Regionalität und Globalität in der jüngsten Zeitgeschichte Europas

Workshop zur Vermessung eines neuen Forschungsfeldes

Dass die Globalisierung zu den Grundprozessen der jüngsten Zeitgeschichte gehört, ist fast schon eine Binsenweisheit. Was sie bedingte, welche Wirkungen sie zeitigte, was sie dy­na­mi­sier­­te oder wo ihre Grenzen lagen – diese Fragen werden in der Geschichtswissenschaft erst seit Kurzem gestellt. Dagegen beobachten die Sozialwissenschaften die Globalisierung seit Jah­­­ren, und sie sind es auch, die den Diskurs prägen. Einer ihrer einflussreichsten Begriffe ist das Schlagwort von der „Glokalisierung“ (Roland Robertson), mit dem die Interdependenz von einerseits global und andererseits lokal verankerten Prozessen beschrieben wird. Die Glo­ba­­­lisierung, so die zugrunde liegende These, durchdringe im Sozialen lokale Gesellschaften, be­­­einflusse im Ökonomischen die Produktionsprozesse, Handelswege sowie die Arbeitspraxis vor Ort und werte die subnationale Ebene auch politisch auf. Der Bedeutungsgewinn des Glo­ba­­­len gehe einher mit einem Bedeutungsgewinn des Lokalen oder Regionalen; uni­ver­sa­le und par­tikulare Tendenzen bedingten einander.

Die These der „Glokalisierung“ bietet für die Geschichtswissenschaft An­satz­punkte zur Er­schlie­ßung und Historisierung des Verhältnisses von Lokalität, Regionalität und Globalität. Dass kleinräumige Einheiten in ein Geflecht von Raumbezügen integriert wa­ren, ist kei­ne neue Entwicklung, die erst in den 1970er Jahren eingesetzt hat, sondern eine Grund­­kons­tante der Raumgeschichte der Moderne. Das interdependente Verhältnis von lo­kalen, regionalen, na­tionalen, europäischen und globalen Ebenen wäre aber für die jüngste eu­ro­pä­i­sche Zeit­ge­schichte zunächst differenziert zu beschreiben, um Verschiebungen oder Neu­jus­tie­run­gen zei­gen und weitere Wirkungen untersuchen zu können. Die Globalisierung kann also als his­to­ri­sche Ka­tegorie gefasst werden. Die Voraussetzung dafür bildet ein dynamischer, kon­struk­ti­vis­tischer Raum­be­griff. Räume als veränder- und gestaltbar, als Produkte von Kom­mu­ni­ka­tion, so­zia­ler und ökonomischer In­ter­aktion, politischem Handeln und mentaler Kartierung zu ver­stehen, macht es möglich, Lo­ka­li­tät, Regionalität und Globalität in ihren wech­sel­seitigen Be­zügen zu erfassen.

Es geht, mit anderen Worten, darum, in welchen Bereichen sich in der europäischen Ge­schich­te seit den 1970er Jahren Verschränkungen von „klei­nem“ und „großem“ Raum iden­ti­fi­zieren las­sen, welche Bedingungen ihnen zugrunde lagen, wel­che Prozesse ihnen vor­ge­la­gert waren, wel­che Praktiken sie beförderten und welche Fol­gen sie zeitigten. Welche so­zia­len, kul­tu­rel­len, politischen und ökonomischen Räume wurden über­haupt erfasst und wie präg­ten sie den Glo­balisierungsprozess mit? Wie funktionierte die Verflechtung zwischen den ver­schiedenen Ebe­nen, wer waren die Ak­teure, wie konnten globale Netze überhaupt ge­knüpft werden? Wie ver­änderten sich soziale Be­ziehungen im Großen und im Kleinen? Wel­che Rolle spielte die Po­litik auf den ver­schie­de­nen Ebenen in ihren Bemühungen, Ver­än­de­rungs­prozesse an­zu­stoßen, zu steuern, zu be­schleunigen oder zu bremsen? Und nicht zuletzt: Wie weit reichte das Glo­bale, wo lagen seine Grenzen, wer waren die Gewinner, wer die Ver­lierer der Glo­balisierung?

Diese Fragen zielen darauf ab, das For­schungs­feld konzeptionell zu fassen. Wir laden ein, grund­legende Thesen zu formulieren, am Beispiel konkreter Projekte neue methodische An­sätze zu testen sowie theoretische und methodische Reflexionen an­zu­stel­len. Neben einer Aus­­einandersetzung mit der sozialwissenschaftlichen Forschung bieten sich da­für Über­le­gun­gen der Globalgeschichte, der europäischen Regionalgeschichte, der Stadt­ge­schichte wie der Raum­­geschichte an, die für frühere Epochen entwickelt und getestet wurden. So dient der Work­­shop auch dazu, traditionell getrennte Forschungsfelder miteinander in Be­zie­hung zu set­­zen und disziplinspezifische Theorie- und Methodendiskussionen füreinander frucht­bar zu ma­­chen.

Der Workshop wird gemeinesam organsiert von Christian Rau, Thomas Schlemmer, Martina Steber (Institut für Zeitgeschichte München–Berlin), Malte Thießen (LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, Münster), Kirsten Heinsohn (Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg).

Weiter Informationen zum Programm

Im Rahmen des Workshops findet am 12. September auch eine öffentliche Abendveranstaltung statt: "Glokalisierung"

ORT
Institut für Zeitgeschichte
Leonrodstraße 46 b
80636 München

ANMELDUNG
Interessierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bitten wir um eine Anmeldung bis zum 6. September unter glokal[at]ifz-muenchen.de.

 



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