Aktuelles Heft 3/2022

  • Hans Günter Hockerts: Todesmut und Lebenswille. Die Flugblattaktion der Geschwister Scholl am 18. Februar 1943. (A) - Ins Heft gezoomt, Beilagen, Artikel Welt am Sonntag
  • Stefanie Middendorf: Verwaltungsvereinfachung als Ausnahmepraxis? Exekutive Ermächtigungen und Haushaltspolitik 1914/18 bis 1945. (A)
  • Wilfried Loth: Die unvollendete Annexion Frankreich und die Saar 1943 bis 1947. (A) - Free access, Artikel Der Spiegel
  • Philipp Oswalt: Die Potsdamer Garnisonkirche. Wiederaufbau zwischen militärischer Traditionspflege, protestantischer Erinnerungskultur und Rechtsextremismus. (A) - Beilagen
  • René Smolarski: „Dem deutschen Widerstand“. Die Entstehung der Briefmarken-Gedenkausgabe zum 20. Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944. (Mis) - Artikel FAZ
  • VfZ Schwerpunkt: Tobias Becker: Only Rock’n’Roll? Rock-Musik und die Kulturen des Konservativen. - Free access bis zum Erscheinen des nächsten Heftes, Beilagen

 

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Abstracts

Hans Günter Hockerts, Todesmut und Lebenswille. Die Flugblattaktion der Geschwister Scholl am 18. Februar 1943

 

Die Flugblattaktion, die Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943 in der Münchner Universität durchführten, ist in das kulturelle Gedächtnis eingegangen: Das Bild der in den Lichthof herunterflatternden Blätter gilt als Ikone der deutschen Freiheitsgeschichte. Doch steht auch der Vorwurf im Raum, die Aktion sei so leichtsinnig unternommen worden, dass sie die Entdeckung und Verhaftung des ganzen Widerstandskreises ausgelöst habe. Die genaue Rekonstruktion weist erstmals nach, dass die Geschwister durchaus nicht alle Vorsicht fallen ließen, sondern mit einem Notfallplan Vorsorge trafen. Anhand neuer Quellen wird zudem die Legende widerlegt, die Warnung vor einem unmittelbar bevorstehenden Zugriff der Gestapo habe dazu geführt, dass die Geschwister spontan und überstürzt handelten.

 


Stefanie Middendorf, Verwaltungsvereinfachung als Ausnahmepraxis? Exekutive Ermächtigungen und Haushaltspolitik 1914/18 bis 1945

 

Hinter dem spröden Begriff Verwaltungsvereinfachung steht die Vorstellung, der Staat solle gezielter und entschlossener handeln – eine Forderung, die im 20. Jahrhundert immer wieder laut wurde. In den europäischen Krisenzeiten nach dem Ersten Weltkrieg verfing das „Evangelium der Effizienz“ (Ernst Fraenkel) insbesondere im Bereich der Haushaltspolitik. Die Staatsfinanzen standen im Zentrum zeitgenössischer Debatten um Demokratie und Diktatur, und sie verwiesen auf die Erfordernisse einer internationalen Ordnung der Ökonomie. Stefanie Middendorf analysiert anhand der deutschen Erfahrungen zwischen 1914 und 1945, wie in der staatlichen Budgetplanung ein Aggregatzustand der Ausnahmeherrschaft entstand, der transformative Wirkung entfaltete und alltägliche Praktiken des Regierens zu Triebkräften der Ermächtigung werden ließ.

