Eine Bilanz der Eschenburg-Debatte



Seit 2011 schlägt die Debatte um Theodor Eschenburg, einem der der Gründerväter der Politikwissenschaft in der Bundesrepublik und – zusammen mit Hans Rothfels – Gründungsherausgeber der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, hohe Wellen. Nachdem der Politologe und Zeithistoriker Rainer Eisfeld bekannt gemacht hatte, dass Eschenburg in der NS-Zeit als Verbandsjustitiar an Arisierungsverfahren beteiligt gewesen war, geriet vor allem der im Jahr 2000 gestiftete, nach Eschenburg benannte Lebenswerk-Preis der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) in die Diskussion. 2013 wurde die Abschaffung des Preises beschlossen, mit der Begründung, er könne keine integrative Wirkung mehr entfalten. Vorausgegangen war ein Offener Brief von mehr als 100 prominenten Politikwissenschaftlern und Historikern, die den Vorstand der DVPW aufforderten, an dem Preis und seinem Namen festzuhalten.
Parallel zu diesen Vorgängen erfuhr die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Eschenburgs Biographie einen starken Schub, der sich nicht zuletzt in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte niederschlug. Nachdem zunächst der frühere stellvertretende IfZ-Direktor und Eschenburg-Biograph Udo Wengst sowie VfZ-Chefredakteur Hans Woller zusammen mit seinem Stellvertreter Jürgen Zarusky gegensätzliche Interpretationen von Eschenburgs politischem Weg in der Weimarer Republik und vor allem seines Verhaltens unter dem NS-Regime vorgelegt hatten (VfZ 3 und 4/2013), präsentierte Rainer Eisfeld in einer Dokumentation weitere Belege für Eschenburgs Mitwirkung an Arisierungsmaßnahmen (VfZ 4/2014). Es folgte ein Beitrag von Anne Rohstock, die noch einmal die Frage von Eschenburgs politischer Haltung in der Weimarer Republik aufgriff und zugleich zeigte, dass er im Zweiten Weltkrieg in seiner Funktion als Berater der Reichsstelle für den Außenhandel „maßgeblich und in mehreren Fällen an der Ausschaltung von jüdischen Betrieben aus dem Handel mit dem Deutschen Reich“ mitgewirkt hatte (VfZ 1/2015). Auch im online-Forum der Vierteljahrshefte (http://www.ifz-muenchen.de/vierteljahrshefte/forum/) fand die Debatte mit Beiträgen von Hannah Bethke, Rainer Eisfeld und Eschenburgs Tochter Susanne Eschenburg ihren Widerhall.
Unter dem Titel „Mitgemacht. Theodor Eschenburgs Beteiligung an ‚Arisierungen‘ im Nationalsozialismus“ hat Rainer Eisfeld nun einen Band vorgelegt, der die Debatte umfassend dokumentiert und unter anderem alle bis Anfang 2015 erschienenen Beiträge aus den VfZ und ihrem Online-Forum enthält. Neben einer ausführlichen Einleitung, die die Eschenburg-Debatte in breitere Kontexte einordnet, enthält das Buch Faksimiles einschlägiger Dokumente, darunter auch der von Anne Rohstock entdeckten Schreiben Eschenburgs aus dem Jahr 1941, mit denen er eine Belieferungssperre für die in Kopenhagen ansässige Firma eines aus Deutschland emigrierten jüdischen Knopffabrikanten betrieb. Das „überschreite“, so Eisfeld, „die Grenzen bloßen ‚Mitläufertums‘.“ Eisfeld ordnet Eschenburg daher als „Mittäter“ ein.
Bemerkenswert ist, dass der Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann, der Eschenburg als Namensgeber für den Lebenswerkpreis der DVPW vorgeschlagen hatte und auch zu den Unterzeichnern des erwähnten Offenen Briefs zählt, in einer Stellungnahme auf dem jüngsten DVPW-Kongress von seiner früheren Position abgerückt ist und auf anderen Wegen zu einem ähnlichen Schluss kommt wie Eisfeld. Alemann stützt sich dabei nicht zuletzt auf eine Information, die er Udo Wengsts 2015 erschienener Eschenburg-Biographie entnommen hat, nämlich dass der Protagonist sich keineswegs mehr schlecht als recht in der „inneren Emigration“ durchgeschlagen, sondern „in Berlin ein nobles großbürgerliches Leben mit hohem Einkommen, mit Villa und Hauspersonal geführt hat“. Er, so Alemann, sehe ihn daher „doch eher als einen Mitmacher als Mitläufer“. Man müsse die gesamte Lebensleistung Eschenburgs nicht verurteilen, aber „als ein Wissenschaftler, der als Vorbild dient, taugt er in der Politikwissenschaft unserer deutschen Demokratie dann eben doch nicht“.

(http://www.dvpw.de/fileadmin/docs/2015-09-23%20Stellungnahme%20Ulrich%20von%20Alemann.pdf [2015-11-13])
                                                jz



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