Heft 2/2013

Aufsätze:

  • Paul Maddrell: Im Fadenkreuz der Stasi: Westliche Spionage in der DDR. Die Akten der Hauptabteilung IX. (A)
  • Jürgen Kilian: Wehrmacht, Partisanenkrieg und Rückzugsverbrechen an der nördlichen Ostfront im Herbst und Winter 1943.
  • Christian Schemmert und Daniel Siemens: Die Leipziger Journalistenausbildung in der Ära Ulbricht. (A)
  • Markus Eikel: Keine “Atempause“. Das Krisenmanagement der Bundesregierung und die Flugzeugentführung von Entebbe 1976. (A)

Abstracts

Paul Maddrell: Im Fadenkreuz der Stasi: Westliche Spionage in der DDR. Die Akten der Hauptabteilung IX.

Die Linie IX der Staatssicherheit der DDR hatte die Aufgabe, durch Verhöre verhafteter Spione Strafprozesse vorzubereiten. Durch ihre Hauptabteilung in Ostberlin berichtete sie von Oktober 1955 bis Oktober 1989 monatlich dem Minister für Staatssicherheit und zugleich dem KGB über die Ergebnisse dieser Verhöre. In diesem Aufsatz werden die im Lauf von 34 Jahren entstandenen Berichte analysiert. Der Verfasser kommt zu dem Schluss, dass die darin enthaltenen Informationen zum größten Teil zuverlässig sind und dass die Linie IX sich große Mühe gegeben hat, den Nachweis für die Schuld der verhafteten Personen zu erbringen. Die Wahrnehmung dieser Spionagefälle wurde durch den Marxismus-Leninismus nicht verzerrt, weil Spionage keine politische Handlung ist; sie ist vielmehr nur eine Art von Diebstahl. Darüber hinaus sind für Spionagetätigkeit Kommunikationsmittel und andere Gerätschaften unentbehrlich. Die Linie IX war sich dessen bewusst und unternahm große Anstrengungen, in den Besitz von physischen Beweisen für Spionage zu kommen. Aufgrund ihrer Berichte ist es daher möglich, den Charakter westlicher Spionage in diesem Zeitraum zu analysieren und die Zahl der Spione einzuschätzen. Obwohl alle führenden westlichen Geheimdienste während des Kalten Krieges (und vor allem während dessen Frühphase) wichtige Spione in der DDR angeworben haben, waren die erfolgreichsten doch die der Vereinigten Staaten von Amerika. Spione lieferten politische, wirtschaftliche, naturwissenschaftliche und vor allem militärische Nachrichten. In dem ersten Jahren des Kalten Krieges gab es auch wichtige Quellen in hohen wirtschaftlichen Positionen der DDR. Die Berichte verlieren ab 1965 an Wert, weil der Linie IX ein geringerer Stellenwert bei der Spionageabwehr der Stasi zugemessen wurde.

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Jürgen Kilian: Wehrmacht, Partisanenkrieg und Rückzugsverbrechen an der nördlichen Ostfront im Herbst und Winter 1943.

Über den Vernichtungskrieg der Wehrmacht im Osten ist viel geschrieben worden, doch hat sich die Forschung dabei vor allem auf seine frühe Phase konzentriert. Weniger bekannt sind die Vorgehensweisen der Eroberer nach der Kriegswende von 1943. Welche Rolle spielten fortan die Grundsatzbefehle der obersten Führung? Wie gestalteten sich die Einflussmöglichkeiten der Ortskommandanten, die den Besatzungsapparat auf lokaler Ebene repräsentierten? Diese Fragen werden exemplarisch anhand des rückwärtigen Gebietes der 18. Armee untersucht. Zwar kam es dort zu keiner gezielten Dezimierung der Einwohnerschaft, trotzdem wird offenbar, dass deren Belangen stets nur ein geringer Stellenwert eingeräumt wurde. Die im Zuge der Vorbereitungen für den Rückzug der Heeresgruppe Nord durchgeführten Massendeportationen, Rekrutierungen zur Zwangsarbeit und exzessiven Raubzüge waren schließlich der Auslöser für eine beispiellose Eskalation des Krieges gegen die Partisanen. Die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes erreichte jetzt im Zuge der von Hitler verordneten „"Strategie der verbrannten Erde“" ihren quantitativen Höhepunkt. Die Rote Armee fand daher ein verwüstetes und weitgehend entvölkertes Land vor.