 


Wilfried Loth, Die unvollendete Annexion. Frankreich und die Saar 1943 bis 1947

 

Der Gründung des Saarlands im Dezember 1947 ging ein langwieriger Suchprozess voraus. Wie sollte man Frankreich die Erträge des Kohlereviers an der Saar sichern, ohne erneut Opfer eines Plebiszits der Saar-Bevölkerung zu werden? Die Wirtschaftsabteilung des Pariser Außenministeriums empfahl dazu im Dezember 1944 die Annexion eines erweiterten Saar-Territoriums verbunden mit der Ausweisung der gesamten Bevölkerung. Die Regierung de Gaulle agierte auf dieser Linie, entschied dann aber im Sommer 1945, nur einen Teil der Bevölkerung auszuweisen. Die übrigen Bewohner sollten durch eine „richtig verstandene Assimilationspolitik“ in die französische Nation integriert werden. Erst im Winter 1946/47 führten die Entwicklung des Meinungsbilds an der Saar und die Notwendigkeit, sich gegenüber den westlichen Siegermächten der Unterstützung des sozialistischen Koalitionspartners zu versichern, zur Beschränkung auf den wirtschaftlichen Anschluss.

 


Philipp Oswalt, Die Potsdamer Garnisonkirche. Wiederaufbau zwischen militärischer Traditionspflege, protestantischer Erinnerungskultur und Rechtsextremismus

 

Das Projekt, die Garnisonkirche in Potsdam wiederaufzubauen, geht auf die Initiative des Bun­deswehroffiziers Max Klaar und der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel zu­rück, die der Stadt Potsdam 1991 einen Nachbau des Glockenspiels der Kirche schenkte und dann erfolgreich für die Wiederaufbauidee warb. Nach anfänglicher Ablehnung wandte sich die evangelische Kirche dem Projekt im Jahr 2000 zu. Innerkirchlichem Protest zum Trotz entschied man sich bald mit Rücksicht auf mögliche Spender für eine äußerlich weitgehend originalgetreue und bruchlose Rekonstruktion. 2017 erfolgte die Grundsteinlegung für den Nachbau des Kirchturms. Das Projekt wird inzwischen überwiegend aus Bundesmitteln finanziert und spaltet bis heute die Potsdamer Stadtgesellschaft.

 


René Smolarski, „Dem deutschen Widerstand“. Die Entstehung der Briefmarken-Gedenkausgabe zum 20. Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944

 

Die Herausgabe von Briefmarken ist ein langwieriger und von vielen Interessen geleiteter Prozess. Trotz ihres Quellenwerts für die Alltags- und Mentalitätsgeschichte und als Barometer des Sagbaren, ist die Beschäftigung mit philatelistischen Quellen nach wie vor primär ein Feld der außeruniversitären Forschung. Die Vielschichtigkeit und politische Relevanz der Briefmarkenemission soll in diesem Beitrag anhand des Entstehungsprozesses der Gedenkausgabe zum 20. Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 aufgezeigt werden. Die Betrachtung dieser Gedenkausgabe erscheint daher besonders relevant, weil dieser Jahrestag Veränderungen im bundesdeutschen Widerstandsgedenken zeigt, wie auch an den Auseinandersetzungen um die Briefmarken-Gedenkausgabe deutlich wird.

 


Tobias Becker, Only Rock’n’Roll? Rock-Musik und die Kulturen des Konservativen

 

Rock’n’Roll erscheint traditionell oft rebellisch, subversiv und progressiv konnotiert. Solche Zuschreibungen ignorieren jedoch nicht nur Subgenres wie den Rechtsrock, sondern auch die Kritik, die dem Mainstream-Rock schon seit seinen Anfängen vorwarf, den gesellschaftlichen Status quo eher abzubilden und zu stützten als in Frage zu stellen. Rock’n’Roll also ein konservatives Genre? Was können Begriffe wie konservativ und progressiv überhaupt bedeuten, wenn es um Popkultur, Musik und speziell um Rock’n’Roll geht? Woran machen sich solche Zuschreibungen fest? Diesen Fragen geht der Aufsatz entlang einer gerafften Geschichte des Rock von den 1950er bis zu den 1980er Jahren in transnationaler Perspektive nach. Sofern der Rock überhaupt rebellisch ist, so zeigt der Beitrag, kann er sich gegen eine als konservativ wahrgenommene Mainstream-Kultur ebenso richten wie gegen eine als progressiv perzipierte.

 



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