Feministin, Pazifistin, Provokateurin

Hannelore Mabry und das Bayerische Archiv der Frauenbewegung

Am 27. August wäre Hannelore Mabry, eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Neuen deutschen Frauenbewegung der 1970er und 1980er Jahre, 91 Jahre alt geworden. Ihren umfangreichen Nachlass, darunter das Bayerische Archiv der Frauenbewegung, hat sie dem Institut für Zeitgeschichte übertragen. Das Material von Hannelore Mabry ist ein wesentlicher Baustein des Sammlungsschwerpunkts Neue Soziale Bewegungen/Frauenbewegung, den das IfZ kontinuierlich erweitert und damit einen in Süddeutschland einzigartigen Bestand aufgebaut hat. Auf dieser Basis bieten sich vielfältige Möglichkeiten, das Forschungsfeld der Gender Studies in der Zeitgeschichte weiter zu profilieren.

Hannelore Mabry wurde am 27. August 1930 in Chemnitz als Hannelore Katz geboren. Nach dem Abitur besuchte sie die städtische Schauspielschule Bonn und trat in den 1950er Jahren unter dem Namen Lorley Katz auf den Bühnen von Pforzheim, Karlsruhe, Rheydt, Essen und Nürnberg auf. Im Juli 1956 heiratete sie in zweiter Ehe den US-Amerikaner Paul Michael Mabry und lebte bis Juni 1958 in Boston, wo sie u.a. für die deutschsprachige Radiosendung "German Radio Hour" als Sprecherin arbeitete. 1958 kehrte Hannelore Mabry allein mit ihrer Tochter aus erster Ehe nach Deutschland zurück und versuchte erneut, als Schauspielerin Fuß zu fassen.

Nach einem Umzug nach München entschloss sie sich zu einem Neuanfang: Mit dem Wintersemester 1966/1967 nahm sie an der Ludwig-Maximilians-Universität München ein Studium der Soziologie, Volkswirtschaft, Politologie und Psychologie auf. Im Februar 1971 legte sie ihre Diplomarbeit "Die Relevanz weiblicher parlamentarischer Arbeit für die Emanzipation der Frau. Versuch einer politisch-soziologischen Studie über die weiblichen Abgeordneten des Bayerischen Landtages von 1946-1970" vor. Die Arbeit wurde 1972 unter dem Titel "Unkraut ins Parlament" veröffentlicht. Hannelore Mabry spießte damit einen Ausspruch des früheren bayerischen Landtagspräsidenten Michael Horlacher auf ("Als Einzelne wirkt die Frau wie eine Blume im Parlament, aber in der Masse wie Unkraut").

„Frauenforum“ und „Der Feminist“

Seit 1971 engagierte sich die Wahlmünchnerin schließlich für die Frauenbewegung: Im Dezember gründete sie das "Frauenforum München e.V." (FFM), lange Zeit die größte frauenpolitische Organisation der Bundesrepublik. Seit 1972 schrieb sie für die Zeitschrift „Informationen des Frauenforum München e.V“, das erste überregionale feministische Magazin der neuen Frauenbewegung. Sie wurde 1974 in „Frauenforum - Stimme der Feministen“ umbenannt. Mabrys politischer Stil provozierte vereinsinterne sowie öffentliche Kritik. Im Winter 1975 kam es zum Bruch. 1976 gründete sie den "Förderkreis zum Aufbau der Feministischen Partei" (ab 1990 "Förderkreis Der Feminist"), als dessen Organ ab 1976 die Zeitschrift „Der Feminist“ erschien.

Mit einigen öffentlichkeitswirksamen Aktionen erlangte Mabry in den 1980er Jahren bundesweit Bekanntheit: Im Winter 1983 begann sie beispielsweise mit einigen Mitstreiterinnen (und einem Mitstreiter) das "Kettenfasten von Müttern. Helft Müttern im Kampf gegen die Gewalt!" im Münchner Dom. Diese unangemeldete "Besetzung des Münchner Liebfrauendoms und Hausfriedensbruch durch H. Mabry" ließ das Ordinariat polizeilich räumen.

Das Bayerische Archiv der Frauenbewegung

Der Nachlass von Emilie Schurig, einer langjährigen Unterstützerin und Friedensaktivistin, schuf 1988 die Grundlagen für ein neues Projekt Mabrys, das „Bayerische Archiv der Frauenbewegung“. Die Bestände dieses Archivs, das die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Frauenbewegung und die frauenpolitische Bildungsarbeit stärken sollte, umfassten mehrere hundert Bücher, Drucksachen und Zeitschriften/ Zeitungen und reichten von Vereinsunterlagen bis hin zu gesammelten Informationen über frauenspezifischen Veranstaltungen und Projekte. Schon zu ihren Lebzeiten knüpfte Hannelore Mabry Kontakt zum Institut für Zeitgeschichte, um den Fortbestand des Materials für die wissenschaftliche Forschung zu sichern. Zusammen mit persönlichen Unterlagen Hannelore Mabrys, darunter Korrespondenz und eine große Pressesammlung, aber auch Bilder und Objekte, hat das IfZ nach ihrem Tod im Jahr 2013 über 550 Archiveinheiten übernommen. Maßgeblich vorangetrieben wurde die Kooperation auf Seiten des IfZ-Archivs von Ute Elbracht. Nähere Informationen liefert das Findbuch zum Bestand SAMMLUNG MABRY, HANNELORE / BAYERISCHES ARCHIV DER FRAUENBEWEGUNG.  

Zeitschriften stehen online zur Verfügung

Das Archiv des IfZ hat nun die beiden Zeitschriften „Frauenforum“ und „Der Feminist“, zwei für die Entwicklung des deutschen Feminismus zentrale Heftreihen, digitalisiert und stellt sie auf der Homepage des IfZ im Volltext online zur Verfügung. Dem Wunsch der Nachlassgeberin entsprechend ist darüber hinaus geplant, die Forschung zur Frauengeschichte weiter zu stärken und dafür am IfZ ein Stipendienprogramm einzurichten. Vorarbeiten für ein „Hannelore-Mabry-Fellowship“ laufen, eine erste Ausschreibungsrunde soll im Herbst 2021 starten.


Fotos: IfZ-Archiv, ED 900, Bestand SAMMLUNG MABRY, HANNELORE / BAYERISCHES ARCHIV DER FRAUENBEWEGUNG



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