Aktuelles Heft 2/2022

  • Ariane Leendertz: Die Macht des Wettbewerbs. Die Max-Planck-Gesellschaft und die Ökonomisierung der Wissenschaft seit den 1990er Jahren. (A)
  • José Manuel Sáenz Rotko: Pius XI. in der spanischen Arena. Der Vatikan, das nationalsozialistische Deutschland und das Ringen um die gesellschaftspolitische Ausrichtung des Franco-Regimes 1936 bis 1938. (A)
  • Martin Tschiggerl und Thomas Walach: Die erfundene „Trümmerfrau“. Der Umgang mit der NS-Zeit in Österreich. (A) - Open Access
  • Gaëlle Fisher: Geschichtsschreibung und Rechtsprechung. Martin Broszat und die Entschädigung jüdischer Überlebender des Holocaust aus Rumänien 1955 bis 1965. (A) - Free access bis zum Erscheinen des nächsten Heftes
  • Bernhard Rieger: „Florida-Rolf“ lässt grüßen. Soziale Dämonen, Auslandssozialhilfe und die Debatte um den Wohlfahrtsstaat in der Ära Schröder. (A) - Ins Heft gezoomt
  • VfZ Schwerpunkt: Nikolai Wehrs: „Abolish Economists!“ Die Britcom „Yes Minister“ und der Wandel des britischen Konservatismus in der Ära Thatcher. - Beilagen
  • Das deutsche Verkehrswesen: Kontinuitäten und Transformationen zwischen NS-Staat, Bundesrepublik und DDR. Ein Forschungsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte.

 

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Abstracts

Ariane Leendertz, Die Macht des Wettbewerbs. Die Max-Planck-Gesellschaft und die Ökonomisierung der Wissenschaft seit den 1990er Jahren

 

Ab Mitte der 1990er Jahre verschrieb sich die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) ähnlich wie ein glo­bal agierendes Unternehmen der ständigen Optimierung ihrer internationalen Wettbe­werbs­­fä­hig­keit. Ebenso wie die Wirtschaft mussten sich auch die Wissenschaftsorganisatio­nen lau­fend optimieren und strategisch positionieren, um im nunmehr globalen Wettbewerb nicht zu­rück­zufallen. Andernfalls, so argumentierten die Präsidenten der MPG, war der ge­sellschaftliche Wohlstand in Deutschland in Gefahr. Ariane Leendertz zeigt, wie sich um die Jahrtausendwende eine Ökonomisierung der politischen Sprache der MPG und der gesell­schaftlichen Legitimation der Forschungsförderung vollzog. Sie diskutiert auch, welche insti­tutionellen und inhaltlichen Konsequenzen sich mit dieser Ökonomisierung verbinden lassen.

 


José Manuel Sáenz Rotko, Pius XI. in der spanischen Arena. Der Vatikan, das nationalsozialistische Deutschland und das Ringen um die gesellschaftspolitische Ausrichtung des Franco-Regimes 1936 bis 1938

 

Der Autor beleuchtet die Haltung des Heiligen Stuhls im Spanischen Bür­ger­krieg. Er analy­siert, warum Papst Pius XI. Partei zugunsten der Auf­stän­di­schen unter Ge­ne­ral Franco ergriff, lan­ge bevor der Ausgang des Konflikts absehbar war. Quellen aus den Archiven des Vatikan er­öffnen neue Perspektiven auf Ent­schei­dungen und Stra­te­gi­en des Heiligen Stuhls. Sie lassen darauf schließen, dass der Papst vor allem aus einem Grund auf Franco zuging: Er wollte der Gefahr einer national­sozia­lis­ti­schen In­fil­tra­tion des Franco-Staats in statu nascendi begegnen. Nachdem im Deutschen Reich 1937 der „Kir­chen­kampf“ eskaliert war, vollzog der Heilige Stuhl einen radikalen Strategie­wech­sel in seiner Spa­nienpolitik. Der völkerrechtlichen An­er­ken­nung Francos folgte ein in­ten­si­ves diplo­ma­ti­sches Engagement mit dem Ziel, den deut­schen Einfluss wenn nicht zu brechen, so doch zu mar­ginalisieren. Der Vatikan gewann das ideo­logische Ringen gegen Hitler: Franco grün­dete sein Regime auf das Fundament einer tra­di­tionalistisch-reaktionären Weltanschauung­; die ka­tho­lische Kirche wurde zu einem seiner Eckpfeiler.

