Im Laboratorium der Marktwirtschaft

Zur Geschichte der Treuhandanstalt 1989/90 bis 1994

Das Institut für Zeitgeschichte München–Berlin (IfZ) hat in einem großangelegten Forschungsprojekt die Arbeit der Treuhandanstalt, einer ebenso zentralen wie umstrittenen Institution der Wendejahre durchleuchtet. Erstmals konnten Historikerinnen und Historiker dafür etwa 12 Kilometer Treuhandakten aus dem Bundesarchiv systematisch auswerten und zudem viele andere neue Quellen erschließen. Die Ergebnisse dieser intensiven Forschungen werden ab April 2022 in der 10 Bände und einen Sammelband umfassenden Reihe „Studien zur Geschichte der Treuhandanstalt“ im Verlag Ch. Links veröffentlicht.

Eine Behörde im Kreuzfeuer der Kritik

Die Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft nach 1990 hat die Eigentums- und Produktionsverhältnisse auf dem Gebiet der ehemaligen DDR radikal verändert. Die dabei erfolgte Veräußerung von öffentlichem bzw. staatlichem Eigentum ist beispiellos in der Geschichte moderner Industriegesellschaften. Die Treuhandanstalt nahm dabei eine wichtige Rolle ein und stand bei der Bewältigung der sozioökonomischen Folgelasten der Privatisierung in den ostdeutschen Bundesländern schon bald im Kreuzfeuer der Kritik. Sie stand letztlich sinnbildlich für den wirtschaftlichen Niedergang und die gesellschaftlichen Verwerfungen in Ostdeutschland. Dabei war der ökonomische Umbruch von einer „doppelten Transformation“ geprägt, in der sich einigungsbedingte Probleme und globale Veränderungen des Wirtschafts- und Finanzsystems überlagerten und gegenseitig verschärften. Die Einführung der Marktwirtschaft in Ostdeutschland erfolgte auch unter den Bedingungen einer immer stärker weltweit vernetzten Wirtschaft, die ihrerseits den Westen unter Reformdruck setzte.

Zielsetzung des Forschungsprojekts

Zielsetzung des IfZ-Forschungsprojekts war es, erstmals auf breiter Quellengrundlage Struktur und Arbeitsweise der Treuhandanstalt zu untersuchen und ihre Stellung im politischen Kräftefeld der Bundesrepublik sowie ihren Aktionsradius vor Ort näher zu bestimmen. Ermöglicht wurde das Projekt durch eine vorzeitige Entsperrung der Treuhandakten, die vom Bundesarchiv allgemein zugänglich gemacht wurden. Die Historikerinnen und Historiker des IfZ konnten so wissenschaftlich fundiert und empirisch abgesichert der Frage nach dem historischen Ort der Treuhandanstalt im vereinigten Deutschland nachgehen. Darüber hinaus galt es, die Treuhandanstalt als Instrument zur Lösung ökonomischer Probleme in den Blick zu nehmen und die Folgen und Wirkungen der Privatisierungspolitik zu analysieren.

Dazu wurden in vier komplementär aufeinander bezogenen Teilen Einzelstudien vorgenommen, die von regionalen und branchenspezifischen Untersuchungen über gesellschaftspolitische Fragestellungen bis hin zur internationalen Dimension der Privatisierungspolitik reichten.

Ein Prozess ohne historisches Vorbild

Am Ende der umfangreichen Untersuchungen tritt umso deutlicher hervor, wie komplex die Aufgabe war, der sich die Treuhandanstalt auch in historischer Dimension zu stellen hatte. Der radikale Umbau einer Industriegesellschaft von der Plan- zur Marktwirtschaft war ein Prozess ohne historisches Vorbild und die Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft war auch mit der Auflösung der Treuhandanstalt noch lange nicht beendet. In diesem komplexen Prozess erwies sich die Treuhandanstalt als überforderte Behörde, die von Seiten der Politik zahlreiche, ursprünglich nicht vorgesehene Aufgaben zugewiesen bekam. Sie agierte nicht nur abhängig von rechtlichen Vorgaben und ökonomischen Zwängen, sondern auch von anderen Akteuren (u.a. der Bundesregierung, den Landesregierungen, den Arbeitgeberverbänden, den Gewerkschaften sowie der Europäische Gemeinschaft/Europäischen Union).

