Nach Jahrzehnten der Nachkriegsprosperität führten unter anderem die Ölpreiskrisen in den 1970er Jahren zu einem finanzpolitischen Umdenken in der Bundesrepublik. Erstmals seit Gründung der BRD schien der „Traum immerwährender Prosperität“ ausgeträumt: Stagflation, hohe Arbeitslosigkeit und steigende Staatsverschuldung stellten die Bundesregierung vor bisher ungekannte Herausforderungen, mit denen die etablierten finanzpolitischen Instrumente überfordert schienen. Vor diesem Hintergrund wurde, wenn auch etwas zögerlich, die expansive Politik der 1960er und frühen 1970er Jahre abgelöst durch eine Konsolidierungspolitik, die auf eine Reduktion der gestiegenen Haushaltsdefizite abzielte. Trotz umfangreicher Forschungen zu diesem finanz- und wirtschaftspolitischen Kurswechsel der Bundesregierung sowie der zentralen Rolle des Bundesministeriums der Finanzen (BMF) in der Haushaltspolitik mangelt es in der historischen Forschungslandschaft erstaunlicherweise noch an einer Untersuchung zu den konkreten Vorgängen innerhalb des Ministeriums. So wurden Fragen nach etwaigen Konfliktlinien in der Konzeptionalisierung von Konsolidierungspolitik sowie nach Kontinuität und Wandel in der Selbstpositionierung des Ministeriums in dieser finanzpolitischen Debatte, besonders auch vor dem Hintergrund der vielfältigen Minister- und Regierungswechsel der siebziger und achtziger Jahre, bisher höchstens marginal betrachtet.
Das Dissertationsvorhaben stellt daher die innerministeriellen Entscheidungsprozesse in den Vordergrund. Dabei zielt es nicht auf eine klassische organisations- oder verwaltungshistorische Analyse ab; vielmehr sollen mit Hilfe des politologischen Multiple-Streams-Ansatzes die finanzpolitischen Akteure, ihre Überzeugungen und ihre oftmals interministeriellen Interaktionen im Mittelpunkt der Untersuchung stehen. Die Arbeit skizziert den keineswegs linear verlaufenden Politikwechsel mit seinen Widersprüchlichkeiten und unterschiedlichen Ausprägungsstufen daher auf drei Untersuchungsebenen: Erstens geht es um die Zeiträume, in denen eine Haushaltskonsolidierung umgesetzt wurde sowie um die jeweiligen politischen Begründungen; zweitens soll die inhaltliche Fundierung dieser Argumentationen beleuchtet werden, besonders vor dem Hintergrund des sich zeitgleich vollziehenden wirtschaftswissenschaftlichen Paradigmenwechsels vom keynesianisch geprägten Konzept der Globalsteuerung zur monetaristisch orientierten Angebotspolitik; abschließend wird drittens untersucht, wie sich der Politikwechsel trotz der Konfliktlinien, die sich im Spannungsfeld von elektoralem Druck durch Wahlen und Parteienwettbewerb, dem Einfluss des föderalen Finanzsystems sowie der ministeriellen Hierarchiestrukturen und Kommunikationshürden entfalteten, konkret vollzog. Dabei werden insbesondere auch personelle und ideologische Kontinuitäten innerhalb der Ministerialbürokratie herausgearbeitet, die etwaige über die politische „Wende“ des Jahres 1982 hinaus gehende Diskussionen spezifischer finanzpolitischer Ansätze erklären könnten. Erzielt werden soll eine Skizzierung der Prozesse und Entscheidungsvorgänge im BMF, die – so die Hoffnung – auch über diesen konkreten historischen Untersuchungsgegenstand hinaus Einblicke in das (inter-)ministerielle Arbeiten und seine Herausforderungen eröffnen kann. Die Promotion erfolgt im Rahmen eines umfassenderen Projekts zur Erforschung der Geschichte des BMF in den Jahren 1949 bis 1990.