IfZ):  Dr. des. Felix Lieb
Projektinhalt:

Das Forschungsprojekt widmet sich der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im bayerischen Kultusministerium, Kontinuitäten und Brüchen in seiner Personalpolitik sowie der Ausrichtung seiner Schulpolitik unter den Vorzeichen von Demokratisierung und Liberalisierung nach 1945. Diese Prozesse werden auf drei verschiedenen Ebenen untersucht: Im Mittelpunkt des Interesses stehen erstens Brüche und Kontinuitäten beim Personal des Kultusministeriums, die spezifische NS-Vergangenheit der hohen Ministerialbeamt*innen (in den beiden Schulabteilungen und der Verwaltungsabteilung des Ministeriums) sowie deren leitenden Ideen und politischen Vorstellungen. Zweitens erfolgt die Untersuchung mit Blick auf die konkrete Personalpolitik innerhalb von Ministerium und Schulen nach 1945 und darauf, wie die Erfahrung und Definition eigener Belastung Personalentscheidungen beeinflussten. Von Bedeutung ist drittens, wie sich die je individuellen Prägungen aus der Zeit des Nationalsozialismus sowie die Belastungsdiskurse auf das Verwaltungshandeln innerhalb der neuen demokratischen Strukturen auswirkten (oder auch nicht auswirkten). Beispielhaft gezeigt werden kann dies anhand der Untersuchung der Aushandlungsprozesse bei der Gestaltung der Unterrichtsinhalte im Geschichts- und Sozialkundeunterricht sowie der Rolle von Politik in der Schule, der verschiedenen Formen innerschulischer Demokratie und dem Verhältnis von Demokratisierungsansprüchen und Chancengleichheit innerhalb des hierarchisch gegliederten Schulsystems.

Bildungspolitik vollzieht sich grundsätzlich in einem vertikal stark ausdifferenzierten Machtgefüge, was die Frage nach der Motivation und Wirkung schulpolitischen Handelns in allen drei Untersuchungsebenen aufwirft. Das Projekt orientiert sich daher an einem mehrdimensionalen Ansatz und bezieht die Ebenen der Bezirksregierungen, Schulamtsbezirke und der einzelnen Schulen mit ein. So soll näher beleuchtet werden, von wem genau die Handlungsimpulse zum Umbau der Schulpolitik unter demokratischen Vorzeichen stammten und welche Handlungsmacht dem Kultusministerium im diesem Prozess tatsächlich zukam. Zudem ermöglicht die Berücksichtigung der verschiedenen räumlichen Ebenen, das Verhältnis von bayerischer, westdeutscher und lokaler Identität und damit die Definition des gedachten „Subjekts“ der Demokratisierung näher zu bestimmen.

Das Projekt orientiert sich letztlich an folgenden übergeordneten Leitfragen:

Einerseits soll der Umgang des bayerischen Kultusministeriums mit der NS-Vergangenheit als Sonde dienen, um die Frage zu beantworten, welchen Beitrag die Bildungspolitik und ihre behördlichen Akteur*innen zur Demokratisierung von Politik und Gesellschaft leisteten und in welchem Zusammenhang diese Wandlungsprozesse zur je eigenen NS-Vergangenheit der Handelnden standen. Andererseits sind umgekehrt die Auswirkungen zu untersuchen, die die Mitarbeit am Aufbau der „demokratischen Schule“ auf die Handelnden selbst hatte. War der bildungspolitische Wandel der Nachkriegszeit nämlich nicht nur für die Schülerschaft, sondern auch für das Personal im Ministerium eine „Schule der Demokratie“?




© Institut für Zeitgeschichte
Content