Fünf Fragen an...

…Johannes Hürter und Thomas Raithel

Im Rahmen des IfZ-Forschungsprojekts „Das Private im Nationalsozialismus“ haben Johannes Hürter und Thomas Raithel Tagebücher und Briefe des Ehepaars Marta und Egon Oelwein ediert. Die Dokumente geben einen seltenen Einblick in das Leben und Denken einer Familie, die sich aus voller Überzeugung als Teil der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft verstand. Privater Alltag und politische Weltanschauung waren für die Oelweins untrennbar miteinander verwoben: Ihre Aufzeichnungen zeigen symptomatisch, welche Anziehungskraft die Verheißungen des NS-Staats auf so viele Deutsche hatten.
Die ausführlich kommentierten Dokumente sind nun unter dem Titel „‘Im Übrigen hat die Vorsehung das letzte Wort...‘. Tagebücher und Briefe von Marta und Egon Oelwein 1938-1945“ im Wallstein Verlag erschienen. In unserem Interview „Fünf Fragen an…“ erläutern die beiden IfZ-Historiker, die das Buch zusammen mit Reiner Oelwein, einem der Söhne des Ehepaares, herausgegeben haben, was diese Quellen so spannend macht.

1. Sie haben in einer umfassenden Edition die Dokumente einer nationalsozialistischen Familie herausgegeben und kommentiert. Wer waren Egon und Marta Oelwein?

Zwei Menschen aus der Mitte der nationalsozialistischen Gesellschaft, wie sie wohl die meisten Deutschen auch in der eigenen Verwandtschaft haben könnten. Egon Oelwein war Führer im Reichsarbeitsdienst, dem RAD, und ein überzeugter Nationalsozialist, der sein ganzes berufliches und privates Leben nach der neuen „Weltanschauung“ ausrichten wollte. Marta Oelwein, seit 1937 seine Frau, folgte ihm darin und kümmerte sich um ihre drei Kinder.

2. Was macht die Tagebücher und Briefe der Oelweins für uns heute so interessant und aufschlussreich?

Hier tritt uns der gewöhnliche, alltägliche Nationalsozialismus entgegen. Eine Familie wird lebendig, die sich überzeugt in die „Volksgemeinschaft“ einfügte und an die Verheißungen des NS-Staats glaubte. Die ungemein dichten und beredten Dokumente vermitteln wie im Brennglas, welche Anziehungs- und Integrationskraft der Nationalsozialismus auf so viele Deutsche hatte. Verschiedene Stationen der RAD-Karriere Egon Oelweins und auch der Familiengeschichte liegen zudem in räumlicher Nähe zu Hauptorten nationalsozialistischer Verbrechen, nämlich zur Ostfront und zum Vernichtungslager Auschwitz.

3. Welche Einblicke in das Leben während der NS-Herrschaft gestatten die meist sehr privaten Aufzeichnungen der Familie?

Aus zwei verschiedenen Perspektiven und in je nach Adressaten unterschiedlichen Erzählungen entsteht ein komplexes, plastisches und am Ende dramatisches Bild vom Alltag einer NS-nahen Familie, insbesondere im Krieg. Es wird deutlich, wie eng das Private und das Politische im Nationalsozialismus miteinander verflochten waren und welche selbstzerstörerische Kraft diese Verbindung entfalten konnte. Geschlechterverhältnis, Kindererziehung, Familienfeiern, Alltagsbewältigung, soziale Kontakte – nichts war frei von ideologischen Prämissen, nach denen vor allem Egon Oelwein leben wollte. Und unmittelbar vor der Haustür der seit 1942 im Osten Oberschlesiens wohnenden Oelweins ereignete sich die nationalsozialistische Expansions- und Rassenpolitik, die Hintergrund und Voraussetzung ihrer privaten Wünsche und Projektionen war.

4. Was unterscheidet die Dokumente der Oelweins von anderen Zeugnissen aus der Zeit?

Während Selbstzeugnisse von Haupttätern, Opfern und Widerstandskämpfern zahlreich publiziert sind, ist die große Gruppe der gewöhnlichen „Nazi-Deutschen“ – so die Selbstbezeichnung Egon Oelweins – eine nahezu unbekannte, stumme Größe geblieben, obwohl oder gerade weil sie das Rückgrat der NS-Gesellschaft bildete. Unsere Edition bringt diese Gruppe in einem besonders aussagekräftigen und spannenden Beispiel zum Sprechen. Die Edition kann außerdem mit zwei Raritäten aufwarten: einem von den Eheleuten gemeinsam geführten Familienbuch, in dem die Entwicklung der Kinder festgehalten wird, sowie persönlichen Dokumenten aus dem Reichsarbeitsdienst, der wohl am wenigsten bekannten unter den wichtigen Massenorganisationen des „Dritten Reichs“.

5. Wie sind Sie auf die Dokumente der Familie Oelwein aufmerksam geworden?

Für uns war es ein Glücksfall, als Reiner Oelwein, der jüngere Sohn von Marta und Egon Oelwein, an uns herantrat und bereit war, diesen ganz besonderen Quellenbestand durch das Institut für Zeitgeschichte edieren zu lassen.

Die Herausgeber

Johannes Hürter ist Leiter der Forschungsabteilung München des Instituts für Zeitgeschichte München–Berlin und apl. Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Thomas Raithel ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München–Berlin und apl. Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Reiner Oelwein ist Diplom-Volkswirt und promovierter Kunsthistoriker. Vor seinem Zweitstudium der Geschichte und Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München arbeitete er in leitenden Positionen der Luftfahrtindustrie.

Johannes Hürter, Thomas Raithel und Reiner Oelwein (Hrsg.):
"Im Übrigen hat die Vorsehung das letzte Wort...". Tagebücher und Briefe von Marta und Egon Oelwein 1938-1945.
Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 637 Seiten, 39 Euro.



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