Heft 3/2013

Aufsätze:

  • Paul Nolte: Jenseits des Westens? Überlegungen zu einer Zeitgeschichte der Demokratie. (A)
  • Peter Lieb: Erwin Rommel. Widerstandskämpfer oder Nationalsozialist? (A)
  • David Egner: Zur Stellung des Antisemitismus im Denken Carl Schmitts. (A)
  • Stephan Lehnstaedt: Wiedergutmachung im 21. Jahrhundert. Das Arbeitsministerium und die Ghettorenten. (A)
  • Marie-Carmen Garcia, Abdellali Hajjat, Patricia Mercader und Michelle Zancarini-Fournel: Der „Marsch für Gleichheit und gegen Rassismus“ von 1983. Sein Stellenwert im Handlungsrepertoire von Jugendlichen aus den französischen Vorstädten. (A)

Diskussion

  • Udo Wengst: Der „Fall Theodor Eschenburg“. Zum Problem der historischen Urteilsbildung. (Dis)

Abstracts

Paul Nolte: Jenseits des Westens? Überlegungen zu einer Zeitgeschichte der Demokratie.

Die Geschichte der deutschen Demokratie nach der NS-Diktatur ist lange als eine Geschichte der „"Ankunft im Westen“" beschrieben worden, in Institutionen und Kulturen der ehemaligen westlichen Alliierten, vor allem der USA. 1989/90 schien sich diese Perspektive noch einmal zu bestätigen, doch fast ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall genügt sie nicht mehr – aus verschiedenen Gründen. Die politische Kultur der Demokratie hat sich seitdem verändert, und in jüngster Zeit löst ein Krisennarrativ das Erfolgsnarrativ immer mehr ab. Bezugspunkt dieses Wandels ist weniger die Zäsur von 1989, sondern eher diejenige der 1970er Jahre. Außerdem werden Begriff und empirische Einheit des „"Westens"“ nach dem Ende des Kalten Krieges diffuser. Zumal die USA sind nicht mehr Vorbild und Pionier Europas, sondern folgen einem eigenen Pfad demokratischer Dynamik. Und schließlich muss eine Zeitgeschichte der Demokratie als eine Globalgeschichte gedacht werden, in der es eigene, postkoloniale Formen der Demokratie zu analysieren gilt. Der Aufsatz skizziert diese Herausforderung der Forschung in drei Schritten, von Deutschland über die USA zur globalen Situation. Das westliche Modell, so wird argumentiert, hat seine Kohärenz nicht nur nach innen verloren, sondern auch nach außen: Es nimmt, etwa in Formen des Protests, Impulse aus der nichtwestlichen, postkolonialen Demokratie auf; eine globale Verflechtungsgeschichte entsteht.


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Peter Lieb: Erwin Rommel. Widerstandskämpfer oder Nationalsozialist?

Erwin Rommel ist sicherlich der bekannteste deutsche General des Zweiten Weltkriegs. Vor allem in englischsprachigen Ländern wird er bis heute als "„ritterlicher"“ Gegner und militärisches Genie gesehen. In Deutschland ist dieser Ruf in den letzten 20 Jahren teilweise verblasst, ja Rommel gilt heute sogar als einer der umstrittensten Generäle der Wehrmacht. Seine Kritiker werfen ihm vor, am 20. Juli gänzlich unbeteiligt und stattdessen bis zu seinem erzwungenen Selbstmord Hitler treu gewesen zu sein. Zudem tauchten auch einige Stimmen auf, die Rommel als Kriegsverbrecher bezeichneten. Dieser Artikel fasst die langen und teils heftigen Diskussionen in Forschung wie in Öffentlichkeit zusammen und zieht darüber hinaus einige neue Primärquellen heran. Mehrmals in seiner Karriere ignorierte Rommel nachweislich verbrecherische Hitler- oder OKW-Befehle, war aber während seiner Zeit in Norditalien 1943 selbst in eine radikale Kriegführung eingebunden. Er war sicherlich keine zentrale Persönlichkeit des 20. Juli, doch zeigt eine Vielzahl von teils neuen Indizien, dass er der Verschwörung deutlich näher stand, als in letzter Zeit angenommen wurde.


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David Egner: Zur Stellung des Antisemitismus im Denken Carl Schmitts

Der Artikel will Carl Schmitt Verhältnis zum Nationalsozialismus durch die Analyse der systematischen Stellung von Schmitts Antisemitismus in dessen Werk klären. Auf der Grundlage von Schmitts Begriff des Politischen wird zunächst der Frage nachgegangen, ob Schmitt das Judentum als politischen Feind betrachtet. Dies wird verneint. Dagegen lässt sich anhand Schmitts Politischer Theologie zeigen, dass er das Judentum als Feind des jus publicum Europaeum und damit als Feind des Politischen betrachtet. Im Kontext von Schmitts christlich-eschatologischem Geschichts¬verständnis fällt dem Judentum damit die Rolle des Antichristen zu. Gleichzeitig kann das Dritte Reich als der „Aufhalter“ dieses Antichristen, als Katechon gedeutet werden: Anhand von Schmitts völkerrechtlichen Schriften lässt sich zeigen, dass dessen Reichsbegriff mit zugehörigem Großraum genau die Charakteristika erfüllt, die er dem christlichen Katechon zuschreibt. Die Wendung zum Nationalsozialismus liegt daher in der Konsequenz von Schmitts Denken, so dass abschließend die Frage gestellt wird, welche Relevanz dieses Denken heute noch besitzt.


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Stephan Lehnstaedt: Wiedergutmachung im 21. Jahrhundert. Das Arbeitsministerium und die Ghettorenten.

