Aktuelles Heft 3/2026

  • Thomas Schlemmer, Im Zerrspiegel. Deutsch-italienische Soldatenbilder und die langen Schatten der gemeinsamen Kriegsvergangenheit (Aufsatz)
  • Anna Corsten, Umkämpftes Erbe. Bayern und das Reichsvermögen im Spannungsfeld von föderativer Ordnung, demokratischem Aufbau und NS-Vergangenheit 1945 bis 1961 (Aufsatz)
  • Parlamentarische Repräsentation in der Krise? (Podium Zeitgeschichte) - free access bis zum Erscheinen des nächsten Hefts
  • Pavel Polian und Yuliya von Saal, „In der Hölle auf Erden, nur ohne Pech und Schwefel“. Das Tagebuch des sowjetischen Kriegsgefangenen Sergej Voropaev 1944/45 (Dokumentation) 

     

 

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Abstracts

Thomas Schlemmer, Im Zerrspiegel. Deutsch-italienische Soldatenbilder und die langen Schatten der gemeinsamen Kriegsvergangenheit

 

Am 8. September 1943 wurde der Waffenstillstand zwischen dem Königreich Italien und den Alliierten verkündet. Das Land schied damit aus der faschistischen Kriegsallianz aus, auch wenn die „Achse“ über Benito Mussolinis Repubblica Sociale Italiana bis Mai 1945 fortbestand. Das Deutsche Reich wertete den Waffenstillstand als Verrat, reagierte mit aller Härte, ließ weite Teile Italiens besetzen und führte hunderttausende italienische Soldaten in Gefangenschaft. Die Jahre zwischen 1943 und 1945 bilden so etwas wie den Tiefpunkt der deutsch-italienischen Beziehungen, zumal die deutsche Kriegführung in Italien von zahlreichen Kriegsverbrechen begleitet war. Krieg und Besatzung hinterließen tiefe Spuren, die bis heute nachwirken – und sich vor allem in Krisenzeiten immer wieder Bahn brechen. Dabei spielen negativ aufgeladene Soldatenbilder eine herausgehobene Rolle, und es ist erklärungsbedürftig, warum sie sich mehr als achtzig Jahre nach Kriegsende noch immer reaktivieren lassen. Thomas Schlemmer spürt den Agenten der Persistenz in der Bundesrepublik nach und weist dabei der militärhistorischen Trivialliteratur eine wichtige Rolle zu.

 


Anna Corsten, Umkämpftes Erbe. Bayern und das Reichsvermögen im Spannungsfeld von föderativer Ordnung, demokratischem Aufbau und NS-Vergangenheit 1945 bis 1961

 

Anna Corsten analysiert den Konflikt um ein schwieriges, aber ressourcenreiches Erbe: das Vermögen des Deutschen Reichs, dessen Streitkräfte im Mai 1945 kapituliert hatten. Wem dieses Vermögen gehörte, war heftig umstritten: Waren es die Länder, die das Vakuum fehlender National-Staatlichkeit zwischen 1945 und 1949 gefüllt hatten, oder war es der Bund, der zentralstaatliches Profil gewinnen und seinen Handlungsspielraum ausdehnen wollte? Insbesondere Bayern, das auf seine Eigenstaatlichkeit bedacht war, setzte den Forderungen aus Bonn entschiedenen, wenn auch letztlich nur teilweise erfolgreichen Widerstand entgegen. Die Autorin versteht den Konflikt um das Reichsvermögen als einen Kristallisationspunkt der Staatsbildungs- und Demokratisierungsgeschichte der Bundesrepublik. Sie zeigt, wie materielle Verteilungskonflikte mit Auseinandersetzungen verknüpft waren, die Wirtschafts- und Sozialpolitik, das föderative System und die Deutung der NS-Vergangenheit tangierten. Dabei wird deutlich, dass das Reichsvermögen nicht nur Verwaltungsobjekt, sondern zentrales Medium konkurrierender Legitimations- und Ordnungsvorstellungen war.

 


Podium Zeitgeschichte, Parlamentarische Repräsentation in der Krise?

 

Die repräsentative Demokratie steckt in einer ernsthaften Krise. Das zeigt schon ein Blick auf die Schwierigkeit deutscher Parlamente, systemloyale Regierungen zu bilden, denen eine gleichfalls systemloyale Opposition als Regierungsalternative gegenübersteht. Der Krisenbefund wird durch zahlreiche Diagnosen der wissenschaftlichen und journalistischen Publizistik beglaubigt. Das Podium Zeitgeschichte präsentiert vier Beiträge aus den Politischen Wissenschaften und den Rechtswissenschaften, die als inhaltliche und methodische Anregung für die historische Forschung zum Thema dienen sollen. Michael Koß beschäftigt sich mit den Gründen für den diagnostizierten Niedergang der sogenannten Volksparteien. Auch Philip Manow widmet sich den Veränderungen des Parteiensystems, stellt aber stärker auf ökonomische Aspekte zur Erklärung des Wählerverhaltens ab. Tine Stein setzt sich mit der Frage auseinander, ob und inwieweit ökologische Krisenlagen wie die anthropogene Erderwärmung durch parlamentarische Systeme sinnvoll bearbeitet werden können. Einen Kontrapunkt setzt Christoph Schönberger, der den Krisenbefund für übertrieben hält und die Zukunft in europäischen Mehrebenensystemen sieht.

 


Pavel Polian und Yuliya von Saal, „In der Hölle auf Erden, nur ohne Pech und Schwefel“. Das Tagebuch des sowjetischen Kriegsgefangenen Sergej Voropaev 1944/45

 

Tagebücher von Rotarmisten in deutscher Kriegsgefangenschaft sind ausgesprochen selten, und das ist nicht zuletzt auf die tödlichen Bedingungen von Lagerhaft und Zwangsarbeit zurückzuführen, die mehr als drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene das Leben kosteten. Sergej Voropaevs Tagebuch ist eines dieser seltenen Egodokumente und offensichtlich das einzige aus dem großen Lagerkomplex Lamsdorf in Oberschlesien. Voropaev, der kurz nach seiner Befreiung durch die Rote Armee an den Folgen von Lagerhaft und Arbeitseinsatz starb, hielt 1944/45 fest, was er übertage im Lager und untertage im Bergwerk erlebte, was er dachte, fühlte und bis zuletzt hoffte. Das Tagebuch wurde Monate später in einer der Lagerbaracken aufgefunden, geriet aber rasch in Vergessenheit. Erst nach der Archivrevolution und der Rehabilitierung der sowjetischen Kriegsgefangenen in den 1990er Jahren wurde dieses Selbstzeugnis neu entdeckt. Das Original hat die Zeit in einem Heimatkundemuseum in Qostanai (Kasachstan) überdauert und wird hier zum ersten Mal in deutscher Übersetzung publiziert.

 


 

 



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