„Einmarsch in Polen“

Kardinal Faulhabers Tagebuch aus dem Jahr 1939 geht online

München/Münster, 3.2.2021. Die Tagebücher des früheren Erzbischofs von München und Freising, Michael Kardinal von Faulhaber, die seit 2015 in einer Online-Edition zugänglich gemacht werden, sind um einen weiteren Jahrgang ergänzt worden: Auf der Seite www.faulhaber-edition.de hat das Forscherteam des Instituts für Zeitgeschichte München−Berlin und des Seminars für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Universität Münster nun den Jahrgang 1939 freigeschaltet.

Die Attacke des nationalsozialistischen Mobs auf das Erzbischöfliche Palais in der Nacht vom 11. auf den 12. November 1938 wirft ihre Schatten auch auf das neue Jahr. Die Schutzmaßnahmen am Gebäude werden auf Anweisung Faulhabers weiter verstärkt. Am 3. und 4. Januar erfolgt der Einbau zentnerschwerer Eisentüren auf dem Balkon. Wenige Tage nach dem Tod von Papst Pius XI. am 10. Februar reist der Kardinal zum Konklave nach Rom und kehrt erst Mitte März nach München zurück. Über das Jahr hinweg plagen den inzwischen siebzigjährigen Faulhaber massive gesundheitliche Probleme, die breiten Niederschlag im Tagebuch finden und zeitweise eine beinahe tägliche ärztliche Betreuung erfordern. Erst am 3. November kann er „nach etwa fünf Monaten“ wieder „eine kirchliche Funktion außerhalb des Hauses“ ausüben, wie es im Tagebuch heißt.

Aufschlussreich aber ist, worüber sich der Erzbischof in seinem Tagebuch 1939 ausschweigt. Hatte er im Herbst 1938 erleichtert die Lösung der sogenannten Sudetenkrise begrüßt und ein „Friedenstelegramm“ der deutschen Kardinäle an Adolf Hitler angeregt, um ihn zu seiner „Friedenstat“ zu beglückwünschen, so wird die sogenannte Zerschlagung der Rest-Tschechei im März, ein Bruch des Münchner Abkommens, im Tagebuch 1939 nicht erwähnt. Noch mehr erstaunt, dass der weltweit aufsehenerregende deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August übergangen wird. Hatte doch Hitler die katholische Kirche immer wieder - und den Erzbischof Faulhaber persönlich am 4. November 1936 auf dem Obersalzberg - zum entschlossenen Kampf gegen den gemeinsamen ideologischen Todfeind, den Bolschewismus, aufgerufen. Vor diesem Hintergrund kann Faulhabers lapidarer Eintrag während seines Aufenthaltes im Ketteler-Haus in Bad Nauheim vom 24. August bis zum 8. September kaum noch überraschen: „In dieser Zeit Einmarsch in Polen“. Ob der Erzbischof dem neuerlichen „Friedensappell“ Hitlers vom 6. Oktober an die Adresse Londons noch Glauben schenkt, erschließt sich aus dem einschlägigen Eintrag nicht eindeutig. Doch notiert er: „[D]ie große Rede des Führers über Polen und den Frieden.“

Dem fehlgeschlagenen Attentat auf Adolf Hitler im Bürgerbräukeller, das acht Todesopfer und zahlreiche Verletzte forderte, widmet Faulhaber am 8. und 9. November dagegen jeweils einen kompletten Tagebucheintrag. Mit Telegramm vom 9. November an Hitler verurteilt der Erzbischof das „verabscheuungswürdige Verbrechen“ und gibt seiner Hoffnung Ausdruck, dass Gott auch in Zukunft „seinen schützenden Arm“ über ihn halten werde.

Das Editionsprojekt

Michael Kardinal Faulhaber hat seit seiner Zeit als Bischof von Speyer Tagebuch geführt und darin seine Begegnungen mit Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten festgehalten. Diese Quelle wird im Projekt „Kritische Online-Edition der Tagebücher von Michael Kardinal von Faulhaber (1911-1952)“ wissenschaftlich aufbereitet und im Internet unter www.faulhaber-edition.de veröffentlicht. Bisher sind die Jahrgänge 1911-1919, 1933-1938 und 1945-1948 vollständig abrufbar. Die Einträge müssen dafür zunächst aus der Kurzschrift Gabelsberger übertragen werden, die heute nur noch wenige Experten entziffern können. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das auf zwölf Jahre angelegte Vorhaben seit dem 1. Januar 2014. Im Projekt arbeiten Historikerinnen und Historiker, Theologen und ein Informatiker interdisziplinär zusammen. Geleitet wird es von dem Historiker Prof. Andreas Wirsching vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und dem Kirchenhistoriker Prof. Hubert Wolf von der Universität Münster. Kooperationspartner ist das Erzbischöfliche Archiv München, in dem die Tagebücher verwahrt werden. Die Edition wird insbesondere neue Beiträge zum Verhältnis von Religion und Politik und zum Umgang der katholischen Kirche mit totalitären Ideologien ermöglichen. Gleiches gilt für innovative Forschungen zur Theologie- und Kulturgeschichte, etwa mit Blick auf personelle Netzwerke, Frömmigkeitsformen, Kriegsdeutungen, Emotionen und Geschlechterrollen im Katholizismus oder die Beziehungen zu anderen Glaubensgemeinschaften.



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