11.12.2017

"Am Abend schwirrt mir der Kopf vor Exzellenzen"



Vor  100  Jahren  wurde  Michael  von  Faulhaber  zum  Münchner  Erzbischof  ernannt  - Editionsprojekt stellt Tagebücher aus dem Jahr 1917 online

 

Im Weltkriegsjahr 1917, also vor 100 Jahren, trat Michael von Faulhaber sein Amt als Erzbischof von München und Freising an. Die Tagebucheinträge Faulhabers aus diesem Jahr sind nun vollständig online auf der Website des Editionsprojektes www.faulhaber-edition.de zugänglich. Sie dokumentieren nicht nur den Beginn von Faulhabers 35 Jahre währender Amtszeit als katholischer Oberhirte in der bayerischen Landeshauptstadt, sondern zeigen auch: Der Amtsantritt fiel in eine politisch aufgeladene Zeit.

 

Wunschkandidat der bayerischen Staatsspitze


Faulhaber, gebürtiger Unterfranke und seit 1911 Bischof im damals noch zum Königreich Bayern gehörenden Speyer, war der Wunschkandidat von Königshaus und Staatsregierung für die Nachfolge des im April 1917 verstorbenen Münchner Erzbischofs Franziskus Kardinal von Bettinger gewesen. Der wortgewaltige Bischof galt nicht nur als überzeugter Monarchist, sondern hatte in München nach den zeitgenössischen Worten der Bayerischen Staatszeitung mit seinen Reden bereits „vaterländisches Feuer“ zu entfachen gewusst. Für Faulhaber selbst bedeutete der Wechsel nach München einen Karrieresprung: Zählte Speyer zu dieser Zeit gut 22.000 Einwohner, sollte Faulhaber nun den Bischofsstab für eine Großstadt mit 600.000 Einwohnern übernehmen, die noch dazu als Zentrum des Katholizismus galt. Nicht alle schienen die Begeisterung der Staatsspitze für Faulhaber zu teilen: Die München-Augsburger Abendzeitung munkelte ebenso wie das Berliner Tageblatt, dass es im oberbayerischen Klerus massive Vorbehalte gegen die Berufung gebe. Er habe es nicht geschafft, sich in Speyer beliebt zu machen, und außerdem sei „ein einheimischer und populärer, weniger wissenschaftlich als seelsorgerisch gewappneter Kandidat für den schwierigen Münchner Posten vorzuziehen“, wurden „sachkundige“, aber anonyme Kreise zitiert. Doch auch der neugekürte Erzbischof zeigte sich rauflustig: Nachdem Faulhaber am 3. September 1917 in einer kriegsbedingt eher bescheidenen Zeremonie im Liebfrauendom inthronisiert worden war, zog er bereits mit seinem ersten Hirtenwort Kritik auf sich. Seine neue Heimat München, so der Bischof, sei „für ganz Bayern ein Hauptquartier und Einfallstor religionsfeindlicher und kirchenfeindlicher Freischärler“.

Umso mehr galt es für den neuen Amtsinhaber in den ersten Wochen und Monaten, seine umfangreiche Gemeinde ausgiebig kennenzulernen. Wie die immer ausführlicher werdenden Tagebucheinträge zeigen, erwarteten nicht nur eine Vielzahl von geistlichen Würdenträgern und katholischen Vereinen einen Antrittsbesuch – auch sämtliche adelige Familien und die Polit- und Verwaltungsprominenz Münchens machte bei Faulhaber ihre Aufwartung. „Am Abend schwirrt mir der Kopf vor Exzellenzen“, seufzte der gestresste Erzbischof am 18. September 1917 in sein Tagebuch.

Bis zu seinem Tod am Fronleichnamstag des Jahres 1952 sollte Faulhaber Münchner Erzbischof bleiben. In all diesen Jahren hielt er wie schon in seiner Zeit in Speyer seine Begegnungen mit Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten in seinen Tagebüchern fest. Diese Quelle wird im Projekt „Kritische Online-Edition der Tagebücher von Michael Kardinal von Faulhaber (1911-1952)“ wissenschaftlich aufbereitet und im Internet unter www.faulhaber-edition.de veröffentlicht. Bisher sind die Jahrgänge 1918/1919 und 1933/1934 vollständig abrufbar. Zusammen mit den Einträgen des Jahres 1917 werden auch die Aufzeichnungen Faulhabers aus dem Jahr 1935 online gestellt.

Die Einträge müssen dafür zunächst aus der Kurzschrift Gabelsberger übertragen werden, die heute nur noch wenige Experten entziffern können. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das auf zwölf Jahre angelegte Vorhaben seit dem 1. Januar 2014. Zur Unterstützung der Arbeiten hat der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Kardinal Marx, Mittel zur Verfügung gestellt, um die Feinverzeichnung des Nachlasses Faulhaber voranzutreiben. Im Projekt arbeiten Historikerinnen und Historiker, Theologen und ein Informatiker interdisziplinär zusammen. Geleitet wird es von dem Historiker Prof. Andreas Wirsching vom Institut für Zeitgeschichte München − Berlin und dem Kirchenhistoriker Prof. Hubert Wolf von der Universität Münster. Kooperationspartner ist das Erzbischöfliche Archiv München, in dem die Tagebücher verwahrt werden. Die Edition wird insbesondere neue Beiträge zum Verhältnis von Religion und Politik und zum Umgang der katholischen Kirche mit totalitären Ideologien ermöglichen. Gleiches gilt für innovative Forschungen zur Theologie- und Kulturgeschichte, etwa mit Blick auf personelle Netzwerke, Frömmigkeitsformen, Kriegsdeutungen, Emotionen und Geschlechterrollen im Katholizismus oder die Beziehungen zu anderen Glaubensgemeinschaften.