Demokratien und ihr historisches Selbstverständnis

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Demokratie ist ein historisches Phänomen und ein fortwährender Prozess: Sie wird stets neu gedacht, verhandelt und praktiziert. Dies in seiner Vielschichtigkeit und in seinen Ambivalenzen aufzuschlüsseln, ist das Ziel der historischen Demokratieforschung am Institut für Zeitgeschichte. Sie untersucht Entstehungsbedingungen und Veränderungsprozesse der Demokratie in Europa. Sie interessiert sich für institutionelle Strukturen, normative Diskurse und soziale Praxen, die sich mit dem Begriff der Demokratie verbanden, genauso wie für Motive und Perspektiven für Akteurinnen und Akteure, die ihr Handeln auf die Demokratie bezogen. Nicht zuletzt untersucht sie das historische Selbstverständnis, das Demokratien entwickelten, und die Wirkungen, die dieses zeitigte.

Das Forschungsprogramm umfasst vier Schwerpunktbereiche:

1. Der demokratische Staat und seine Institutionen

Ein erster Schwerpunktbereich untersucht, konzentriert auf die deutsche Geschichte, die Brüche, Ambivalenzen und Antinomien der Entwicklung des demokratischen Staates und seiner Institutionen zwischen Weimarer und Bonner Republik. Im Zentrum steht die Frage nach den Wirkungen der Systembrüche 1918/19, 1933 und 1945/49 auf die Prägung von demokratischen Verwaltungspraktiken in Bundes- und Landesministerien. Untersucht werden das Selbstverständnis, Erfahrungswissen und Agieren der leitenden Beamtenschaft, die Inbezugnahme staatlicher Institutionen auf das parlamentarische System, genauso wie Kontinuitäten und Diskontinuitäten zwischen Diktatur und Demokratie im staatlichen Handeln, in der Eigenperzeption staatlicher Institutionen und in der Interaktion zwischen Staat und Bürger.

2. Biografische Aneignungen der Demokratie

Ein zweiter Schwerpunktbereich erforscht Lebensläufe und Karrierewege von Eliten durch die Systemumbrüche der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Projekte fragen nach Vergegenwärtigungen der eigenen Biografie, nach Anpassungs- und Abgrenzungsprozessen, nach Demokratievorstellungen, leitenden Werte- und Normensystemen und historischen Legitimationsnarrativen sowie nach den Spannungen zwischen öffentlicher Rolle und persönlicher Überzeugung. Sie arbeiten systemische Handlungspraktiken und deren Bedeutung für die Selbstverortung in der Demokratie heraus, genauso wie sie personale Netzwerke und deren Einfluss rekonstruieren.

3. Demokratie und Geschlecht

Ein dritter Schwerpunktbereich fragt in internationaler Perspektive nach dem Zusammenhang von Demokratie und Geschlecht im 20. Jahrhundert. Die Demokratie basiert auf dem Versprechen staatsbürgerlicher und zivilgesellschaftlicher Gleichheit. Dies führte zu Auseinandersetzungen, wenn Gleichberechtigung bezogen auf die Kategorie des Geschlechts tatsächlich eingefordert wurde. Regelmäßig brechen sich die Grundsätze einer demokratisch verfassten Gesellschaft an den tradierten Fundamenten der Geschlechterordnung. Dieses Spannungsfeld steht im Zentrum der Forschungen des Schwerpunktbereichs.

4. Kulturen der Demokratie

Ein vierter Schwerpunktbereich nimmt kulturelle Selbstverständigungs- und Normierungs­prozesse in den Blick, mithin die fortwährende Verhandlung des demokratischen Pro­priums über Prozesse der Abgrenzung bzw. Aneignung und des Vergleichs. Zum anderen richtet der Schwerpunktbereich sein Augenmerk auf den dialektischen Zusammenhang von Stabilität und Fragilität in der Demokratie. Im Zentrum der Forschung stehen Emotionen und politische Sprachen sowie politische Bewegungen und Parteien, die als kulturelle, sozial eingebettete Phänomene betrachtet werden, deren Wandel engstens mit dem der Demokratie verknüpft ist.

Die historische Demokratieforschung am Institut für Zeitgeschichte reflektiert die Vielfalt der Demokratie im 20. Jahrhundert. Als Think Tank für die Demokratie leistet das IfZ einen wichtigen Beitrag zur Selbstverständigung demokratischer Gesellschaften im Europa der Gegenwart, in denen die Demokratie ein weiteres Mal infrage gestellt und angegriffen wird.



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