Aktuelles Heft 3/2019

Aufsätze:

  • Yuliya von Saal: Anonyma: „Eine Frau in Berlin“. Geschichte eines Bestsellers. (A)
  • Lucas Hardt: Flüchtlinge, Terroristen, Freiheitskämpfer? Algerische Migranten und die Bundesrepublik Deutschland 1954 bis 1962. (A)
  • Christian Rau: Von Gegnern zu Partnern? Der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Medienöffentlichkeit der Bundesrepublik. (A)
  • Podium Zeitgeschichte: Rechtspopulismus in westlichen Demokratien – zeithistorische Perspektiven: Karin Priester, Ursula Prutsch, Ronja Kempin, André Krause und Thomas Schlemmer - free access bis zum Erscheinen des Oktober-Heftes
  • Nachruf: Jürgen Zarusky (28. April 1958 – 4. März 2019). Historiker der Diktatur im 20. Jahrhundert.

 

 

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Abstracts

Yuliya von Saal, Anonyma: „Eine Frau in Berlin“. Geschichte eines Bestsellers

 

Das Buch der anonymen Autorin von „Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945“ kam 2003 als ein Zeitdokument auf den Markt, wurde millionenfach verkauft, in mehrere Sprachen übersetzt und verfilmt. Die Authentizität der Aufzeichnungen wurde jedoch in Frage gestellt, unter anderem weil bis dato niemand vollen Zugriff auf die handschriftlichen Originale hatte. 2016 wurde der Nachlass von Anonyma dem Archiv des Instituts für Zeitgeschichte übergeben. Yuliya von Saal hat diesen und die Originale des Tagebuchs zum ersten Mal ausgewertet. Sie zeichnet die Geschichte und die Rezeption des Bestsellers nach und kommt zu dem Schluss, dass das publizierte Tagebuch aus quellenkritischer Perspektive mitnichten ein authentisches Zeitdokument ist. Es ist aber ein sehr persönliches, wenngleich stark literarisiertes Zeugnis einer Frau, die eine scharfe Beobachterin war.

 


 

Lucas Hardt, Flüchtlinge, Terroristen, Freiheitskämpfer? Algerische Migranten und die Bundesrepublik Deutschland 1954 bis 1962

 

Der Aufsatz untersucht die Ursachen und das Ausmaß der algerischen Zuwanderung in die Bundesrepublik zwischen 1954 und 1962 sowie deren Folgen auf institutioneller Ebene. Spätestens seit 1958 ist die algerische Migration in die Bundesrepublik als Fluchtbewegung vor den gewaltsamen Auseinandersetzungen um die algerische Unabhängigkeit in Frankreich zu verstehen. In Europa wurde Westdeutschland zum wichtigsten Zufluchtsland für Algerier, die in Frankreich lebten. Aufgrund des politischen Drucks aus Paris erhielten sie in der Bundesrepublik zwar kein politisches Asyl. Dennoch entwickelten westdeutsche Behörden eine eigene Haltung gegenüber den sogenannten Französischen Muslimen Algeriens.

 


 

Christian Rau, Von Gegnern zu Partnern? Der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Medienöffentlichkeit der Bundesrepublik


Die 1980er Jahre waren für die westdeutschen Gewerkschaften ein Krisenjahrzehnt. Skandale und sinkende Organisationsgrade bestimmten ihr Bild in der Öffentlichkeit. Der Deutsche Gewerkschaftsbund sah sich einer als gewerkschaftsfeindlich wahrgenommenen Medienmacht gegenüber. Dabei diskutierte der Dachverband bereits seit den 1950er Jahren sein Verhältnis zu den kommerziellen Medien und deren gesellschaftliche Bedeutung kontrovers. Immer wieder keimten dabei Konflikte zwischen Gewerkschaftsvorständen und Öffentlichkeitsarbeitern auf. Die Wiedervereinigung 1990 eröffnete letzteren ein einmaliges Feld für medienpolitische Experimente, die ihre Intention, die Defizite der bisherigen Medienarbeit aufzuzeigen, aber verfehlten. Der Beitrag untersucht dieses konfliktreiche Verhältnis zwischen Annäherung und Abgrenzung.

 


 

Podium Zeitgeschichte: Rechtspopulismus in westlichen Demokratien – zeithistorische Perspektiven

 

Die Zukunft der Demokratie sowie ihre Herausforderung durch die Folgen der Globalisierung einerseits und durch die illiberale oder gar autoritäre Versuchung andererseits beschäftigten Politik, Öffentlichkeit und Wissenschaft in vielen Ländern Europas und Amerikas gleichermaßen. Insbesondere die Erfolge (rechts-)populistischer Parteien und Bewegungen mit ihrer oft ebenso nationalistischen wie antimodernen und xenophoben Rhetorik in gefestigten demokratischen Ländern haben die Frage nach Gefährdungspotenzialen und demokratischen Handlungsoptionen aufgeworfen. Das Podium Zeitgeschichte will in diesem Zusammenhang die historische Perspektive stärken und anhand der fünf Fallbeispiele Bundesrepublik Deutschland (Karin Priester), USA (Ursula Prutsch), Frankreich (Ronja Kempin), Niederlande (André Krause) und Italien (Thomas Schlemmer) die Interdependenz von längerfristigen Entwicklungen, sozio-politischen Verwerfungen und aktuellen Krisenphänomenen herausarbeiten. Neue Parteien wie die Alternative für Deutschland kommen dabei ebenso in den Blick wie etablierte – etwa das aus dem Front National hervorgegangene Rassemblement National. Dabei liegt ein wichtiger Akzent auf Führungsfiguren wie Marine Le Pen, Geert Wilders, Donald Trump oder auch dem fast schon vergessenen Silvio Berlusconi, denen als Katalysatoren des Populismus in ihren Ländern besondere Bedeutung zukommt.