Fünf Fragen an…

...Anna-Raphaela Schmitz

Ein idyllischer Garten in unmittelbarer Nähe des Vernichtungslagers Auschwitz: Was der Regisseur Jonathan Glazer in „Zone of Interest“ zum beklemmenden Plot eines oscargekrönten Films gemacht hat, hat Anna-Raphaela Schmitz in ihrer Dissertation erforscht. „Dienstpraxis und außerdienstlicher Alltag eines KL-Kommandanten: Rudolf Höß in Auschwitz“ ist der Titel ihrer 2022 erschienenen Studie, die sie am Zentrum für Holocaust-Studien des IfZ erarbeitet hat.

In unserem Interviewformat „Fünf Fragen an…“ stellt Anna-Raphaela Schmitz den Film auf den Prüfstand und beschreibt, was die Beschäftigung mit dem Alltagsleben der SS-Täter in Auschwitz an neuen Erkenntnissen für die Holocaust-Forschung bringen kann.

1. Der Film „Zone of Interest“ beschreibt den Familienalltag der Kommandantenfamilie Höß am Rande des Vernichtungslagers Auschwitz. Wie nahe ist der Film dabei an den historischen Fakten?

Obwohl „Zone of Interest“ ein Spielfilm ist, hält er sich bemerkenswert eng an die historischen Gegebenheiten. Natürlich gibt es auch einige fiktiven Szenen und Dialoge, diese beeinflussen die Authentizität des Filmes jedoch nur marginal. Der Regisseur zitiert beispielsweise Aussagen von Auschwitz-Überlebenden, und auch historische Persönlichkeiten und zeitliche Ereignisse sind exakt wiedergegeben. Vergleicht man die überlieferten Fotografien aus dem Anwesen der Kommandantenfamilien – die im IfZ München archiviert sind – ist dieses auch im Film ziemlich maßstabsgetreu wiedergegeben.

2. Sie haben sich in Ihrer Dissertation mit dem Dienstalltag in Auschwitz, aber gezielt auch mit der Freizeitangeboten und Privatleben der SS-Wachmannschaften befasst. Was kann die Holocaust-Forschung gerade aus so einer Perspektive lernen?

Der Holocaust muss meines Erachtens aus den verschiedensten Blickwinkeln beleuchtet werden und darunter fällt auch die Betrachtung der Täter in ihrem mörderischen Lageralltag komplementär zu ihrem Leben nach Dienstschluss. Beide Lebenswelten können nicht getrennt betrachtet werden, sondern bedingten sich vielmehr. Das „Privatleben“ der SS-Männer in direkter Nähe zum Konzentrations- und Vernichtungslager, etwa das Zusammensein mit ihren Familien und die verschiedenen Freizeitaktivitäten im Kameradenkreis ließen den Dienst im Lager einerseits „normal“ erscheinen und hielten gleichzeitig die Arbeitsmotivation aufrecht. Die Betrachtung der Täter als „Privatpersonen“ ermöglicht es, den Holocaust aus einer ungewöhnlichen, aber ergänzenden Perspektive zu betrachten.

3. Wie muss man sich den Feierabend eines SS-Wachmanns in Auschwitz vorstellen? Was waren hier übliche Aktivitäten?

Das Leben der Täter nach Dienstschluss war stark von organisierten und strukturierten bzw. genormten Freizeitaktivtäten seitens der SS-Führung geprägt: Vorführungen von Propagandafilmen, ideologische Vorträge, Kameradschaftsabende, kulturelle Programme in Form der Truppenbetreuung, sportliche Wettkämpfe oder auch das Feiern von Festen im NS-Kalender gehörten u.a. dazu. Hier sollte zum einen der Zusammenhalt im Kameradenkreis aber auch die nationalsozialistische Gesinnung gestärkt werden; beides erwies sich als zielführend für die Arbeitsmotivation. In den Hochphasen des Massenmordes wurden vermehrt Unterhaltungsprogramme zur Ablenkung angeboten. Vor Ort gab es aber auch individuelle Freizeitgestaltung, dies bezog sich vor allem auf das Zusammensein mit Familienangehörigen.

4. In einer zentralen Szene des Films probiert Hedwig Höß den Pelzmantel einer vermutlich in Auschwitz ermordeten Jüdin. Welche Rolle spielten im Lagersystem Gier und Korruption?

Obwohl von der SS-Führung eigentlich streng verboten, hatten Korruption und Raubpraktiken der SS-Männer, ebenso ihrer Angehörigen, einen immensen Stellenwert in Auschwitz. Sie bereicherten sich in großem Ausmaß an den Gütern der Häftlinge: dies reichte von Lebensmitteln über Wertsachen bis hin zu diversen Luxusgütern. Teilweise mussten Lagerinsassen die Raubgüter in die SS-Anwesen anliefern. Auch dieses Verhalten hielt aus Täterperspektive die Motivation für den Dienst aufrecht; ein Großteil der SS-Familien hätte außerhalb von Auschwitz wohl ein weniger luxuriöses Leben geführt. Darüber hinaus trugen die mannigfaltigen Möglichkeiten zur Bereicherung schrittweise zur Radikalisierung von Gewalthandlungen bei. Die Raubpraktiken in Auschwitz nahmen schließlich ein solches Ausmaß an, dass eine Sonderkommission unter Vorsitz eines SS-Richters vor Ort ermittelte.

5. Höß hat in seinem Abschiedsbrief an seine Frau behauptet, selbst nur „ein blindlings jedem Befehl gehorchender Automat“ gewesen zu sein. Ist diese Selbststilisierung haltbar?

Keinesfalls. Rudolf Höß machte schon frühzeitig in der Konzentrationslager-SS Karriere, etablierte sich in einem Netzwerk prominenter SS-Männer und protegierte selbst Kameraden und Untergebene. Als anerkannter Spezialist war er keineswegs ein willenloses Werkzeug, das nur Befehle von oben ausführte. Er schuf sich in Auschwitz-Birkenau große Handlungsspielräume und gestaltete beispielsweise den Auf- und Ausbau sowie den Lageralltag größtenteils mit seinen Untergebenen eigenverantwortlich. Seine Handlungspraktiken sowie sein Täter-Netzwerk ließen Rudolf Höß zu einem Experten des Massenmordes werden. Seine nachträgliche Stilisierung „zum Rädchen im Getriebe“ entsprach nicht seiner einflussreichen Position als Lagerkommandant und später als Amtschef im SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt.

Die Autorin

Anna-Raphaela Schmitz studierte Geschichts- und Politikwissenschaften sowie Holocaust Communication and Tolerance in Trier, Bologna und Berlin. Von 2017 bis 2021 forschte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Holocaust-Studien des Institut für Zeitgeschichte und schloss dort mit ihrer Arbeit über Rudolf Höß ihre Promotion ab. Derzeit ist Anna-Raphaela Schmitz Projektleiterin bei acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften.



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