Demokratie. Versprechen - Visionen - Vermessungen.

Eine Vorlesungsreihe des IfZ

Um die Demokratie wird seit einigen Jahren erbittert gestritten. Erschien noch vor nicht allzu langer Zeit vielen der Siegeszug der aufklärerischen Trias von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in der Welt unaufhaltsam zu sein, werden heute in den Kernländern der europäischen und amerikanischen Demokratien Zweifel an der Legitimität demokratisch verfasster Staaten laut vernehmlich geäußert. Die Demokratiekritik kommt von rechts wie von links, und sie mobilisiert die Massen. Die Demokratie hat ihre Selbstverständlichkeit eingebüßt.

Historische Argumente werden dabei allenthalben bemüht, ohne dass sie notwendiger Weise einer historischen Prüfung standhalten. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist indes voll von Versprechen, Visionen und Vermessungen der Demokratie, die bis in die Gegenwart wirken und ohne die die aktuellen Debatten kaum zu verstehen sind. Die Geschichte der Demokratie zeigt die so unterschiedlichen Visionen, die sich mit dem Traum von der Demokratie verbanden. Sie legt die Ambivalenzen der demokratischen Versprechen frei. Nicht zuletzt führt sie die Vielschichtigkeit vor Augen, die aus der Vermessung und Einpassung dieser Visionen und Versprechen in die administrative Praxis des Staates, genauso wie in das soziale Gefüge ungleicher Lebenswelten resultierten.

Die Vorlesungsreihe entfaltet ein breites Panorama der Geschichte der Demokratie im 20. Jahrhundert. Die zwölf Vorträge werfen neue Perspektiven auf die Demokratiegeschichte, betrachten die Entwicklung der Demokratie in der longue durée der Zeitgeschichte und diskutieren historiographische Ansätze und Kategorien. Sie entfalten ganz unterschiedliche zeithistorische Blicke auf die Demokratie und bringen nationalgeschichtliche wie transnationale und globale Zugänge miteinander ins Gespräch.

Die Vorträge finden im Institut für Zeitgeschichte München–Berlin in München statt und werden zugleich über ein Zoom-Webinar gestreamt.

Wintersemester 2022/23

2. Februar 2023: Martin Schulze Wessel (München)

Religion in Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert  Vehikel oder Hemmnis der Demokratie?

Religion, Staat und Demokratie standen in Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert in vielfältigen Beziehungen zueinander. In der Zwischenkriegszeit wurden säkulare demokratische Ordnungen teilweise gegen die Ansprüche von Religionsgemeinschaften durchgesetzt. Zugleich waren Konfessionen ein wichtiger Faktor bei der Strukturbildung der Demokratie in den 1920er Jahren. In Teilen Ostmitteleuropas ist in den 1930er und 1940er Jahren eine Instrumentalisierung der Religion durch faschistische Regime festzustellen. In der Zeit des Kalten Krieges wurde Religion staatlich unterdrückt, aber es gab auch Phasen der Koexistenz von kommunistischen Staaten und christlichen Kirchen sowie jüdischer Religionsgemeinschaften. Die Revolution von 1989 führte zur neuen Beziehung zwischen Demokratie und Religion. Einerseits bezogen die demokratischen Bewegungen Ostmitteleuropas Unterstützung aus dem Bereich der Religion. Andererseits kam es bald nach 1989 stellenweise zu Geltungskonflikten zwischen dem Staat und Kirchen.

Infos & Anmeldung


8. Dezember 2022: Dietmar Süß (Augsburg)

Demokratie von unten? Soziale Bewegungen und demokratische Gesellschaften nach 1945

Sind soziale Bewegungen die Hoffnungsträger gesellschaftlicher Demokratisierung und emanzipatorischer Träume? Oder angstgetriebene Antworten auf die Konflikte moderner, liberaler Gesellschaften? Wie genau sieht sie aus: Die Suche nach der „Demokratisierung der Demokratie“? Der Vortrag fragt nach der Bedeutung des kollektiven Protestes unterschiedlicher sozialer Bewegungen, ihren Vorstellungen von Demokratie und Partizipation, ihrer Kritik an Macht- und Herrschaftsverhältnissen nach 1945. Soziale Bewegungen stehen dabei vielfach im Zentrum der Auseinandersetzung um die Legitimität liberaldemokratische Ordnungen westlichen Typs. Es geht mithin um Fragen von Staatlichkeit und Repräsentation, um Mechanismen der Inklusion und Exklusion, um Prozesse der Entgrenzung des Politischen und der Dezentralisierung, um Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit im öffentlichen Raum.


