Aktuelles Heft 1/2022

  • David Jünger: Historische Erfahrung und politisches Handeln. Rabbiner Joachim Prinz, die Lehren aus dem Nationalsozialismus und das Engagement für die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung. (A)
  • Manuel Mork: Arbeiterwiderstand, faschistische Repression und internationale Solidarität. Eine italienische Provinzstadt im europäischen Fokus 1922 bis 1927. (A)
  • Ansbert Baumann: Mehr Integration? Fußball und Arbeitsmigranten in der Bundesrepublik Deutschland 1955 bis 1973. (A)
  • Alina Marktanner: Neue Quellen der Beratungsforschung: Marvin Bowers Perspective on McKinsey. (Mis)
  • Thomas Schlemmer: Innenansichten einer „Staatspartei“. Die CSU zwischen Krise und Reorganisation – Berichte zur Lage der Partei in der bayerischen Provinz vor der Bundestagswahl 1953. (D)
  • VfZ Schwerpunkt - free access bis zum Erscheinen des nächsten Heftes
    • Editorial: Kulturen des Konservativen in der jüngsten Zeitgeschichte – das Beispiel Großbritannien.
    • Martina Steber: „A very English superstar“. John Rutter, die populäre Klassik und der transnationale Konservatismus seit den 1970er Jahren.
  • Frank Bajohr und Rachel O’Sullivan: Holocaust, Kolonialismus und NS-Imperialismus. Forschung im Schatten einer polemischen Debatte. (Dis) - free access bis zum Erscheinen des nächsten Heftes
  • Joachim Scholtyseck: „Ich bin ganz aus Disziplin zusammengesetzt!“. Klaus Hildebrand zum 80. Geburtstag. (Aus der Redaktion)

 

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Abstracts

David Jünger, Historische Erfahrung und politisches Handeln. Rabbiner Joachim Prinz, die Lehren aus dem Nationalsozialismus und das Engagement für die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung

 

David Jünger untersucht in seinem Aufsatz die intellektuelle und politische Ausein­ander­set­zung des deutsch-amerikanischen Rabbiners Joachim Prinz (1902–1988) mit der afroamerika­ni­schen Bürgerrechtsbewegung und dem amerikanischen Rassismus der ersten beiden Nach­kriegs­dekaden. Diese Auseinandersetzung, so die These, ist nur vor dem Hintergrund seiner per­sönlichen Erfahrungen mit Nationalsozialismus und antisemitischer Ausgrenzung zu ver­ste­hen. Die von Prinz in den frühen 1930er Jahren diskutierten Motive von Ghettoisierung, Iso­lation und Nachbarlosigkeit wurden zur Richtschnur seines späteren intellektuellen Denkens und politischen Handelns sowohl im Hinblick auf die rassistische Segregation in Amerika als auch auf die Konstitution der globalen Judenheiten nach dem Holocaust und der Gründung des Staats Israel.

 


Manuel Mork, Arbeiterwiderstand, faschistische Repression und internationale Solidarität. Eine italienische Provinzstadt im europäischen Fokus 1922 bis 1927

 

Die italienische Kleinstadt Molinella rückte nach der Machtübernahme Mussolinis im Oktober 1922 wiederholt in den Fokus der nationalen und europäischen Öffentlichkeit, da sich die dortigen Landarbeiter besonders resolut gegen den Gleichschaltungsdruck des fa­schistischen Regimes zur Wehr setzten. Auf diese Weise erlangte Molinella einen doppelten Symbolcharakter: aus Sicht des Regimes als roter Schandfleck, aus der Perspektive der Sozialisten als Lichtblick. Den Arbeiterfamilien sollte die geballte Aufmerksamkeit letztlich zum Verhängnis werden, führte sie doch dazu, dass die Faschisten Ende 1926 zur Deportation der verbliebenen Sozialisten übergingen. Die Sozialistische Arbeiterinternationale bemühte sich darum, diese Repressionsmaßnahmen bekannt zu machen, die, wie Manuel Mork darlegt, Aufschluss über die Natur des italienischen Faschismus geben.  

 


Ansbert Baumann, Mehr Integration? Fußball und Arbeitsmigranten in der Bundesrepublik Deutschland 1955 bis 1973

 

Entgegen dem Narrativ, Sport – und inbesondere Fußball – wirke integrierend, hatte der Fußball für die erste Generation der „Gastarbeiter“ zunächst eher separierende Effekte: Die Migranten gründeten eigene Vereine, die teilweise sogar in eigenständigen „Ausländerligen“ gegeneinander antraten, und verharrten somit in ihrem vertrauten soziokulturellen Milieu. Verschiedene Integrationsbemühungen des Deutschen Fußball-Bunds scheiterten häufig nicht zuletzt am Engagement der Entsendestaaten, die über den Fußball die Heimatbindung der Ar­beits­migranten stärken wollten. Längerfristig leisteten die fußballerischen Aktivitäten der „Gast­arbeiter“ jedoch, wie Ansbert Baumann aufzeigt, vor allem aufgrund ihrer indirekten Effekte einen wichtigen Beitrag zum Beheimatungsprozess der Migranten.

