Das Private im Nationalsozialismus

"Erholung am Flussufer", BA Bild 146II-732, o. A.
"Hilfswerk Mutter und Kind", BA Plak 003-015-061

Das Projekt (Leitung: Johannes Hürter) geht der innovativen Frage nach, wie sich unter den Bedingungen der NS-Herrschaft 1933-1945 das Verhältnis zwischen privaten Lebensentwürfen und öffentlichen Gewaltansprüchen gestaltete. Wann und wie, in welchen Bereichen und in welchem Umfang gelang es dem Nationalsozialismus, seine Leitvorstellungen auch in der Privatsphäre von Individuen, Familien und sozialen Gruppen durchzusetzen – und wo nicht? Diese Hauptfragestellung zielt auf einen Handlungs- und Erfahrungsraum, in dem Ideologie und Herrschaft des NS-Regimes auf private Wünsche und Bedürfnisse, Hoffnungen und Sehnsüchte trafen, mit ihnen konfligierten, sich aber häufig auch mit ihnen vermengten.

 

Die soziale Praxis von Privatheit im Nationalsozialismus war wissenschaftlich bislang noch weitgehend unbeachtet. Hier setzt das Forschungsprojekt an, das am IfZ in Kooperation mit Prof. Dr. Elizabeth Harvey (University of Nottingham) und dem Deutschen Historischen Institut Warschau seit Juli 2013 durchgeführt wird. Das Projekt verfolgt dabei vier erkenntnisleitende, sich im Einzelnen überlappende Perspektiven. Erstens wird die Verheißung des Privaten untersucht. Der Nationalsozialismus versprach den politisch und „rassisch“ konformen Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft privates „Glück“, hielt aber zugleich an seinem Gemeinschafts- und Machtanspruch fest. Zweitens wird nach der Verhandlung des Privaten gefragt. Reichweite und Bedeutung der Kategorien „privat“ und „öffentlich“ waren (asymmetrischen) Aushandlungsprozessen unterworfen. Drittens geht es um die Inszenierung des Privaten, die sich u.a. in Visualisierungen, etwa Fotografien aus dem Privatleben, in performativen Akten im Alltag und auch in öffentlichen Kundgebungen des Regimes zeigte. Viertens steht die Verteidigung des Privaten im Mittelpunkt der Analyse. Die Zugriffe des Regimes stießen ebenso wie die Folgen von Repression, Vernichtung und Krieg auf individuelle Strategien und Bemühungen, selbst unter diesen Bedingungen Privatheit und persönliche Autonomie zu bewahren.


Der Frage, wie das Private unter den Bedingungen der NS-Herrschaft verheißen, verhandelt, inszeniert und verteidigt wurde, wird in fünf exemplarischen Teilprojekten nachgegangen:

 

Die Teilprojekte decken thematisch ein breites Spektrum ab. Sie beschäftigen sich mit zentralen Aspekten von Privatheit im „Altreich“: mit dem Gericht als Bühne, auf der das Verhältnis von „privat“ und „öffentlich“ im Einzelfall geregelt und ausgehandelt wurde; mit dem „Heimaturlaub“ (eigentlich: Fronturlaub) als Schnittstelle und Problemzone zwischen Militär und Zivilgesellschaft, zwischen NS-Machtanspruch und der Konstruktion privater Binnenräume; mit der exemplarischen Biografie eines „BDM-Mädels“ zwischen begeistertem Dienst für das Regime und individueller Entfaltung; mit den Bemühungen eines Ehepaars, das Privatleben ihrer Familie in den Nationalsozialismus einzufügen. Das fünfte Einzelprojekt wendet sich besonders prekären „privaten“ Bereichen in den deutsch besetzten Gebieten Osteuropas zu, nämlich der Privatheit unter den katastrophalen Lebensbedingungen des jüdischen Gettos anhand der Beispiele Warschau, Litzmannstadt, Tomaschow und Petrikau. Die fünf Teilprojekte sind thematisch und durch die gemeinsamen Fragestellungen kohärent aufeinander bezogen.Bei einem vom Projekt organisierten Workshop im Februar 2015 in Łódź/Polen wurden Design und erste Ergebnisse mit einschlägigen NS-Experten diskutiert. Im Juni 2015 stellten die Bearbeiter/innen ihre Projekte im Rahmen des Panels „New Perspectives on Privacy and the Private under National Socialism“ auf der Jahreskonferenz der German History Society in London vor. Im Juni 2016 veranstaltete das Projekt die internationale Konferenz „The Private in Nazi Germany“ in Nottingham. Ein englischsprachiger Tagungsband wird die soziale Praxis des Privaten multiperspektivisch beleuchten (in Vorbereitung).



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