Heft 1/2021

  • Lutz Raphael: Deutsche Arbeitswelten zwischen globalen Problemlagen und nationalen Handlungsbezügen.
    Zeitgeschichtliche Perspektiven. (A)
  • Ruth Nattermann: Emanzipatorischer Aufbruch und antisemitische Verfolgung. Jüdinnen in der italienischen Frauenbewegung 1914 bis 1945. (A)
  • Sorin Radu: Der Aufbau des Sozialismus. Kaderschulen und Parteibürokratie in Rumänien ‒ die regionale Parteischule in Timișoara 1948 bis 1973. (A)
  • René Schlott: Ablehnung und Anerkennung. Raul Hilberg und das Institut für Zeitgeschichte. (Dok)
  • Ein Sozialdemokrat im Auswärtigen Amt. Ein Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte zur Bedeutung Hermann Müllers für die Außenpolitik der Weimarer Republik.
  • Idyll und Verbrechen. Die neue Dauerausstellung der Dokumentation Obersalzberg.

 

 

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Abstracts

Lutz Raphael, Deutsche Arbeitswelten zwischen globalen Problemlagen und nationalen Handlungsbezügen. Zeitgeschichtliche Perspektiven

 

Zeithistorische Studien zu Arbeitswelten in Deutschland erleben einen Neustart nach dem Auslaufen der klassischen gesellschaftshistorischen und arbeiterbewegungsgeschichtlichen Forschungen zum Industriezeitalter in Deutschland (1880‒1970). Die neuen Forschungen sind geprägt von der Umbruchsituation der Gegenwart, sie sind geprägt von widerstreitenden Erkenntnisinteressen zwischen Global- und Nationalgeschichte, zwischen einer radikalen Ausweitung des Forschungsgegenstands auf jede Art von Tätigkeit und der Konzentration auf lohnabhängige Beschäftigungsformen. Der Aufsatz plädiert für das Innovationspotenzial einer neuen Arbeitsgeschichte als einer Problemgeschichte der Gegenwart auf den Gebieten der Geschlechtergeschichte, der Geschichte von Klassenlagen und Ungleichheit, nationaler Ordnungsmuster von Arbeit, der Mikropolitik in Betrieben sowie der Wissensordnungen und Berufswelten.

 


Ruth Nattermann, Emanzipatorischer Aufbruch und antisemitische Verfolgung. Jüdinnen in der italienischen Frauenbewegung 1914 bis 1945

 

Auf der Grundlage neu erschlossener Quellen untersucht der Aufsatz die Erfahrungen italienisch-jüdischer Feministinnen zwischen emanzipatorischem Aufbruch und antisemitischer Verfolgung. Den zeitlichen Schwerpunkt bildet die Phase vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis 1945. Verdeutlicht werden die um 1914 zunehmenden Spannungen des Emanzipationsprozesses zwischen Partizipation, Abgrenzung und antijüdischer Anfeindung. Die Marginalisierung, Entrechtung und Verfolgung während der faschistischen Diktatur werden dezidiert aus dem Blickwinkel jüdischer Frauen betrachtet. Trotz des bedeutenden Einflusses dieser jüdischen Frauen auf die Entwicklung der italienischen Frauenbewegung und ihre ausgeprägt transnationale Orientierung blieb ihre Emanzipation als Frauen und Jüdinnen unvollkommen.

 


Sorin Radu, Der Aufbau des Sozialismus. Kaderschulen und Parteibürokratie in Rumänien ‒ die regionale Parteischule in Timișoara 1948 bis 1973

 

Die politische Schulung der kommunistischen Parteieliten und der Parteibürokraten durch Kaderschulen ist ein Forschungsthema, das unser Verständnis der Funktionsweise des Ostblockkommunismus und der dortigen dynamischen Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft vertiefen kann. Ein derartiger Zugang erlaubt es Forscherinnen und Forschern, das Universum des Parteiapparats zu verstehen, ein komplexeres Profil dieser Welt zu zeichnen und die internen Mechanismen der Einparteienherrschaft zu verstehen. Aus diesen Gründen ist die Erforschung der politischen und ideologischen Ausbildung ein notwendiger Schritt hin zu einer detaillierten Geschichte des osteuropäischen Kommunismus. Die vorliegende Studie konzentriert sich auf eine Untersuchung der regionalen Parteischule von Timișoara in den Jahren von 1948 bis 1973, die Parteiaktivisten „aus der zweiten Reihe“ der Partei- und Verwaltungsbürokratie politisch und ideologisch schulte.

 


René Schlott, Ablehnung und Anerkennung. Raul Hilberg und das Institut für Zeitgeschichte

 

Die Publikationsgeschichte von Raul Hilbergs Werk „The Destruction of the European Jews“ hat 2017 einiges Aufsehen erregt, als zwei Gutachten veröffentlicht wurden, in denen Mitarbeitende des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) von einer Übersetzung ins Deutsche abrieten. Damals blieben jedoch wichtige Fragen offen, denen sich diese Dokumentation auf der Basis neuer Archivfunde aus den Verlagsarchiven von C.H.Beck und Droemer Knaur widmet. Zudem ist im Nachlass von Ino Arndt ein Briefwechsel aufgetaucht, in dem sich die Autorin des bereits bekannten Gutachtens aus dem Jahr 1980 mit dem Verlag Darmstädter Blätter über eine mögliche Übersetzung von Hilbergs Werk austauschte und auf die damit verbundenen Kosten aufmerksam machte. Damit liegen nun drei dokumentierte Ablehnungen aus dem IfZ vor. Zugleich zeigen aber andere Quellen, dass Hilbergs Werk durch das Institut für Zeitgeschichte Wertschätzung und Anerkennung erfuhr. Die Beziehung zwischen Hilberg und dem Münchner Institut bleibt somit ambivalent.

 



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