Vergangenheit, die nicht vergehen darf

Vor 40 Jahren begann der Historikerstreit

Am 6. Juni 1986 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Artikel des Berliner Historikers und Faschismusexperten Ernst Nolte. Ursprünglich für die Frankfurter Römerberggespräche gedacht, formulierte Nolte Fragen und Thesen, die nicht nur wissenschaftlich fragwürdig waren, sondern auch mit Blick auf die Erinnerungskultur als Provokation empfunden wurden: „War nicht der ‚Archipel GULag‘ ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ‚Klassenmord‘ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ‚Rassenmords‘ der Nationalsozialisten? […] Rührte Auschwitz vielleicht in seinen Ursprüngen aus einer Vergangenheit her, die nicht vergehen wollte?“ Einen Monat später wies der Philosoph Jürgen Habermas in der Zeit („Eine Art Schadensabwicklung. Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung“) Noltes Thesen nicht nur vehement zurück, sondern weitete die Kampfzone gleichsam aus. In dieser Auseinandersetzung, die intellektuelle Kreise der Bundesrepublik mehrere Monate lang intensiv beschäftigte, ging es um nicht weniger als um den historischen Ort des Nationalsozialismus in der deutschen Geschichte und die Singularität des Holocaust, die auch heute immer wieder diskutiert wird. In den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte findet sich dazu eine Reihe von Beiträgen – nicht zuletzt der viel beachtete Briefwechsel zwischen dem damaligen Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Martin Broszat, und Saul Friedländer. Andreas Wirsching, einer der Herausgeber der Vierteljahrshefte, hat am 3. Juni im Deutschlandfunk über den Historikerstreit gesprochen.

Martin Broszat/Saul Friedländer, Diskussion um die „Historisierung des Nationalsozialismus“. Ein Briefwechsel, in: VfZ 36 (1988), S. 339–372.

Christina Morina, Zwischen Verdrängung und Vereinnahmung. Der Historikerstreit und die DDR, in: VfZ 68 (2020), S. 249–295.

Frank Bajohr/Rachel OʼSullivan, Holocaust, Kolonialismus und NS-Imperialismus, Forschung im Schatten einer polemischen Debatte, in: VfZ 70 (2022), S. 191–202.



© Institut für Zeitgeschichte
Content