Hermann Graml und die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte

Hermann Graml und die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Eine kleine Verneigung zum 90. Geburtstag

 

Hermann Graml ist 90 Jahre alt, aber kein bisschen veraltet: Seine Bücher werden weiterhin aufgelegt und gelesen, seine streitbaren Diskussionsbeiträge sind so frisch und anregend wie vor zwanzig, dreißig Jahren, als er sie schrieb. Graml macht sich in der Öffentlichkeit rar, er ist aber präsent.


Das gilt auch für die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ), denen er mehr als ein halbes Jahrhundert verbunden ist. Hartnäckige Legenden wollen es ja, dass es die „großen Männer“ sind, die Geschichte machen – in unserem Fall also die Herausgeber einer Zeitschrift, die ihrem Organ den Stempel aufgedrückt haben. Was wird ihnen nicht alles nachgesagt! Sie haben die VfZ aus der Taufe gehoben, ihnen programmatisch die Richtung gewiesen und ihnen gegen beträchtlichen alt-akademischen Widerstand Ansehen und Respekt im In- und Ausland verschafft. Die Themenvielfalt war ihre Erfindung, die Autoren sowieso und die öffentliche Resonanz natürlich auch. Die Kapitäne hatten stets alles im Griff.


Niemand ist befugt, daran zu zweifeln. Die Vierteljahrshefte hatten immenses Glück mit ihren Herausgebern, deren Engagement, Weit- und Umsicht in Zeiten globaler Umbrüche kaum zu übertreffen war, von ihrer Liberalität und Offenheit ganz zu schweigen. Ebenso wahr ist aber, dass es versierter Offiziere und Matrosen bedarf, wenn ein Tanker wie die VfZ Fahrt aufnehmen und in unsicheren Gewässern Kurs halten soll. Hermann Graml war von Beginn der 1960er Jahre bis zur Jahrhundertwende beides und ein drittes dazu – erst Matrose zur besonderen Verwendung, dann hochdekorierter erster Offizier und schließlich als „Special Advisor“ Lotse der Chefredaktion. Hunderte Manuskripte, darunter viele fast hoffnungslose Fälle, verwandelten sich unter seiner Hand in Aufsätze und diese wiederum, klug komponiert, in einzelne Hefte, die nicht selten für Furore sorgten. Nur Insider können ermessen, wie viel „Graml“ in den Jahrgängen der VfZ steckt. Hermann Graml hat hier Maßstäbe gesetzt, die ihre Gültigkeit bis heute bewahren – Maßstäbe der Redigierkunst und der klaglosen Leidensbereitschaft, aber auch Maßstäbe der Durchsetzungsfähigkeit, wenn er den Herausgebern mit virtuoser rhetorischer Geschmeidigkeit Aufsätze schmackhaft machte, die sie – ratlos auf sich allein gestellt – umstandslos in den Papierkorb expediert hätten.


Mochte es mit der Erscheinungspünktlichkeit der Hefte auch mitunter hapern, und mochte auch das eine oder andere Manuskript im Chaos seiner ragenden Papierberge auf der Strecke bleiben, Graml focht das nicht an. Er hatte das große Ganze und schon das nächste Heft und den nächsten Autor im Blick. Der oberste Repräsentant der VfZ kannte alle – die „big shots“ der Zunft ebenso wie die akademischen Habenichtse mit irgendeinem Zukunftspotential, das anfangs nur die Spürnase Graml erkannte. In der Historiografiegeschichte ist niemand bekannt, der etwas zu sagen hatte und nicht für die Vierteljahrshefte geschrieben hätte. Graml gewann alle. Womit bleibt sein Geheimnis. Es darf aber vermutet werden, dass es eine einzigartige, bisher nur bei ihm vorkommende Verbindung zweier Eigenschaften war, die seine beeindruckenden Werbeerfolge begründete: Gramls Dünkelfreiheit, die das berühmte Diktum, vor den VfZ sind alle gleich, nach sich zog, und seine Empathie für Themen und Autoren, die sich – so abwegig ihre Aufsatzprojekte auch sein mochten – von Graml verstanden fühlten und ihm und den VfZ für immer die Treue hielten. Bei Graml fanden alle ein offenes Ohr, Zeitmanagement war und blieb ein Fremdwort für ihn.