17. November 2022: Christoph Schönberger (Köln)

Die Säle der Demokratie. Eigenheiten der deutschen Demokratiegeschichte im Spiegel ihrer Plenarsäle

Parlamentarische Plenarsäle sind mehr als bloße Funktionsarchitektur. In ihnen verkörpert sich die jeweilige Verfassungsordnung und wird anschaulich. Die Topographie des Plenarsaals ermöglicht physisch das parlamentarische Geschehen und prägt zugleich die Vorstellungen, welche sich Teilnehmer und Zuschauer davon machen. Der Vortrag widmet sich den Eigenheiten und Merkwürdigkeiten der deutschen parlamentarischen Tradition in der besonderen Form, welche diese in den nationalen Plenarsälen seit dem Reichstag des Deutschen Kaiserreichs gewonnen hat. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der prägenden Nachwirkung einer Formensprache aus der langen Epoche der Monarchie in den Plenarsälen der parlamentarischen Demokratie bis in die Gegenwart.


27. Oktober 2022: Bernhard Rieger (Leiden)

"Kein Recht auf Faulheit“. Zur Umdeutung von Bürgerrechten in der postindustriellen Gesellschaft

"Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft", polemisierte Gerhard Schröder im April 2001 angesichts hoher Beschäftigungslosigkeit und Haushaltsdefizite. Die sozialpolitische Großzügigkeit der Nachkriegszeit hätte, so Schröders Vorwurf, Bürgern exzessive soziale Rechte zugestanden, die für eine allseits beklagte Wirtschaftsmisere in der Bundesrepublik mitverantwortlich waren. Als Antwort initiierte die rot-grüne Regierung eine auf die postindustrielle Gesellschaft zugeschnittene Arbeitsmarktreform als Teil eines sozialpolitischen Maßnahmenbündels, das dem Einzelnen mehr "Eigenverantwortung" auferlegte und soziale Bürgerrechte neu definierte. Der Zeitpunkt der Reformen in Deutschland, deren Merkmale sowie deren Wirkungen am unteren Rand der Gesellschaft erklären, weshalb die um die Jahrtausendwende eingeleitete sozialpolitische Trendwende in der Bundesrepublik umstrittener als in anderen postindustriellen Gesellschaften ist und wiederholt als Risiko für die Demokratie betrachtet wird.


Sommersemester 2023

  • 27. April 2023: Julia Angster (Mannheim): Die Globalisierung der Nationsidee: Nationalstaat und Demokratie im 20. Jahrhundert
  • 25. Mai 2023: Martin Conway (Oxford): Political Men. Masculinity and Democracy in Europe in the Twentieth Century
  • 22. Juni 2023: Britta Waldschmidt-Nelson (Augsburg): Inclusion or Illusion?  Zum Wahlrecht der Afroamerikaner/innen in den USA
  • 13. Juli 2023: Gabriele Metzler (Berlin): Die westeuropäischen Demokratien in den Krisen der Dekolonisation. Aufstandsbekämpfung und Staatsnotstand nach 1945

Bisherige Vorträge

Sommersemester 2022

5. Mai: Ravi Ahuja (Göttingen)

Dynamiken der Demokratisierung und des Autoritarismus im Indien des 20. Jahrhunderts