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Christian Schemmert und Daniel Siemens: Die Leipziger Journalistenausbildung in der Ära Ulbricht

Die Fakultät für Journalistik an der Universität Leipzig entwickelte sich unmittelbar nach ihrer Gründung zu dem zentralen akademischen Ausbildungszentrum für Journalisten in der DDR. Dennoch sind viele Aspekte ihrer Geschichte noch kaum erforscht. Die Fakultät wird bislang meist als kasernierte Ausbildungs- und Propagandaanstalt beschrieben, an deren Spitze eine Riege stalinistischer "„Betonköpfe"“ stand, die den "„Kaderzöglingen“" die kommunistischen Klassiker eintrichterten. Der vorliegende Aufsatz, der sich auf die Frühgeschichte der Leipziger Journalistik bis Ende der 1960er Jahre konzentriert, geht einen anderen Weg: Die Autoren plädieren für eine doppelte Kontextualisierung, die sowohl die unterschiedlichen Handlungsspielräume von Funktionären, Dozenten und Studierenden innerhalb der Fakultätsmauern auslotet, als auch deren Wechselwirkung mit relevanten andere Institutionen wie der Staatssicherheit und der Abteilung Agitation und Propaganda beim ZK der SED berücksichtigt. Der Beitrag analysiert damit die Genese des kognitiven Regelsystems, das zur Formierung der im späteren Redaktionsalltag erforderlichen Denkschemata und Verhaltensroutinen beitrug. Entsprechend dem Willen der SED, die gesamte Kommunikation in der Gesellschaft auf eine Linie zu bringen, war die Disziplinierung des Bewusstseins der künftigen Journalisten das primäre Ausbildungsziel.

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Markus Eikel: Keine “Atempause“. Das Krisenmanagement der Bundesregierung und die Flugzeugentführung von Entebbe 1976.

Das Geiseldrama im ugandischen Entebbe im Juni/Juli 1976 ist vor allem durch die israelische Befreiungsaktion, die Operation Thunderbolt, in Erinnerung geblieben. Bemerkenswert ist indes aber auch, dass es sich bei diesem Entführungsfall um ein gemeinsames Kommandounternehmen westdeutscher und palästinensischer Terroristen handelte, mit dem Gefangene in Israel und der Bundesrepublik freigepresst werden sollten. Die Beteiligung von zwei Mitgliedern der „"Revolutionären Zellen"“ und die Forderung nach Freilassung von deutschen Terroristen der „"Roten Armee Fraktion“" und der „"Bewegung 2. Juni“" stellte die Bundesregierung vor eine weitere Herausforderung in ihrer Auseinandersetzung mit dem militanten deutschen Linksterrorismus. Auf Basis einer umfassenden Analyse von bundesdeutschen Regierungsdokumenten beschreibt Markus Eikel Handeln und Handlungsmöglichkeiten der Bundesregierung während des Entebbe-Geiseldramas. Insbesondere im Auswärtigen Amt wurde im Verlauf der Krise erwogen, die Position der Unnachgiebigkeit gegenüber terroristischen Forderungen zugunsten einer einheitlichen Haltung mit den Bündnispartnern Israel und Frankreich aufzugeben. Die israelische Befreiungsaktion bewahrte die Bundesregierung letztendlich davor, eine Entscheidung zwischen diesen Prinzipien treffen zu müssen.

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