Immense gesellschaftliche Umwälzungen

Die Forschungsergebnisse belegen darüber hinaus die immensen individuellen und gesellschaftlichen Umwälzungen in Ostdeutschland: Der mit dem Strukturwandel verbundene Prozess der Deindustrialisierung bedeutete für viele Menschen nicht nur den Verlust des sicher geglaubten Arbeitsplatzes, sondern auch der sozialistischen Arbeitswelt. Die DDR hatte für die Beschäftigten und ihren Familien ein umfassendes sozialpolitisches Versorgungsnetz aufgebaut (Kitas, Polikliniken, Ferienheime, Kulturhäuser etc.), das Anfang der 1990er Jahre nahezu komplett wegbrach. Das erhöhte wiederum die Verlusterfahrungen und verstärkte den Anpassungsdruck in den ostdeutschen Bundesländern.

Vergleichbar mit anderen osteuropäischen Transformationen?

Wie die internationale Untersuchungsdimension des Projekts zeigt, stellte die Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft im Vergleich zu den anderen osteuropäischen Staaten einen Sonderfall dar. Einzelne Instrumente (z.B. Währungsabwertung, protektionistische Maßnahmen zum Schutz der heimischen Wirtschaft), die beispielsweise in Polen nach der Schocktherapie eingesetzt wurden, standen für Ostdeutschland nicht zur Verfügung. Die Einrichtung einer Sonderwirtschaftszone war mit erheblichen technischen Problemen verbunden und vor allem politisch nicht mehrheitsfähig.

Einen Überblick über die einzelnen Teilprojekte liefert die unten aufgeführten Kurzbeschreibungen. Die ausführlichen Publikationen erscheinen ab April 2022 in unserer Schriftenreihe „Studien zur Geschichte der Treuhandanstalt“. Weitere Veröffentlichungen aus dem Projekt sind nachzulesen in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte und in der Reihe „Zeitgeschichte im Gespräch“.


Die Geschichte der Treuhandanstalt – Übersicht über die Einzelprojekte

1. Die Treuhandanstalt im politisch-parlamentarischen Raum und die ordnungspolitischen Vorstellungen

a) Vom Hoffnungsträger zum Prügelknaben. Die Treuhandanstalt zwischen wirtschaftlichen Erwartungen und politischen Zwängen 1989-1994
(Bearbeiter: Andreas Malycha)

b) Communists into Capitalists: Die Genese des ostdeutschen Unternehmertums nach der Wiedervereinigung
(Bearbeiter: Max Trecker)

2. Die Privatisierungspolitik in der Region

a) Die Strategien der Treuhandanstalt/Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben zur Privatisierung der chemischen Industrie und Mineralölindustrie 1990–2000
(Bearbeiter: Rainer Karlsch)

b) Die Transformation der ostdeutschen Werftindustrie im Spannungsfeld von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft
(Bearbeiterin: Eva Lütkemeyer)

c) Akteursstrukturen und Privatisierungspraxis in der Transformation: Die Arbeit der Treuhandanstalt im Land Brandenburg 1990–1994
(Bearbeiter: Wolf-Rüdiger Knoll)

3. Gesellschaftliche Folgen und Debatten

a) Arbeitslosigkeit und Arbeitsmarktpolitik beim Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft und die Rolle der Treuhandanstalt 1988–1998
(Bearbeiter und Projektleiter: Dierk Hoffmann)

b) Kooperation – Konflikt – Kompromiss: Gewerkschaften, Treuhandanstalt und politische Kultur der Transformation Ostdeutschlands (1989–1994)
(Bearbeiter: Christian Rau)

4. Internationale Dimensionen der Privatisierungspolitik

a) Die Treuhand und das Engagement ausländischer Investoren nach (und vor) 1989
(Bearbeiter: Keith R. Allen)

b) Von Solidarność zur Schocktherapie: Ökonomisches Denken und Systemtransformation in Polen 1975-1995
(Bearbeiter: Florian Peters)

c) Privatisierung in der Tschechoslowakei/Tschechischen Republik in den 1990er Jahren
(Bearbeiterin: Eva Schäffler)


Fünf Fragen an... Dierk Hoffmann

Im Interviewformat „Fünf Fragen an…“ gibt Projektleiter Dierk Hoffmann Einblicke in die Auswertung der historischen Akten zur Treuhandanstalt.



Bildnachweis:

  • Titelbild: BArch, B 145 Bild-F089027-0026 / Joachim F. Thurn
  • Bild 1: BArch, Bild 183-1990-1219-006 / Klaus Franke
  • Bild 2: BArch, Bild 183-T0829-423 / Hubert Link
  • Bild 3: BArch, Bild 183-1983-0527-014 / Jürgen Sindermann


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