 


Alina Marktanner, Neue Quellen der Beratungsforschung: Marvin Bowers Perspective on McKinsey

 

Nicht der Firmengründer und Namensgeber James O. McKinsey machte McKinsey & Company zum weltweit umsatzstärksten Beratungsunternehmen. Es war sein Nachfolger Marvin Bower, der eher im Verborgenen wirkte, aber bis in die letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts wegweisend für die Entwicklung der Firma bleiben sollte. Alina Marktanner hat ein seltenes Dokument aus Bowers Feder ausgewertet und zeigt: Die streng gehütete „Firmenbibel“ von 1979 ist zu lesen als Intervention zu einer Zeit, in der die US-amerikanische Beratungsbranche vorübergehend Schwäche zeigte. Nicht nur potentielle Klientinnen und Klienten wollten von der Unternehmensberatung als Dienstleistung überzeugt werden. McKinsey & Company musste auch die eigenen Beraterinnen und Berater an sich binden.

 


Thomas Schlemmer, Innenansichten einer „Staatspartei“. Die CSU zwischen Krise und Reorganisation – Berichte zur Lage der Partei in der bayerischen Provinz vor der Bundestagswahl 1953

 

Obwohl die Christlich-Soziale Union in Bayern (CSU) seit den 1970er Jahren immer wieder das Interesse der historischen und der sozialwissenschaftlichen Forschung gefunden hat, gibt es eine bemerkenswerte Leerstelle in der Geschichte der Partei, deren absolute Mehrheiten lange Zeit gleichsam vorprogrammiert schienen: Über die erste Hälfte der 1950er Jahre weiß man vergleichsweise wenig, als die CSU nach einem vielversprechenden Auf­­bruch 1945/46 in eine tiefe Krise geriet, von der sie sich erst seit 1955 zu erholen begann. Thomas Schlemmer leistet mit seiner Dokumentation einen Beitrag dazu, diese Lücke zu schließen. Die Quellen, die er präsentiert, zeigen, wie aus­­­ge­zehrt und von den Schat­­ten der Ver­­gangenheit bedroht die selbsternannte „Staatspartei“ im Vorfeld der zweiten Bun­­des­tags­wahl 1953 gewesen ist. Die Reiseberichte des CSU-Landesgeschäftsführers Alois Engelhard porträtieren die baye­­­rische Provinz in einem Moment, in dem von den krisenhaften Anfängen der von den Kriegs­fol­gen schwer gezeichneten Bun­­­des­re­pu­b­lik noch viel, von den Segnungen des so­ge­nann­ten Wirtschaftswunders dagegen noch kaum et­was zu spüren war.

 


Martina Steber, „A very English superstar“. John Rutter, die populäre Klassik und der transnationale Konservatismus seit den 1970er Jahren

 

Der britische Komponist, Dirigent und Musikunternehmer John Rutter gehört seit den 1980er Jahren zu den wenig beachteten Größen der populären Klassik – im globalen Musikmarkt erfolgreich, in der anglophonen Welt populär, mit seinen Weihnachtslied-Kompositionen regelmäßig an der Spitze der Klassik-Charts platziert. Rutter verkörpert all das, was gerade nicht mit der kommerziellen Popkultur verbunden wird. Er ist das Gegenbild eines Popstars, er reüssiert mit geistlicher Musik, er adressiert Mittelschicht und Bürgertum, er personifiziert Familienwerte, Gemeinschaftssinn und Traditionswahrung. Am Beispiel Rutters zeigt die Autorin, welch hohe Bedeutung konservativen Popkulturen für die Herausbildung und Entwicklung eines transnationalen Konservatismus in Europa und Nordamerika seit den 1970er Jahren zukam. Der Aufsatz legt das Zusammenspiel von Nationalisierung und Transnationalisierung im Konservatismus offen und weist auf die Vielfalt an Formen und Kontexten hin, in denen sich konservative Haltungen in populären Musikkulturen manifestieren konnten. Sie boten Potenziale für Politisierungen, konnten aber auch allein im Kulturellen wirksam bleiben. Rutters Klangwelten weisen weit über englische Kathedralen und College Chapels hinaus.

 


Frank Bajohr/Rachel O’Sullivan, Holocaust, Kolonialismus und NS-Imperialismus. Forschung im Schatten einer polemischen Debatte

Seit 2020 wird in der Bundesrepublik mit wachsender Heftigkeit um die Ausrichtung der deutschen Erinnerungskultur gestritten: Ist diese zu einseitig und katechistisch auf Holocaust und Judenverfolgung im „Dritten Reich“ konzentriert und ignoriert damit beharrlich einen erweiterten Kontext von Kolonialismus, Imperialismus und Rassismus? Der vorliegende Beitrag versucht zu zeigen, dass die Dichotomien und Polemiken dieser Debatte die wissenschaftliche Forschung nahezu verdecken, die sich seit Jahrzehnten um eine angemessene Kontextualisierung der NS-Verbrechen bemüht. Einfache Kontinuitätskonstruktionen zwischen Kolonialismus und Holocaust hat die Forschung dabei mehrheitlich abgelehnt. Die nationalsozialistische Massengewalt jenseits des Holocaust sowie die NS-Okkupationspolitik in Osteuropa lohnen jedoch, unter kolonialen Prämissen näher analysiert zu werden.