Dass er trotz solcher Belastungen die Muße fand, viel beachtete Bücher zu schreiben und mit  Aufsätzen inhaltliche Akzente in den Vierteljahrsheften zu setzen, grenzt an ein Wunder. Graml tat es 13 mal, wobei die an den Großen der Weltliteratur geschulte Eleganz seiner Abhandlungen ebenso besticht wie die Spannbreite der Themen, die er so souverän wie sicher im Urteil traktierte. Brüning und Hitler, Adenauer und Stalin, Rapallo, der deutsche Widerstand gegen den Nationalsozialismus, die Verbrechen der Wehrmacht und die amerikanische Besatzungsherrschaft im geteilten Deutschland – Graml überblickte das gesamte 20. Jahrhundert und mischte vor allem bei großen Streitfragen mit temperamentvollen Interventionen kräftig mit. Legendär ist seine Auseinandersetzung mit Joachim Fests Hitler-Biografie, deren Schwächen und Einseitigkeiten keiner so kompetent und schonungslos sezierte wie Graml. Von indolenter Grandezza, die ihm von Unbefugten nachgesagt wird, war bei dieser und anderen Gelegenheiten nichts zu spüren. Wenn es um die Wahrheitsfindung ging, hörten für ihn das Phlegma, die Gelassenheit und der Spaß schnell auf.


Feinde machte er sich damit nicht, zumindest nicht viele. Er zog den Fehdehandschuh auch nach erbittertem Meinungsstreit rasch wieder aus, Gramls Talent zur Versöhnung war beispiellos. Diese Konzilianz blieb nie Privatsache. Sie wirkte stilbildend und senkte sich genau so in die Gene der Vierteljahrshefte wie Gramls Sorgfalt im Umgang mit Manuskripten, sein Gespür für Themen und sein phänomenales Geschick im Verkehr mit Autoren. Das ist sein Erbe, von dem seine Nachfolger noch immer dankbar zehren.


München, 10. November 2018

Hans Woller

 

 

Hermann Gramls Aufsätze in den VfZ:

 

Deutsch-Tschechoslowakisches Historiker-Kolloquium (VfZ 1964, Heft 4, S. 457-458)

Der Fall Oster (VfZ 1966, Heft 1, S. 26-39)

Rapallo-Politik im Urteil der westdeutschen Forschung (VfZ 1970, Heft 4, S. 366-391)

Das Präsidialsystem in der Endphase der Weimarer Republik - Bedingungen, Funktion, Wirkungen. Präsidialsystem und Außenpolitik (VfZ 1973, Heft 2, S. 134-145)

Probleme einer Hitler-Biographie. Kritische Bemerkungen zu Joachim C. Fest (VfZ 1974, Heft 1, S. 76-92)

Zwischen Jalta und Potsdam. Zur amerikanischen Deutschlandplanung im Frühjahr 1945 (VfZ 1976, Heft 3, S. 308-323)

Nationalstaat oder westdeutscher Teilstaat. Die sowjetischen Noten vom Jahr 1952 und die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik Deutschland (VfZ 1977, Heft 4, S. 821-864)

Die Legende von der verpaßten Gelegenheit. Zur sowjetischen Notenkampagne des Jahres 1952 (VfZ 1981, Heft 3, S. 307-341)

Neuer Leiter des Instituts für Zeitgeschichte (VfZ 1992, Heft 2, S. 319)

Die Wehrmacht im Dritten Reich (VfZ 1997, Heft 3, S. 365-384)

Graml, Hermann und Hans Woller: Fünfzig Jahre Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1953-2003 (VfZ 2003, Heft 1, S. 51-87)

Zum Tod von Helmut Heiber (VfZ 2004, Heft 1, S. 182-184)

Massenmord und Militäropposition. Zur jüngsten Diskussion über den Widerstand im Stab der Heeresgruppe Mitte (VfZ 2006, Heft 1, S. 1-24)

 



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