Heft 1/2019

Aufsätze:

  • Rüdiger Bergien: Programmieren mit dem Klassenfeind. Die Stasi, Siemens und der Transfer von EDV-Wissen im Kalten Krieg. (A)
  • Peter Tietze: Von der Ostforschung zur Historischen Semantik. Richard Koebner, ein deutsch-jüdischer Pionier der Begriffsgeschichte. (A)
  • Frank Grelka: Beutekunst und Kunstraub. Sowjetische Restitutionspraxis in der SBZ. (A)
  • Mikael Nilsson: Hitler redivivus. „Hitlers Tischgespräche“ und „Monologe im Führerhauptquartier“ – eine kritische Untersuchung . (A)
  • Die Edition der Reden Adolf Hitlers von 1933 bis 1945. Ein neues Projekt des Instituts für Zeitgeschichte. (N)

 

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Abstracts

Rüdiger Bergien, Programmieren mit dem Klassenfeind. Die Stasi, Siemens und der Transfer von EDV-Wissen im Kalten Krieg

 

Siemens-Computer im Dienst der Stasi – das lässt an illegalen Technologietransfer denken, an die ausgefeilten Methoden des Mielke-Apparats, durch Spionage und Schmuggel in den Besitz westlicher Hochtechnologie zu gelangen. Tatsächlich aber lieferte die Westberliner Siemens-Zweigniederlassung im Jahre 1970 drei ihrer modernsten Großrechner offiziell und mit dem Segen der Bundesregierung in die Ostberliner Wuhlheide, den „legendierten“ Standort des Rechenzentrums des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Mehr noch: Techniker, Programmierer und Vertriebsmitarbeiter der Firma Siemens leisteten bis in die 1980er Jahre umfassenden „IT-Support“ für die MfS-Abteilung XIII, lieferten Ersatzteile, neue Software-Versionen und Peripherie-Geräte. Doch während Siemens vergeblich auf Folgeaufträge aus DDR-Ministerien wartete, ermöglichte die westliche Technik der Stasi einen Schnellstart in die Digitalisierung, die ihr bis 1989 einen führenden Platz im Vergleich zu ihren östlichen „Bruderdiensten“ verschaffte.

 


Peter Tietze, Von der Ostforschung zur Historischen Semantik. Richard Koebner, ein deutsch-jüdischer Pionier der Begriffsgeschichte

 

Der deutsch-jüdische Historiker Richard Koebner (1885–1958) zählt zu den bedeutenden Pionieren der Begriffsgeschichte beziehungsweise der Historischen Semantik. Aber er war mehr als das: Er gehörte vor 1933 auch zu den führenden Vertretern der Ostforschung und nach seiner Emigration zu den Mitbegründern der modernen israelischen Geschichtswissenschaft. In seinem Leben und Werk spiegeln sich in seltener Klarheit die Extreme des 20. Jahrhunderts: Kampf gegen radikalen Antiliberalismus und Antisemitismus in der Weimarer Zeit; Immigration, Neuanfang und Wissenstransfer in Palästina; und schließlich der Einsatz für Verständigung im Konflikt zwischen Juden und Arabern. Dem begegnete Koebner mit seiner Begriffsgeschichte, die historiografische Methode, Moderne-Theorie, Ideologiekritik und eine neuartige Chronopolitik zugleich war.

 


Frank Grelka, Beutekunst und Kunstraub. Sowjetische Restitutionspraxis in der SBZ

 

Zu den verheerenden Schäden, die der Krieg NS-Deutschlands gegen die Sowjetunion dem Land beigefügt hatte, gehörte auch der umfangreiche Raub von Kunstgegenständen. Restitutions- bzw. Kompensationsforderungen der UdSSR nach der Zerschlagung des Hitlerregimes waren vor diesem Hintergrund durchaus legitim. Tatsächlich ging die Praxis der Kunstverlagerung in die Sowjetunion indes über das Prinzip der restitution in kind deutlich hinaus. Dass das kein Zufall war, sondern den von Stalin abgesegneten Planungen der entsprechenden Stäbe in Moskau entsprach, kann der Osteuropahistoriker Frank Grelka in seinem Beitrag auf der Basis neuer Quellen aus russischen staatlichen Archiven belegen. Er diskutiert politische Motive, ideologische Legitimationsmuster und thematisiert die Rolle deutscher Experten bei diesem Vorgang. Dessen Deutung als „Verlagerung von Kunst aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) als eine Form der Kompensation für den NS-Kunstraub“ in dem Gesetz der russischen Duma von 1998, welches das entsprechende Kulturgut zum Eigentum des russischen Staates erklärte, stellt er damit in Frage.

 


Mikael Nilsson, Hitler redivivus. „Hitlers Tischgespräche“ und „Monologe im Führerhauptquartier“ – eine kritische Untersuchung

 

Die Pionierstudie der berüchtigten Tischreden Hitlers – „Tischgespräche im Führerhauptquartier“ (1951) und „Monologe im Führerhauptquartier“ (1980) – verwendet viele bisher unbekannte und unberücksichtigte Quellen, die zeigen, dass die Historikerzunft diese Dokumente bisher viel zu unkritisch zitiert hat. Die Texte, deren Originale jetzt verloren sind, wurden stark überarbeitet und können nicht als wörtliche Rede Hitlers betrachtet und zitiert werden. Sie sind nicht verlässlicher als vergleichbare Notizen. Die Notizen wurden nach den jeweiligen Gesprächen fast vollständig aus dem Gedächtnis niedergeschrieben und oft lange nach den ersten Entwürfen abgeschlossen. Während des Herausgabeprozesses wurden Textteile eingefügt. Die Notizen enthalten Aussagen, die Hitler höchstwahrscheinlich nie getroffen hat. Historikerinnen und Historiker, die diese Texte zitieren, zitieren nicht Hitler, sondern die Autoren dieser Notizen.

 




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