Der Aufsatz untersucht das Handeln des auf Regierungsebene für das „"Gesetz zur Zahlbarmachung von Renten aus Beschäftigungen in einem Ghetto"“ (ZRBG) zuständigen Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zwischen 1997 und 2012. Grundlage dafür sind zahlreiche Quellen, die dank des Informationsfreiheitsgesetzes eingesehen werden konnten, was auch die Nützlichkeit dieser Regelung für die Geschichtswissenschaft zeigt.

Mit dem 2002 beschlossenen ZRBG sollten ehemalige Insassen nationalsozialistischer Ghettos, die dort aus „"eigenem Willensentschluss“" einer „"entlohnten“" Tätigkeit nachgegangen waren, eine Rente aus der deutschen Sozialversicherung erhalten. Trotz der offensichtlich hochproblematischen Verweigerungshaltung der Rentenversicherer und teilweise deutlicher wissenschaftlicher und internationaler Kritik verteidigte das Ministerium das Gesetz als sinnvoll und erfolgreich, denn dies war die offizielle Linie der Bundesregierung. So war es erst 2009 das Bundessozialgericht, das eine klare Abkehr von der bisherigen ZRBG-Praxis durchsetzte. Insgesamt erwies sich das Arbeitsministerium als hinhaltender Verteidiger einer Politik, die auch im 21. Jahrhundert vorwiegend von den Finanznöten des Staates und seiner Regierung bestimmt wurde. So zeigt sich Wiedergutmachung erneut als eine nur von den Umständen diktierte Pflicht, die viele alte Probleme und Fehler wiederholt.

 

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Marie-Carmen Garcia, Abdellali Hajjat, Patricia Mercader und Michelle Zancarini-Fournel: Der „Marsch für Gleichheit und gegen Rassismus“ von 1983. Sein Stellenwert im Handlungsrepertoire von Jugendlichen aus den französischen Vorstädten.

In mittelfristiger Sicht zeigen die französischen urbanen Rebellionen im Oktober-November 2005 Charakteristika früherer solcher Episoden während der Periode seit 1968. Dieser Aufsatz sucht eine soziologische Geschichte des gewalttätigen wie friedlichen Handlungsrepertoires in Arbeitervierteln von Lyon (Frankreich) während der letzten vierzig Jahre darzulegen. Er beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen dem Aufkommen urbaner Rebellionen, der sozialen Konstruktion von Gender und der politischen Verankerung Jugendlicher, besonders während und nach dem „"Marsch für Gleichheit und gegen Rassismus"“ 1983. Dabei stehen die Rezeption des Marsches durch die Gewerkschaften 1983, durch die französische öffentliche Meinung 2003 und durch neue Organisationen wie „"Ni Putes Ni Soumises"“ und "„Parti des Indigènes de la République“" im Zentrum. Wir analysieren die Rolle der Erinnerung an und der Rekonstruktion des Ereignisses, um die politische Nutzung der Vergangenheit und den gegenwärtigen Kampf um das Vermächtnis des Marsches offenzulegen.


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Udo Wengst: Der „Fall Theodor Eschenburg“. Zum Problem der historischen Urteilsbildung.

Theodor Eschenburg, einer der Gründer des Fachs Politikwissenschaft im Nachkriegsdeutschland und langjähriger Mitherausgeber der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, war seit den 1950er Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 1999 ein hoch angesehener Gelehrter. 2011 löste ein Aufsatz von Rainer Eisfeld eine Debatte über Eschenburg aus, die bis heute nicht zum Abschluss gekommen ist. Hierin wurde Eschenburg sein Verhalten im Dritten Reich, insbesondere seine Mitwirkung an einem Arisierungsfall im Jahr 1938, vorgeworfen. Ebenso kritikwürdig erschien aber auch seine Einstellung zur Demokratie vor 1933, und es wurde die Frage nach der „"Diktaturanfälligkeit“" dieses großen Politologen nach 1945 gestellt. In den Fokus der Kritik geriet aber auch der Umgang Eschenburgs mit seiner Vergangenheit im Dritten Reich. Vor allem im Hinblick hierauf diskutiert die Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft bis heute die Frage, ob der von ihr vergebene Eschenburg-Preis umbenannt werden soll. Der hier publizierte Aufsatz versteht sich als ein Beitrag zu der laufenden Debatte, deren Verlauf einleitend nachgezeichnet wird. Daran anschließend setzt er sich mit dem Umgang Eschenburgs mit seiner „"NS-Vergangenheit"“ auseinander und diskutiert schließlich Eschenburgs Einstellung zu Demokratie und Diktatur, wobei seine Beziehung zu und seine Einschätzung von Carl Schmitt einen besonderen Stellenwert einnimmt. Eschenburgs Verhalten im Dritten Reich wird weitgehend ausgeblendet, da es einer eingehenderen Untersuchung bedarf, die im Rahmen eines Aufsatzes nicht geleistet werden kann. Als Ergebnis kann festgehalten werden, dass Eschenburgs Umgang mit der NS-Vergangenheit sich nicht wesentlich von dem Verhalten seiner intellektuellen Zeitgenossen unterschied. Was sein Demokratieverständnis anbelangt, so muss er spätestens ab Mitte der 1920er Jahre als ein Anhänger dieser Regierungsform gelten. Auch nach 1945 war Eschenburg ein dezidierter Befürworter der parlamentarischen Demokratie, trotz missverständlicher Äußerungen und seiner Hochschätzung der "„Verfassungslehre“" von Carl Schmitt.


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