Aktuelles Heft 4/2021

  • Morten Reitmayer: Populismus als Untersuchungsfeld der Zeitgeschichte. Ein kritischer Forschungsbericht. (A)
  • Sascha Steger: Kurt Daluege, die Stennes-Revolten 1930/31 und der Aufstieg der SS. (A)
  • Tanja Penter und Dmytro Tytarenko: Der Holodomor, die NS-Propaganda in der Ukraine und ihr schwieriges Erbe. (A)
  • Geschlecht und Demokratie. Deutungskämpfe um die Ordnung der Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland: Kirsten Heinsohn, Till van Rahden, Isabel Heinemann, Martina Steber, Julia Paulus, Bernhard Gotto (D) - free access bis zum Erscheinen des nächsten Heftes

 

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Abstracts

Morten Reitmayer, Populismus als Untersuchungsfeld der Zeitgeschichte. Ein kritischer Forschungsbericht

 

Der Aufsatz diskutiert verschiedene Definitionen des Populismus aus der neuesten internationalen politik- und sozialwissenschaftlichen Forschungsliteratur. Er argumentiert gegen eine unreflektierte Übernahme der politikwissenschaftlichen Definitionen des Populismus, besonders da gegenwärtig konkurrierende Definitionen des Begriffs existieren: Einerseits gibt es eine einflussreiche Strömung, die den Populismus als eine schwache, „dünne“ Ideologie ansieht. Andererseits wird Populismus als eine Strategie zu Machtgewinn und Massenmobilisierung verstanden. Zudem gibt es kaum empirisch bestätigtes Wissen über eine der zentralen Annahmen fast aller Populismusdefinitionen: er sei im Kern ein Anti-Elitismus. Schließlich formuliert der Aufsatz Forschungsfelder und Leitfragen für zeitgeschichtliche Populismusforschung, die auf diesen und anderen konzeptionellen Problemen basieren.

 


Sascha Steger, Kurt Daluege, die Stennes-Revolten 1930/31 und der Aufstieg der SS

 

In den Jahren 1930 und 1931 erschütterten zwei Revolten des SA-Führers Walter Stennes die im Dauerwahlkampf stehende NS-Bewegung. Die schnelle Niederschlagung beider Parteikrisen reklamierte die ostdeutsche Schutzstaffel unter Kurt Daluege für sich und verbreitete die Erzählung, Hitler habe die aufstrebende SS mit dem Leitspruch „Meine Ehre heißt Treue“ ausgezeichnet, um ihr für den aufopferungsvollen Einsatz gegen die Rebellen zu danken. Sascha Steger stellt dieses bis heute wirkmächtige Narrativ auf den Prüfstand, analysiert den tatsächlichen Verlauf der Stennes-Revolten und kommt zu dem Ergebnis, dass die SS unter Daluege zwar treu zum „Führer“ stand, aber keine entscheidende Rolle bei der Beendigung der Auseinandersetzung spielte.

 


Tanja Penter/Dmytro Tytarenko, Der Holodomor, die NS-Propaganda in der Ukraine und ihr schwieriges Erbe

 

Tanja Penter und Dmytro Tytarenko beleuchten einen bislang kaum beachteten Aspekt deutsch-ukrainischer Verflechtungsgeschichte im Zusammenhang mit der großen Hungersnot der Jahre 1932/33. Sie untersuchen, wie die Hungerkatastrophe in der Ukraine, über die man unter Stalin nicht öffentlich sprechen durfte, in der deutschen Besatzungspresse zwischen 1941 und 1944 erstmals öffentlich thematisiert und propagandistisch instrumentalisiert wurde. Ausgehend von einer Analyse der Pressepublikationen fragen sie unter anderem danach, welches Bild der Hungersnot die Besatzer vermittelten und ob das Erbe dieser propagandistischen Instrumentalisierung des Verbrechens Spuren in der ukrainischen Erinnerungskultur hinterlassen hat.

 


Diskussion: Geschlecht und Demokratie. Deutungskämpfe um die Ordnung der Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland

 

Deutungskämpfe um die Ordnung der Geschlechter prägten die Geschichte der bundesrepublikanischen Demokratie. Vorstellungen von einer je nach Standpunkt natürlichen oder gerechten Geschlechterordnung gingen in das Grundgesetz ein, sie formten die politische Praxis demokratischer Institutionen und sie strukturierten alltägliche Aneignungen demokratischer Prinzipien. Gleichzeitig waren diese Vorstellungen von Beginn an umstritten. Die Autorinnen und Autoren untersuchen aus sechs verschiedenen Perspektiven, wie die Produktion von Geschlecht als sozialer Kategorie mit der Hervorbringung und Praxis von Demokratie in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik verschränkt war. Mit Blick auf Geschlechterordnungen treten die inneren Widersprüche des westdeutschen Demokratieprojekts klar hervor.