„Das 20. Jahrhundert und der Erste Weltkrieg“

Von: Daniela Gasteiger

Der Erste Weltkrieg wird 2014, ein Jahrhundert nach seinem Ausbruch, große Aufmerksamkeit erfahren. Doch welche Folgen hatte dieses Ereignis über das Ende der Kampfhandlungen 1918 hinaus? Wie ist sein historischer Ort im 20. Jahrhundert in globaler Perspektive zu bestimmen? Auf einer großen Konferenz des Instituts für Zeitgeschichte in Verbindung mit der Max Weber Stiftung und dem Institut Français wurden vom 14.-16. November 2013 in München die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf nationale und internationale Ordnungen diskutiert. In den Blick geriet dabei insbesondere die Frage, ob der Krieg auf allen Ebenen und weltweit als Zäsur und „Urkatastrophe“ (George F. Kennan) des 20. Jahrhunderts beschrieben werden kann. Für die wissenschaftliche Konzeption der Tagung waren Andreas Wirsching, Johannes Hürter und Thomas Raithel vom IfZ sowie Günther Kronenbitter (Augsburg) und Jürgen Osterhammel (Konstanz) verantwortlich.


Nach einer Begrüßung durch Andreas Wirsching, Direktor des IfZ, und Heinz Duchhardt, Präsident der Max Weber Stiftung (Bonn), rückten in vier Panels unterschiedliche Formen von Ordnungen und Ordnungssysteme in den Mittelpunkt. Andreas Wirsching und Johannes Hürter (München) diskutierten gemeinsam mit Harold James (Princeton) „Internationale Ordnungen“ mit Schwerpunkt auf politischer Sicherheit, Abrüstung und ökonomischen Verflechtungen. Eric Weitz (New York), Marie-Janine Calic (München), Valeska Huber (London) und Daqing Yang (Washington) untersuchten „Nationalstaatliche und ethnische Ordnungen“ in Europa, dem Nahen Osten und Asien. „Ideologische Ordnungssysteme“ von der „Pax Americana“ über das Selbstbestimmungsrecht der Völker und den Kommunismus bis hin zu traditionalen und autoritären Herrschaftsformen wurden von Patrick O. Cohrs (New Haven), Jörg Fisch (Zürich), Marc Lazar (Paris) und Arnd Bauerkämper (Berlin) beleuchtet. Den Abschluss bildete das Panel „Ordnung durch Wissenschaft?“ mit den Referenten Thomas Raithel (München), Markus Pöhlmann (Potsdam), Ulrike Jureit (Hamburg), Günther Kronenbitter (Augsburg) und Michael Schwartz (Berlin), die Körperbilder, die Verwissenschaftlichung des Militärs, Raumkonzepte, die Entwicklung der Kulturanthropologie und die Eugenik-Bewegung in Beziehung zum Ersten Weltkrieg setzten. Die vier Panels wurden von Bernd Greiner (Hamburg), Lutz Raphael (Trier), Martin Baumeister (Rom) und Svenja Goltermann (Zürich) moderiert und kommentiert. In einer resümierenden Podiumsdiskussion griffen Jay Winter (New Haven), Alan Kramer (Dublin), Akira Iriye (Cambridge, Mass.) und Stefan Martens (Paris) unter der Leitung von Andreas Gestrich (London) Aspekte der Periodisierung und des Gedenkens an den Ersten Weltkrieg auf.

Referenten und Diskussionsteilnehmer lösten sich von der eindimensionalen Einordnung des Ersten Weltkriegs als Zäsur. Am deutlichsten trat dies am Beispiel der außereuropäischen Regionen hervor: In seinem Abendvortrag analysierte Jürgen Osterhammel den Ersten Weltkrieg als Teil der Aufstiegsgeschichte Asiens. So habe beispielsweise der Rückzug der Europäer von den asiatischen Märkten den heimischen Unternehmern mehr Spielraum gewährt. Der Krieg war auch in Europa, so wurde auf der Konferenz deutlich, nicht so sehr unmittelbarer Auslöser bestimmter Entwicklungen, sondern eher „Katalysator“, „Transformator“ und Ursache einer „diskursiven Verdichtung“. Dies zeigte sich etwa in Hinsicht auf bevölkerungspolitische Ordnungsvorstellungen und autoritäre Herrschaftsformen. Einigkeit bestand aber auch darin, dass man sich nicht völlig vom Zäsurcharakter des Krieges verabschieden könne. So stellte der Krieg zum Beispiel für den Gedanken eines internationalen Abrüstungsregimes einen wichtigen Einschnitt dar. Bemerkenswert war nicht nur die regionale und thematische Bandbreite der Vorträge, sondern auch die weite Öffnung des Betrachtungshorizonts teilweise bis in die Gegenwart hinein, besonders wenn es um internationale Regime von Sicherheit, ökonomischer und politischer Stabilität sowie um Aspekte der Bevölkerungspolitik, Nationalstaatlichkeit und Wissensordnungen ging.

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