 


Martin Tschiggerl/Thomas Walach, Die erfundene „Trümmerfrau“. Der Umgang mit der NS-Zeit in Österreich

 

2018 eröffnete der damalige österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache von der Frei­heit­lichen Partei Österreichs in Wien feierlich ein Denkmal für die österreichischen „Trümmerfrauen“, was eine breit geführte öffentliche Debatte über deren Stellenwert und Be­deu­tung auslöste. Der vorliegende Beitrag wirft auf der Basis bisher kaum bearbeiteter Quel­len­bestände ein Schlaglicht auf die Tatsachen hinter dieser stark emotionalisierten Diskus­sion. Zwei Feststellungen liefern dazu die Grundlage: Laut den vorliegenden Quellen waren Männer in der Trümmerbeseitigung überrepräsentiert. Bei ebendiesen Trüm­mer­ar­bei­ter­in­nen und -arbeitern handelte es sich zum Großteil um ehemalige Angehörige der NS-Bewe­gung, die per Verfassungsgesetz zur Arbeit verpflichtet waren. Im Zentrum des Beitrags steht daher auch die Frage, wie aus dieser gesetzlich verordneten „Notstandsarbeit“ eine spezifisch österreichische Vorstellung von den „Trümmerfrauen“ entstehen konnte.

 


Gaëlle Fisher, Geschichtsschreibung und Rechtsprechung. Martin Broszat und die Entschädigung jüdischer Überlebender des Holocaust aus Rumänien 1955 bis 1965

 

Die Entschädigung hunderttausender Überlebender des Holocaust durch die Bundesrepublik Deutschland war ein präzedenzloser, komplexer und auch umstrittener juristischer Prozess. In den frühen 1950er Jahren entwickelte sich beispielsweise die Frage nach der Verantwortung für die Verfolgung und Ermordung der Juden im rumänischen Machtbereich während des Zweiten Weltkriegs zu einem bedeutenden Streitpunkt zwischen Überlebenden, ihren Ver­tretern und den westdeutschen Entschädigungsämtern. Aus diesem Grund kam Sach­ver­stän­digen eine wichtige Funktion zu; dazu gehörte auch der Mitarbeiterstab des Instituts für Zeit­ge­schichte, allen voran Martin Broszat. Ausgehend von diesem Fall untersucht Gaëlle Fisher die vielfältigen Spannungen zwischen Geschichtsschreibung und Rechtsprechung.

 


Bernhard Rieger, „Florida-Rolf“ lässt grüßen. Soziale Dämonen, Auslandssozialhilfe und die Debatte um den Wohlfahrtsstaat in der Ära Schröder

 

Während der Debatte um die Agenda 2010 erhob die Bild-Zeitung den in Florida ansässigen So­zial­hilfe­empfänger Rolf J. zum Symbol sozialstaatlicher Dysfunktionalität, um dem Ruf nach Reformen Nachdruck zu verleihen. Nach einer historischen Rekonstruktion der Aus­landssozialhilfe als deutscher sozialstaatlicher Sonderpraxis analysiert Bernhard Rieger die von Bild initiierte Kampagne gegen „Florida-Rolf“ und andere „Sozialschmarotzer“. Der Fo­kus auf erwerbslose, häufig in unkonventionellen Familienverhältnissen lebende Männer ver­stär­kte den Eindruck, bestehende Sozialgesetze ließen konventionelle Männlichkeitsnormen ero­dieren, verstärkten eine bedrohliche Krise der Arbeitsgesellschaft und bedürften zur Stär­kung der Arbeitsethik einer grundsätzlichen Reform.

 


Nikolai Wehrs, „Abolish Economists!“ Die Britcom „Yes Minister“ und der Wandel des britischen Konservatismus in der Ära Thatcher

 

Welchen Anteil hatten Formate der Populärkultur an der Renaissance des politischen Konser­va­tismus nach 1968? Die Britcom „Yes Minister“ (1980–1988) gilt gemeinhin als linke Satire auf den Elitismus des britischen Civil Service. Nikolai Wehrs zeigt dagegen auf, wie ziel­ge­richtet die Autoren der TV-Serie das linke Anti-Establishment-Narrativ mit einem neuen Mit­tel­klas­sen­populismus verschmolzen und damit einen politisch-kulturellen Möglichkeitsraum für die konservative Ideologie des Thatcherismus schufen. Zugleich, so die These, lassen sich an „Yes Minister“ zentrale Wandlungsprozesse des britischen Konservatismus unter der Ägide von Margaret Thatcher in den 1980er Jahren untersuchen.