Am 28. Juni 1956 wurde der Posener Arbeiteraufstand niedergeschlagen
Während des XX. Parteitags der KPdSU, auf dem Nikita Chruščev seine berühmte Rede hielt und damit eine Periode einläutete, die nach einem Romantitel von Il’ja Ėrenburg bald als „Tauwetter“ bezeichnet wurde, war der polnische Parteichef Bolesław Bierut verstorben. Das Machtvakuum und die schlechte wirtschaftliche Lage der Volksrepublik Polen führten im Frühsommer 1956 erst zu kleineren Unruhen vor allem unter den Industriearbeitern, bis sich die Unzufriedenheit Ende Juni in Poznań in einem großen Aufstand mit über 100.000 Beteiligten entlud. Ging es ähnlich wie in der DDR 1953 zunächst nur um die schlechte Wirtschaftslage und ausbleibende Löhne, weiteten die Demonstrierenden ihre Forderungen rasch auf die Politik aus – für Freiheit, gegen Diktatur und Kommunismus. Die Lage eskalierte, als die Führung mit einem massiven Einsatz von Polizei und Armee reagierte; nach der brutalen Niederschlagung des Aufstands waren über 70 Todesopfer und über 600 Verletzte zu beklagen. Mit der Wahl von Władysław Gomułka zum neuen Parteichef im Oktober 1956 wurde zwar die Strafverfolgung eingestellt, und vorsichtige Reformen kamen in Gang. Die Erinnerung an den Aufstand wurde jedoch bis Anfang der 1980er Jahre weitgehend unterdrückt – bis die Solidarność-Bewegung die Errichtung eines zentralen Denkmals in Poznań durchsetzte. Wenngleich in der Bundesrepublik wenig bekannt, ist der Posener Aufstand ein wichtiger Teil der Vorgeschichte des Ungarnaufstands im Oktober 1956 und ein zentrales Element der polnischen Erinnerungskultur. In den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte ist letztes Jahr ein einschlägiger Aufsatz dazu erschienen.
Paweł Machcewicz, Das Stereotyp des Judäo-Kommunismus in Polen. Vom antikommunistischen Mythos zum national-kommunistischen Instrument, in: VfZ 73 (2025), S. 487–523.