Das Klischee „größte Demokratie der Welt“ wird gerne bemüht, wenn es um Indien und seine geostrategische Einbindung geht. Der historische Befund ist widersprüchlicher: Der Subkontinent ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts zugleich Schauplatz vitaler, umfassender und vielfältiger Demokratisierungsbewegungen und Brutstätte scharfer autoritärer Gegentendenzen. Seit dem Regierungsantritt der rechtsautoritären BJP im Jahre 2014 wurden diese Gegentendenzen dominant und gefährden die Grundlagen der Demokratie. Das wirft neue historische Fragen nach den Wechselwirkungen zwischen Demokratisierung und Autoritarismus in der neueren indischen Geschichte auf: nach kolonialen und indigenen Ursprüngen, nach Verbindungen mit der europäischen Rechten und nach postkolonialen Dynamiken von der nehruvianischen Periode zentralisierter Wirtschaftsplanung über das Notstandsregime Indira Gandhis bis hin zur gegenwärtigen Allianz von Wirtschaftsliberalismus und Hindu-Majoritarismus.


2. Juni: Ute Daniel (Braunschweig)

Eine andere Vorgeschichte der Demokratie. Der Streit um Besitzsteuern vor 1914 in Deutschland und Großbritannien

Die Frage, was die Vorgeschichte der heutigen Demokratie ist, scheint auf den ersten Blick überflüssig zu sein. Denn die Schwerpunkte der Demokratiegeschichtsschreibung – Wahlrecht und -praktiken, Parlamentarisierung und politisch-soziale Bewegungen, die erweiterte politische Partizipation einfordern – sind zweifellos Teile einer Vorgeschichte der Demokratie. Aber eben nur Teile, wie im Vortrag argumentiert werden soll. Was fehlt, ist ein zentraler Aspekt der Demokratisierungsgeschichte: nämlich die Geschichte der parlamentarischen Befugnis, die Lebensverhältnisse der Menschen anzugleichen, indem in die tradierten Besitzverhältnisse eingegriffen wird.

Der Vortrag wird für die Zeit um 1900 zu illustrieren versuchen, wie umkämpft diese Frage war – eine Frage, deren Brisanz bis heute andauert.


30. Juni: Kiran Patel (München)

Laboratorium Europa. Der Ort der EU in der Demokratiegeschichte

„Demokratiedefizit“, „democratic backsliding“ und „demoicracy” bilden lediglich drei besonders wichtige Stichworte, mit denen Probleme und Perspektiven des europäischen Einigungsprozesses in den letzten Jahren beschrieben worden sind. Tatsächlich stellt die heutige EU in Bezug auf Anspruch und Erwartungen einen in seiner Intensität beispiellosen Versuch dar, eine demokratische politische Ordnung auf überstaatlicher Ebene zu errichten.

Der Vortrag geht der Frage nach, warum die demokratische Legitimation in der Anfangsphase des Einigungsprojektes kaum hinterfragt wurde, wie sich dies vor allem seit den 1970er Jahren veränderte, wie die jahrzehntelange Debatte über das „Demokratiedefizit“ zu bewerten ist, und vor welchen Herausforderungen die Europäische Union heute steht.


21. Juli: Paul Nolte (Berlin)

Populisten, Clowns und Volkes Stimme: Die raue Demokratie des frühen 21. Jahrhunderts – eine historische Standortbestimmung

Im frühen 21. Jahrhundert, kurz nach ihrem vermeintlichen Triumph von 1989, ist die Demokratie in eine schwere Krise geraten. Wieder einmal muss sie sich gegen autoritäre Versuchungen behaupten. Und doch ist die Lage anders: Die Demokratie selber wandelt sich. Parteien zerfallen; Clowns und Satiriker machen Politik; jeder will gehört werden, gerne mit Grobheiten. Was ist noch neue Volkstümlichkeit, was schon gefährlicher Populismus? Was ist legitime Elitenkritik, was billige Politikerschelte, die der Demokratie das Wasser des Vertrauens abgräbt? In die gute alte Zeit der Demokratie mit ihren klaren Grenzen führt kein Weg zurück. Also müssen wir anfangen, die neue, die raue Demokratie zu verstehen, ihre Ursachen, ihre Chancen und ihre Gefahren.