Heft 1/2013

Aufsätze:

    • Tim Szatkowski: Von Sihanouk bis Pol Pot. Diplomatie und Menschenrechte in den Beziehungen der Bundesrepublik zu Kambodscha (1967–1979).(A)
    • Malte Thießen: Vom immunisierten Volkskörper zum „präventiven Selbst“. Impfen als Biopolitik und soziale Praxis vom Kaiserreich zur Bundesrepublik.  (A)
    • Annette Hinz-Wessels: Antisemitismus und Krankenmord. Zum Umgang mit jüdischen Anstaltspatienten im Nationalsozialismus. (A)
    • Peter Hoeres: Von der „Tendenzwende“ zur „geistig-moralischen Wende“. Konstruktion und Kritik konservativer Signaturen in den 1970er und 1980er Jahren. (A)

      Abstracts

      Tim Szatkowski: Von Sihanouk bis Pol Pot. Diplomatie und Menschenrechte in den Beziehungen der Bundesrepublik zu Kambodscha (1967–1979)

      Die Entscheidung der Regierung Kiesinger/Brandt vom Juni 1969, die diplomatischen Beziehungen zu Kambodscha nicht abzubrechen, sondern ruhen zu lassen, obwohl das südostasiatische Land unter seinem Staatschef Norodom Sihanouk kurz zuvor die DDR völkerrechtlich anerkannt hatte, ist weithin bekannt. Unter dem negativ konnotierten Begriff „kambodschieren“ ist dieser Beschluss in die Geschichte eingegangen. Weniger bekannt ist dagegen, wie sich das bilaterale Verhältnis nach dem auf Betreiben Sihanouks wenig später dann doch erfolgten Abbruch der diplomatischen Beziehungen entwickelte. Vor allem wurde bis heute kaum erforscht, wie die sozial-liberale Bundesregierung auf die massenmörderische Herrschaft der Roten Khmer von April 1975 bis Januar 1979 reagierte. Die vorliegende Untersuchung zeigt, dass die Regierung Schmidt/Genscher ihre Menschenrechtspolitik relativierte, als sie es unter realpolitischen Erwägungen für notwendig hielt. Ihre Entscheidung vom September 1979, im Rahmen der Vereinten Nationen die Delegation des ehemaligen Machthabers Pol Pot zu unterstützen, richtete sich gegen die Anfang 1979 in Kambodscha etablierte Herrschaft Vietnams und damit gegen die hinter den Vietnamesen stehende Weltmacht UdSSR. Unter menschenrechtlichen Aspekten wurde dieses Verhalten der Bundesregierung schon damals als höchst fragwürdig angesehen.

       

       

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      Malte Thießen: Vom immunisierten Volkskörper zum „präventiven Selbst“. Impfen als Biopolitik und soziale Praxis vom Kaiserreich zur Bundesrepublik.

      Beim Impfen geht es nie nur um Gesundheit, sondern ebenso um die Ordnung der Gesellschaft. Mit der Einführung und Umsetzung von Impfungen werden gegenwärtige Risiken und zukünftige Bedrohungen verhandelt. Es geht damit um das Verhältnis zwischen der Sicherung des Allgemeinwohls und dem Schutz des Einzelnen, zwischen staatlichen Aufgaben und staatsbürgerlichen Bedürfnissen, zwischen Politikern, Medizinern und Unternehmern. Der Beitrag untersucht die unterschiedlichen Antworten, die in Deutschland zwischen Kaiserreich und der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg auf die „Impf-Frage“ gegeben wurden. Auseinandersetzungen um den „Impfzwang“, um „Seuchenherde“ und „Seuchenträger“ werden als soziale Sonde verstanden, mit der sich zeitgenössische Risiko-Wahrnehmungen, Schutz-Strategien und Spannungsfelder erkunden lassen. Eine Zeitgeschichte des Impfens spürt insofern der Geschichte gesellschaftlichen Wandels im „Zeitalter der Extreme“ nach: vom Interventionsstaat, der eine Immunisierung des „Volkskörpers“ notfalls mit Polizeigewalt durchsetzte, bis in die Postmoderne, in der Appelle an das persönliche Verantwortungsgefühl das „präventive Selbst“ mobilisieren sollten. Inwiefern die Wurzeln dieses präventiven Selbst im „Dritten Reich“ zu suchen sind, wird in dem Beitrag ebenso zu diskutiert wie der Zusammenhang zwischen „totalem Krieg“ und neuen Vorsorge-Strategien.

       

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      Annette Hinz-Wessels: Antisemitismus und Krankenmord. Zum Umgang mit jüdischen Anstaltspatienten im Nationalsozialismus.

      Jüdische Anstaltspatienten waren als Juden und psychisch Kranke gleich in zweifacher Hinsicht den nationalsozialistischen Ausgrenzungs- und Vernichtungsstrategien gegenüber „Minderwertigen“ ausgesetzt. Trotzdem hat ihr Schicksal bis heute nur geringes öffentliches – und auch wissenschaftliches – Interesse gefunden. Der Beitrag untersucht auf der Grundlage von mehr als 230 Krankenakten und zahlreicher weiterer Dokumente die Lebensbedingungen jüdischer Psychiatriepatienten zwischen 1933 und 1945 und die Auswirkungen der NS-Rassenhygiene und antijüdischen Gesetzgebung auf die in geschlossener Fürsorge untergebrachten Menschen jüdischer Herkunft. Ein Schwerpunkt der Analyse liegt auf der Sonderaktion gegen jüdische Anstaltsinsassen im Rahmen der„Aktion T4“. Diese nahm im Sommer 1940 in Berlin ihren Ausgang und stellt den ersten planmäßig organisierten Massenmord an Juden im Deutschen Reich dar. Der Aufsatz erörtert die Motive der Sonderaktion und ordnet die systematische Verfolgung jüdischer Psychiatriepatienten im Zuge der NS-Krankenmorde in die allgemeine Genese des Holocaust ein.

       


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      Peter Hoeres: Von der „Tendenzwende“ zur „geistig-moralischen Wende“. Konstruktion und Kritik konservativer Signaturen in den 1970er und 1980er Jahren

      Die sogenannte „Tendenzwende“ der 1970er Jahre und die „geistig-moralische Wende“ der 1980er Jahre erweisen sich bis heute in Forschung und öffentlicher Erinnerung als gängige Signaturen für die 1970er Jahre und die Kohl-Ära der 1980er Jahre. Beide Begriffe wurden von ihren vermeintlichen Protagonisten freilich nur zögerlich oder in dieser Wortverbindung gar nicht verwandt. Während die „Tendenzwende“ durch viel beachtete Kongresse zum Synonym für – keineswegs homogene –„neokonservative“ Wortergreifungen wurde, entstand die „geistig-moralische Wende“ eher beiläufig als Bezeichnung für eine politische Kurskorrektur und für den Anspruch auf geistige Führung. Wesentlich zur Karriere dieser Schlagwörter beigetragen haben die Gegner der mit den Wende-Begriffen verbundenen Entwicklungen. Die linksliberalen und linken Kritiker aus den Universitäten, Medien und Parteien konstruierten ein konservatives rollback, während konservative Journalisten, Politiker und Intellektuelle bald nach der schwarz-gelben Regierungsbildung das Ausbleiben einer echten Wende beklagten. Wesentlich gespeist wurden die Befürchtungen vor und die Erwartungen an eine Wende durch die angelsächsischen Vorbilder der Thatcher- und Reagan-Revolutionen. Trotz politischer und intellektueller transnationaler Zusammenarbeit konnten und sollten die Entwicklungen in Großbritannien und in den USA in der Bundesrepublik aber nicht kopiert werden. Dafür fehlten gerade der CDU und ihrem Umfeld der politische Wille sowie die personellen und organisatorischen Voraussetzungen.

       


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